Das neue Ostschweizer Buch: «Links aufmarschieren»
publiziert: Freitag, 13. Aug 2010 / 08:00 Uhr / aktualisiert: Freitag, 13. Aug 2010 / 08:31 Uhr

Das neue Buch «Links aufmarschieren», aus der Frühgeschichte der Ostschweizer Arbeiterbewegung von Dr. Louis Specker bietet erstmals eine ausführliche und systematische Darstellung der Ostschweizer Arbeiterbewegung bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs. news.ch führte mit dem pensioniertem Leiter des Historischen Museums St.Gallen ein Interview über seine Neuerscheinung.

Weiterführende Links zur Meldung:

Chronos Verlag:
Kulturgeschichte, Zeitgeschichte, Technikgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Psychiatrie- und Medizingeschichte, Musik- und Theatergeschichte, Literaturwissenschaft, Biografien und Philosophie
chronos-verlag.ch

Historischer Verein des Kantons St.Gallen:
Fr. 13 August 2010 18:15 Uhr Vernissage des Buches von Louis Specker (gemeinsam mit der Bildungsgemeinschaft St.Gallen und dem Chronos-Verlag, Zürich)
hvsg.ch

news.ch: Wer sind Sie?

Dr. Louis Specker: Ich bin in Pension seit einigen Jahren und war vorher als Leiter des historischen Museums in St.Gallen tätig. Noch etwas früher war ich im Lehramt. Ich habe seinerzeit als Primarlehrer angefangen und mich dann dem Studium der Geschichte und Philosophie zugewandt. Abgeschlossen habe ich mit einer sozial-historischen Dissertation über ein Ostschweizer Thema, einer Biographie verfasst über einen der bedeutendsten schweizerischen Sozialpioniere, über «Weberpfarrer» Howard Eugster Züst. So wurde mein Interesse an der Geschichte der Arbeiterbewegung geweckt.

news.ch: Was bewegte Sie, die Arbeiterbewegung und die dunklen Seiten der Industrialisierung in der Ostschweiz zu beschreiben?

Dr. Louis Specker: Es gibt gesamtschweizerisch ziemlich viele Publikationen zum Thema Arbeiterbewegung. Hingegen beschäftigen sich die meisten davon mit den grossen Regionen Zürich, Basel, Bern und Genf. Die Ostschweiz ist eindeutig zu kurz gekommen. Wenn man sich auf das Thema einlässt, fällt auf, dass sie sich stark unterscheidet von den Arbeiterbewegungen in anderen Regionen. Es ist keine einheitliche Parteienlandschaft, die einem da begegnet, sondern eben eine bunte Palette verschiedener Meinungen und verschiedener Ideologien. Dementsprechend sind unterschiedlich ausgerichtete Organisationen entstanden, die sich zum Teil auch bekämpft haben. Deshalb habe ich im Untertitel des Buches bewusst den Begriff «Arbeiterbewegung» gegeben, es soll nicht eine Parteiengeschichte sein.

news.ch: Welche Gründe gab es, die Mechanismen der Entwicklung der Arbeiterbewegung in der Ostschweiz in ihrem Buch zu beschreiben?

Dr. Louis Specker: Es ist so, dass hier Bedingungen geherrscht haben, welche der Arbeiterorganisation bestimmte Bahnen vorgaben. Ich habe mein Augenmerk vor allem auf zwei Faktoren gerichtet: Das Eine ist die Tatsache, dass hierzulande die Textilindustrie eine dominierende Rolle gespielt hat. Sie förderte eine kleinbürgerliche Mentalität bei den Arbeitnehmern, auf welche die Organisatoren der Arbeiterbewegung Rücksicht zu nehmen hatten. Ausschlaggebend für die Arbeiterorganisation war sodann der Umstand, dass es nicht nur Fabrik-, sondern auch Heimarbeit gegeben hat. Die dort Beschäftigten waren besonders schwierig für den Kampf um die Rechte der Arbeiter zu gewinnen, weil sie sich als kleine Unternehmen fühlten.
Starken Einfluss auf die Arbeiterbewegung in der Ostschweiz übte die religiöse Tradition aus. So kam den katholischen christlich-sozialen Organisationen eine führende Funktion zu. Dann begegnen wir in der Person des «Weberpfarrers» Eugster Züst einem Anhänger des religiösen Sozialismus, einer Bewegung, die versucht hat, christliches Gedankengut mit sozialistischen Iddengut zu vereinen. Etwa später trat auch eine evangelisch-soziale Arbeiterbewegung auf. Und was die sozialistische Avantgarde hier in der Ostschweiz angeht, auch sie musste sich davor hüten, rein ideologisch vorzugehen.

news.ch: Was sind für Sie im Hinblick auf die heutige Politlandschaft zentrale Erkenntnisse aus der geschichtlichen Entwicklung der Arbeiterbewegung?

Dr. Louis Specker: Dass es die Möglichkeit gibt, sich in unserer demokratischen Gesellschaft für seine Interessen einzusetzen, wenn man Wille zeigt, mit Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Wenn man das Generalziel der Arbeiterbewegung ins Blickfeld rückt, ging es nicht einfach um mehr Lohn und um bessere Arbeitsbedingungen, sondern wie ich in meinem Schlusskapitel darlege, letztlich um das Ziel: Der Arbeiter will Mensch werden!

news.ch: Was ist für sie das interessanteste Kapitel in ihrem Buch?

Dr.Louis Specker: Ich beschäftige mich in meinem Buch vor allem mit den Anfängen, sie sind ja immer das Spannendste für den Historiker. Also habe ich weit ausgeholt und die Situation der Arbeiternehmer im 19. Jahrhundert beleuchtet. Wie war sie denn vorher, als die Industrialisierung so langsam begann? Wie haben denn die Leute hier gelebt? Was hat die Industrialisierung für Veränderungen gebracht? Es gab vorher das Phänomen des Pauperismus, der Massenarmut. Die Industrialisierung weckte grosse Hoffnungen. Aber es entstand eine neue Form der Armut, eine temporäre Art der Armut, die in den Gegenden der exportabhängigen Textilindustrie besonders ausgeprägt war.

news.ch: Wer sind für Sie die Pioniere der Arbeiterbewegung?

Dr. Louis Specker: Es gibt eine ganze Reihe von achtbaren Persönlichkeiten, die sich für die Arbeiter und die Arbeiterbewegung eingesetzt haben. Ich habe vorher den «Weberpfarrer» Eugster Züst erwähnt. Bedeutendes für die Arbeiterbewegung haben zum Beispiel auch die Juristen Heinrich Scherrer und Johannes Huber geleistet. Letzterem ist die 1906 erfolgte Gründung eienr kantonalen st.gallischen sozialdemokratische Partei zu verdanken. Diese Leute waren alles keine sturen Ideologen, sondern Pragmatiker, kluge Strategen, vernünftig überlegende Persönlichkeiten. Denn nur so konnten sie die Schicht der Arbeiter für die Sache der Organisation gewinnen und davon überzeugen, dass es richtig sei, sich zu wehren.

news.ch: Gehören Sie einer Partei an?

Dr. Louis Specker: Nein, ich bin parteilos.

news.ch: Welche wichtige Erkenntnisse haben Sie aus der Beschäftigung mit der Arbeiterbewegung gewonnen?

Dr. Louis Specker: Es lohnt sich zu kämpfen für die Wahrung der Menschenwürde.


Vernissage

Am Freitag, 13. August 2010, findet um 18.15 Uhr im Restaurant Hirschen an der Rorschacherstrasse 109 in St.Gallen die Buchvernissage statt. Das Buch « Links aufmarschieren» (477 Seiten, 51 Abbildungen) ist im Chronos- Verlag Zürich erschienen.

(Nicole Zellweger/news.ch)

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