Das wahre Erbe Tschernobyls
publiziert: Freitag, 28. Apr 2006 / 10:58 Uhr / aktualisiert: Freitag, 28. Apr 2006 / 17:28 Uhr

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Es ist unbestritten: Die Explosion des Reaktorblocks 4 in Tschernobyl war eine gigantische Katastrophe, die unglaubliches Leid über tausende Menschen gebracht hat und - auf Grund langwieriger Krebserkrankungen - noch bringen wird.

Es war aber eines nicht: Die Bankrotterklärung der Nukleartechnologie und ein weiterer Offenbarungseid des Sowjet-Systems. Der Unterschied zu früheren Katastrophen, die auch schon zehntausende Leute getötet hatten, war, dass diese international bekannt wurde.

Die Sowjetunion war ein totalitärer Staat, es gab keine auch nur halbwegs vernünftigen Kontrollen in der Industrie, gerade was die Sicherheit anging. Zu allererst mussten die 'Pläne' eingehalten werden. Gab es Probleme, musste nichts desto trotz weiter gewurstelt werden.

Ein Reaktor ohne automatische, nicht überbrückbare Selbstabschaltung wie jener von Tschernobyl, hätte nie gebaut werden dürfen. Doch die Staatsraison liess keine Verzögerung oder Umrüstung zu. Es gehörte zum kommunistischen Selbstverständnis, dem Westen nicht nur ideologisch, sondern auch technisch überlegen zu sein - oder zumindest daran zu glauben.

Passierten trotzdem Fehler, wurden sie meist erfolgreich vertuscht. Wenn jenseits des Urals Rüstungsfabriken explodierten oder Chemieunfälle Tausende töteten, erfuhr man im Westen nichts davon. Erst nach dem Niedergang des Kommunismus tauchten die Berichte auf. Tschernobyl war anders – es liess sich einfach nicht verstecken und auch nicht verleugnen.

Doch angeklagt wurde die Technologie, die, verantwortungslos benutzt, die Katastrophe auslöste. Die Forschung an neuen Reaktortypen wurde in der Folge massiv reduziert. Der technische Fortschritt in diesem Gebiet kam fast zum Stillstand.

Doch nun wollen und werden wieder autoritäre Regime Atomreaktoren bauen. China und Iran fallen einem da als erstes ein. Die Reaktoren, die hier gebaut werden sollen, basieren noch auf der gleichen Nuklear-Technologie wie die alten Reaktoren, die seit Jahrzehnten in Westeuropa stehen. Sie sind ineffizient, produzieren massenhaft nukleare Abfälle und erfordern eine extrem aufwändige und umweltschädigende Gewinnung von spaltbarem Material – vom Bergbau bis zur Anreicherung. Dass nach der Verwendung im Reaktor 95% des Brennstoffes entsorgt werden muss und der Abfall zur Weiterverarbeitung zu Atomwaffen geeignet ist, macht die Sache auch nicht besser.

Theoretisch gibt es bereits Reaktortechniken, die es erlauben würden, die 95% Nuklearabfall aus den bisherigen Atommeilern als Brennstoff zu verwenden, ohne dass am Ende nennenswerte Mengen gefährlicher Reststoffe übrig blieben. Zudem würden Uranabbau und Anreicherung unnötig werden. Doch die Entwicklung dieser Generation vernünftiger AKW's wurde durch Tschernobyl und die Folgen gebremst.

So wird China (und womöglich auch der Iran) nun massenhaft altmodischer Atomkraftwerke hinstellen. Atomkraftwerke, die von einem Staat gebaut werden, der sich bis anhin nicht gross um Umweltschutz und öffentliche Sicherheit gekümmert hat. Ein Staat, der vor allem will, dass die Pläne erfüllt werden. Und die Zeit drängt: China wird wegen ökologischer Bedenken nicht die Energieversorgung seines rasanten Wirtschaftswachtums bremsen lassen. Schon gar nicht kümmert es das pekinger Regime, wo dereinst die abgebrannten Brennstäbe hin kommen. Kommt dazu: Mit dem neuen Reaktortyp hätte auch der Iran keinen Grund, Uran anreichern zu wollen, wenn nicht die Atomwaffe das Ziel wäre.

So gibt es nach Tschernobyl weitere Langzeitfolgen. Atomkraftgegner hofften, dass mit diesem Fanal der Atomkraft der Garaus gemacht würde. Doch am Ende wurde nur verhindert, dass diese Energieform sicherer, vernünftiger und nachhaltig wurde, dass das Erbe Tschernobyls womöglich ein neues, noch schlimmeres sein wird.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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