Debatten wie im Pub
publiziert: Freitag, 29. Apr 2005 / 12:10 Uhr / aktualisiert: Freitag, 29. Apr 2005 / 14:13 Uhr

London - Die Sitten des britischen Unterhauses erscheinen Aussenstehenden bisweilen sehr befremdlich.

8 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Das britische Parlament
Houses of Parliament, the House of Commons und the House of Lords.
www.parliament.uk

Die Abgeordneten johlen, grölen und lärmen, legen die Füsse auf die Stuhllehnen und haben noch nicht einmal alle Platz. Man drängt sich zusammen, eine Regierungsbank gibt es nicht, stattdessen blicken sich Regierungspartei und Opposition direkt in die Augen - nur zwei Degenlängen voneinander entfernt. "Order! Order!" ruft der Speaker, der Parlamentspräsident, ein ums andere Mal. Aber in diesen Haufen lässt sich keine Ordnung bringen.

In der "Mutter aller Parlamente" geht es zu wie im Pub. Sie ist als "beste Kneipe Londons" bekannt, weil in den 14 Bars mit Spitznamen wie "Kreml" und "Ehebrecher-Bar" rund um die Uhr Alkohol ausgeschenkt werden darf - ohne Sperrstunde.

Keine direkte Anrede

Gleichzeitig werden jahrhundertealte Formen gewahrt. So ist der Speaker streng genommen der einzige, mit dem die Abgeordneten reden. Auch in der Debatte dürfen sie sich nicht direkt ansprechen, schon gar nicht mit Namen. Einzig korrekt ist folgende Ausdrucksweise: "Mr. Speaker, das Ehrenwerte Mitglied für (den Wahlkreis) Bexleyheath und Crayford redet mal wieder völligen Unsinn." Spickzettel sind verpönt. Man redet frei - und wer das nicht kann, hat keine Chance.

Daneben wird von jedem Abgeordneten erwartet, die Belange seines Wahlkreises zu vertreten. Regelmässig kommt es in der Fragestunde des Premierministers am Mittwochmittag vor, dass sich zum Beispiel während einer erhitzten Irakdebatte plötzlich ein Hinterbänkler zu Wort meldet. Dessen Frage lautet dann: "Was sagt diese Regierung zu der folgenschweren Schliessung des Postamtes auf der Hauptgeschäftsstrasse meines Wahlkreises?"

Die einzig korrekte Reaktion des Premierministers ist dann, möglichst frei von Ironie, zu antworten: "Mr. Speaker, der Ernst der Lage im Wahlkreis des Ehrenwerten Mitglieds für XY ist mir voll bewusst..."

"Einfaches" Haus

Der Saal des Unterhauses mit seinen grünen Ledersitzen ist schlicht gehalten. Schliesslich ist dies in der englischen Originalbezeichnung das "House of Commons", das Haus der einfachen Leute - nicht der hohen Herren, der Lords, die ein paar Gänge weiter wie in einem Dom residieren. Die Lords des Oberhauses sind heute weitgehend entmachtet. Überhaupt sagt man, in Grossbritannien herrsche für die Dauer einer Legislaturperiode jeweils eine "Parteidiktatur".

Das heisst: Das Mehrheitswahlrecht, wonach in jedem Wahlkreis immer nur der mit den meisten Stimmen einen Parlamentssitz bekommt und alle anderen leer ausgehen, führt normalerweise zu sehr klaren Mehrheiten.

So verzweigt wie der Palast von Westminster mit seinen 4,8 Kilometer langen Korridoren und 1100 Räumen sind auch die bis ins Mittelalter zurückreichenden Gesetze und Traditionen, in die die Parlamentarier eingebunden sind.

In den 70er Jahren wurde dieses System oft als eine der Ursachen für die damalige Wirtschaftsmisere Grossbritanniens genannt. Doch kein britischer Politiker wäre auf die Idee gekommen, das System zu "reformieren". Der Respekt vor Tradition und Geschichte - das ist es, was ein Brite unter der "Würde des Hohen Hauses" versteht.

(Christoph Driessen/dpa)

Lesen Sie hier mehr zum Thema
London - Vier Tage nach der ... mehr lesen
Tony Blair holt parteiinterne Gegner in die Regierung.
Michael Howard hatte eigentlich ein gutes Ergebnis eingefahren.
London - Nach der Wahlniederlage ... mehr lesen
London - Der britische Premier Tony ... mehr lesen
Tony Blair hat mit seiner Labour-Partei nur 36 Prozent der Stimmen bekommen.
Für Tony Blair sieht die Lage nicht mehr so komfortabel aus.
London - Fünf Tage vor der ... mehr lesen
London - Eine Woche vor der Parlamentswahl in Grossbritannien ist Premierminister Tony Blair bei einem Fernsehauftritt der Spitzenkandidaten wegen des Irak-Kriegs massiv in die Kritik geraten. mehr lesen 
Weitere Artikel im Zusammenhang
London - Der britische Premierminister Tony Blair hat gemäss Umfragen gute Chancen, bei den Parlamentswahlen am 5. Mai für eine dritte Amtszeit bestätigt zu werden. mehr lesen 
London - In Grossbritannien wird wie ... mehr lesen
Tony Blair hat gute Chancen auf eine dritte Amtszeit.
London - Der britische Premierminister Tony Blair kann sich nach der jüngsten Umfrage auf eine dritte Amtszeit einstellen. mehr lesen 
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Mi Do
Zürich 5°C 6°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
Basel 8°C 8°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 5°C 4°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig starker Schneeregen wolkig, aber kaum Regen
Bern 6°C 6°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
Luzern 5°C 9°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
Genf 9°C 8°C trüb und nassleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig trüb und nass wolkig, aber kaum Regen
Lugano 4°C 9°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen freundlich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten