Das selbe Spiel – neue Spieler
publiziert: Freitag, 14. Jul 2006 / 12:00 Uhr / aktualisiert: Freitag, 14. Jul 2006 / 12:18 Uhr

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Im Moment ist der Nahost-Krisenherd eindeutig in Israel und im Libanon. Doch auch dort mischt das wahre Epizentrum mit, der Iran. Die vom Iran unterstützte Hizbollah provozierte Israel mit der Entführung zweier Soldaten in die jüngsten massiven Angriffe. Und mit der Warnung, die Irans Präsident vor einem Angriff von Israel auf Syrien gab, wird ein weiterer Hinweis auf das Selbstverständnis des iranischen Regimes gegeben.

Je genauer man hinsieht, desto zentraler ist die Rolle der islamischen Republik am Golf und desto komplexer wird sie. Denn hier wird das «Great Game» wieder aufgenommen, jenes blutige Spiel, das bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von Russland und dem Englischen Königreich mit Afghanistan und Persien, wie der Iran damals hiess, gespielt worden war.

Doch das Spiel hat sich geändert. Alte Spieler sind verschwunden. Neue sind aufgetaucht, die Spielfiguren selbst wollen auch Spieler werden und der Einsatz ist höher geworden. Um sich einen Begriff davon zu machen, wie komplex die ganze Angelegenheit ist, ist es hilfreich, sich eine Aufstellung der Spieler und Gespielten zu machen.

USA: Die Vereinigten Staaten haben seit Jahrzehnten eine zentrale Doktrin in der Aussenpolitik, welche die Kontrolle des Golfs fordert, um die Energieversorgung sicher zu stellen. Unter diesem Blickpunkt macht der Irak-Krieg vor allem in Verbindung mit der Intervention in Afghanistan Sinn: Wären beide Einsätze planmässig verlaufen, würde sich eine Zange um den Iran herum bilden, mit dem das Mullah-Regime geschwächt und allenfalls gestürzt werden könnte – ein wichtiger Faktor, wenn es um die Kontrolle des Golfs geht.

China: Ein neuer Spieler am Tisch. Weder der Irak-Krieg noch die Dauerkrise um Israel treiben den Ölpreis so konstant in die Höhe, wie der Energiehunger der Werkbank der Welt - China. Vor einem Jahrzehnt noch Öl-Exporteur, braucht China nun Energie in Riesenmengen, um das Wachstum seiner Industrie und die Mobilisierung des Milliardenvolkes am Laufen zu halten. Um dies zu bewerkstelligen, sucht China seine Interessen vor allem im Iran zu sichern. Dies findet auf vielen Ebenen statt: Wirtschaftlich mit Abnahmeverträgen und Technologielieferungen, Diplomatisch mit der Protektion des Irans im UN-Sicherheitsrat, Militärisch mit Waffenlieferungen. Die USA können momentan kaum etwas gegen China unternehmen, ist China doch der grösste Kreditgeber und als Werkplatz für die USA zur Zeit unersetzlich.

Russland: Die Russen, in ihrer Rolle als neue Rohstoff-Supermacht mit frischem Selbstbewusstsein ausgestattet, haben zwar noch keine direkten Interessen im Iran, aber sie versuchen wieder, ihren Einfluss in Zentralasien auszudehnen und die USA, die dort zuletzt noch Militärbasen etabliert hatten, zurück zu drängen – mit Erfolg.

Indien hat auch ein Interesse an Öl und Gas aus dem Iran. Zudem erhofft sich der Subkontinent zusätzlich Stabilität im Kaschmir zu erkaufen, wenn es gut mit dem Iran zusammen arbeitet und von jenen Kreisen eine Unterstützung von islamistischen Extremisten ausbleibt. Indien spielt wie China darauf hin, selbst zu einer neuen Supermacht aufzusteigen. Und als solche muss Indien ohne grosse Rücksichten seine eigenen Interessen durchsetzen.

Der Iran will sich schliesslich als Regionalmacht etablieren und Israel vernichten. Als ob das nicht problematisch genug wäre, hängt der iranische Präsident Ahmadinedschad irren Weltuntergangsfantasien nach und strebt nach der Atombombe. Diese dürfte zwar kaum früher als in zehn Jahren gebaut sein, aber das ändert nichts daran, dass diese Perspektive sehr beunruhigend ist und der USA mindestens eine Vorwand zum Eingreifen geben könnte. Denn eine Kontrolle über den Iran würde den Vereinigten Staaten auch einen Hebel gegenüber China und Indien geben. Dass der Iran unterdessen versucht, seinen Einfluss in der Region in Konkurrenz zu den Arabern, die von den Persern traditionell als minderwertige Nomaden betrachtet wurden, zu verstärken, kompliziert alles noch zusätzlich.

«The Great Game» geht weiter, doch das Spielbrett ist komplizierter, die Einsätze sind höher, die Konsequenzen gravierender. Am Ende lässt sich wohl sagen, dass es ein Kampf um Energie und die Sicherung der wirtschaftlichen Zukunft ist, der die Zukunft des Weltfriedens aufs Spiel setzen wird. Tatsache ist aber auch, dass jene Macht, die als erstes seine Energiefrage unabhängig von fossilen Brennstoffen lösen kann, vermutlich den grössten Beitrag zum Weltfrieden bringen wird, den es gibt. Doch bis dahin wird unser Blick auf dem blutigen Spielbrett verharren, dass sich uns in Zentralasien präsentiert.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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