«Das war haarscharf am Optimum»
publiziert: Samstag, 19. Nov 2005 / 00:16 Uhr

Heinz Günthardt kennt die Szene wie kaum ein Zweiter. Der 46-jährige Schweizer Pionier, einst Doppel-Champion und Einzel-Viertelfinalist in Wimbledon sowie Sieger bei 5 Einzel- und 31 Doppel-Turnieren, ist in Schanghai wie oft als Co-Kommentator von SF DRS (neben Stefan Bürer) dabei.

«Bevor ich etwas bewege, schaue ich es mir genauestens an.»
«Bevor ich etwas bewege, schaue ich es mir genauestens an.»
4 Meldungen im Zusammenhang
Der langjährige Coach von Steffi Graf, auch Betreuer von Jelena Dokic und Jennifer Capriati, wohnt in Monaco und ist Vater dreier Kinder. Im Interview äussert er sich über die herausragenden Leistungen der beiden Schweizer Leader, die Probleme dahinter und über seine Kandidatur als Präsident von Swiss Tennis.

Heinz Günthardt, hätten Sie erwartet, dass Roger Federer und Patty Schnyder ein derart gutes Jahr haben würden?

Heinz Günthardt: «Nein, nicht unbedingt. Bei Patty war immer klar, dass sie enormes Potenzial hat, es war alles nur eine Frage der Konstanz. Bei Roger konnte man sicher nicht erwarten, dass er nach einem Jahr wie 2004 nachdoppeln würde, obwohl er Unmögliches immer wieder möglich macht.»

Innerhalb dieses hervorragenden Jahres: Gab es Spiele, in denen noch mehr möglich gewesen wäre?

Günthardt: «Es gibt natürlich immer zwei, drei Schlüsselspiele. Im Falle von Patty ist sicher schade, dass sie im Viertelfinal von Melbourne gegen Nathalie Dechy verloren hat, da hätte sie unter Umständen einen Grand-Slam-Final erreichen können. Sie hat aber auch ein paar Matches gewonnen, die sie hätte verlieren können. Roger hat im ganzen Jahr nur drei Matches verloren, zwei davon nach Matchbällen. Natürlich kann man sagen, dass auch da nicht alle Niederlagen hätten sein müssen, aber insgesamt waren beide haarscharf am Optimum, Roger natürlich speziell.»

Was trauen Sie den beiden 2006 zu?

Günthardt: «Roger hat das Potenzial, diese sensationellen Leistungen noch einmal zu wiederholen. Es muss aber alles zusammenpassen und Verletzungen oder »Bobos« dürfen sich nicht häufen. Zudem gibt es einige Junge, die nachstossen, wie Rafael Nadal, Richard Gasquet oder auch ein Novak Djokovic, bei denen nicht genau abzuschätzen ist, wie sie sich entwickeln. Patty kann vom Potenzial her wohl sogar noch ein bisschen mehr, als sie bisher gezeigt hat. Sie hat bewiesen, dass sie mit den Weltbesten konstant mithalten kann, diese dann aber auch einmal in einem Halbfinal eines Grand Slams zu schlagen, ist noch einmal ein Schritt. Sehr viel hängt auch vom Selbstvertrauen ab, Roger Federer ist dabei das beste Beispiel.»

Hinter den beiden Leadern kam heuer nur Stanislas Wawrinka richtig auf.

Günthardt: «Wawrinka hat tatsächlich Fortschritte gemacht. Den Jungen reicht manchmal aber schon eine Woche, um Riesenschritte zu machen, auch da hängt vieles mit dem Selbstvertrauen zusammen. Das war schon bei mir so: Ich konnte mich zwei Wochen nicht qualifizieren, scheiterte dann im nächsten Turnier in der letzten Qualifikationsrunde, kam als Lucky Loser rein und gewann dann das Turnier (seinen ersten Titel 1980 in Springfield, Massachusetts, Red.). Anschliessend war ich ein ganz anderer Spieler.»

Sehen Sie weitere Spieler, die den Sprung bald schaffen könnten?

Günthardt: «Schwierig zu sagen, um das beurteilen zu können, braucht man fast täglichen Umgang mit einem Spieler. Die momentanen Resultate sagen manchmal über das effektive Potenzial wenig aus.»

Die grösste Enttäuschung des Jahres war aber unzweifelhaft Timea Bacsinszky, bei der Sie in einer Art «Supervisor»-Funktion tätig sind. Was ist da schief gelaufen?

Günthardt: «Sie hatte in diesem Jahr gewisse Motivationsprobleme. Das ist aber an und für sich nichts Ungewöhnliches. Die Berufswahl ist in diesem Alter extrem schwierig. Ich habe eine 19-jährige Tochter, die nach der Matura gerade ein Zwischenjahr einlegt, weil sie nicht weiss, was sie studieren soll. Ich bin überzeugt, dass Timea, falls sie sich konsequent für das Tennis entscheidet, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere mitbringt.»

2006 verspricht schweizerischerseits nicht nur auf sondern auch neben dem Court viel Spannung. Im März wird der Nachfolger von Christine Ungricht als Präsident von Swiss Tennis gewählt. Was hat Sie bewogen, für dieses Amt zu kandidieren?

Günthardt: «Ich bin der Ansicht, dass ehemalige Aktive vermehrt Verantwortung übernehmen sollen und zwar auch in politischen Funktionen. Sie tun das zwar oft als Trainer, aber nur selten in der Sportpolitik.»

Wie würde Ihr Programm aussehen?

Günthardt: «Ich habe kein konkretes Programm. Wichtig ist mir, an Aufgaben unvoreingenommen heranzugehen, um allfällige Probleme auch objektiv beurteilen zu können. Der Teufel liegt oft im Detail -- manchmal auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Man muss den Problemen auf den Grund gehen und ich würde so vorgehen, wie ich das immer getan habe: Bevor ich etwas bewege, schaue ich es mir genauestens an.»

Also würden Sie nicht «diktatorisch» führen?

Günthardt: «Nein, man muss die Leute am richtigen Ort einsetzen und ihnen Kompetenzen geben, alles andere ist ineffizient.»

Sind Sie überrascht, dass nun auch René Stammbach kandidiert und erwarten Sie weitere «Gegner»?

Günthardt: «Nein, ich bin überhaupt nicht überrascht. Es soll jeder kandidieren, der das Gefühl hat, die Kriterien zu erfüllen. Weiter rechne ich mit Erik Keller und Peter Gubler.»

Rechnen Sie mit einem animierten Wahlkampf?

Günthardt: «Es sieht danach aus.»

(Interview: Marco Keller, Schanghai/Si)

?
Facebook
SMS
SMS
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Dank dem Vorstoss in den ... mehr lesen
Roger Federer profitierte von den Absenzen seiner direkten Konkurrenten.
Roger Federer an den ATP Masters 2005 in Shanghai.
Nach der schmerzhaften Niederlage gegen David Nalbandian erfüllte Roger Federer auch den letzten Pflichttermin des Tennisjahres gewohnt souverän. mehr lesen
Roger Federer trat auch auch an ... mehr lesen
Noch eine Trophäe mehr für die Weltnummer 1.
Patty Schnyder beendete die Saison mit Erfolg.
Ohne gespielt zu haben, hat Patty ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Es war kein einfacher Entscheid, aber ich habe ihn gefällt, um sicher zu gehen.«
«Es war kein einfacher Entscheid, aber ich habe ihn gefällt, um sicher zu ...
French Open Noch nicht von Rückenbeschwerden erholt  Roger Federer muss für das am Sonntag beginnende French Open Forfait erklären. Der Baselbieter hat sich noch nicht vollständig von seinen Rückenbeschwerden erholt. mehr lesen  
French Open French Open  Roger Federer reist bereits am Dienstag nach Paris, um seinen Rücken so früh wie möglich auf den Sandplätzen von Roland Garros zu ... mehr lesen  
Federer wisse nicht, ob es Sinn mache, in Paris anzutreten. (Archivbild)
ATP Rom  Für Roger Federer ist das Masters-1000-Turnier in Rom zu Ende. Der nicht ganz fitte Baselbieter scheitert in den Achtelfinals am Österreicher Dominic Thiem in zwei Sätzen. mehr lesen  
ATP Rom  Roger Federers glückt das Comeback beim Masters-1000-Turnier in Rom. Nach einem Freilos bezwingt die Weltnummer 2 in der 2. Runde den 19-jährigen Deutschen Alexander Zverev 6:3, 7:5. mehr lesen  
Titel Forum Teaser
  • kurol aus Wiesendangen 4
    Das Richtige tun Hatten wir schon, talentierte Spieler wechselten zu Bayern und ... Mi, 01.06.16 12:01
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Zu dumm nur, dass der Jorian zu 100% aus chemischen Verbindungen besteht, er warnt ... Fr, 22.01.16 21:16
  • Pacino aus Brittnau 731
    Weltweit . . . . . . wird Hanf konsumiert. Zum Genuss aber auch als Arzneimittel. ... Fr, 22.01.16 08:58
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    1 : 0 Daesh (IS) vs. Freie Restwelt Es läuft aber immer noch die erst Halbzeit. Verlängerung und ... Di, 17.11.15 22:26
  • Bogoljubow aus Zug 350
    Wenn die Russen flächendeckend gedopt haben, dann muss man die Ergebnisse sehr genau ... Fr, 13.11.15 10:53
  • jorian aus Dulliken 1754
    5'000'000 zu 0 für die Verschwörungstheoretiker! Was heute um 20:15 schönes kommt! http://www.3sat.de/programm/ ... Do, 22.10.15 19:21
  • jorian aus Dulliken 1754
    Der Fussballgott! Der Name dieses Gottes wird im Hörspiel nicht genannt, dennoch weiss ... Fr, 16.10.15 18:51
  • Koelbi aus Graz 1
    Wir freuen uns... ...auf den Test gegen den Lieblingsnachbarn am 17. November. ... Mo, 12.10.15 03:31
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute So Mo
Zürich 18°C 21°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen freundlich
Basel 16°C 23°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen recht sonnig
St. Gallen 17°C 19°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen Wolkenfelder, kaum Regen
Bern 15°C 21°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich recht sonnig
Luzern 16°C 21°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen freundlich
Genf 17°C 24°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Lugano 17°C 22°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich recht sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten