Demokratie im Fleischwolf
publiziert: Mittwoch, 19. Okt 2011 / 08:54 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 19. Okt 2011 / 10:11 Uhr
OK, oben Demokratie rein und was kommt unten raus? Oh, Populismus-Hackfleisch!
OK, oben Demokratie rein und was kommt unten raus? Oh, Populismus-Hackfleisch!

Am 23. Oktober 2011 finden in der Schweiz nationale Wahlen statt. Traditionsgemäss müssen mit den Wahlunterlagen auch Erläuterungen zum eigentlichen Wahlprozedere mitgeliefert werden. Dieses Jahr lag eine kleine Staats- und Wahlkunde bei, die dem Begriff «Dumbing Down» neue Tiefen verlieh. Tragisch an der Geschichte ist, wie die bittere Demokratiesatire aus höchsten Würden von uns allen als «normal» angesehen wird.

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Die Bundeskanzlerin schreibt im Vorwort: «Mit dieser Broschüre möchte ich Ihnen die Nationalratswahlen 2011 schmackhaft machen.» Seit wann verleiben wir uns die Demokratie ein? Seit wir dank den Grossbanken sonst nichts mehr zu fressen haben? Weiter geht der Text: «Das politische System und die Gastronomie haben in der Schweiz eines gemeinsam: Sie sind einmalig und hochklassig, und wir dürfen zu Recht stolz darauf sein. In keinem anderen Staat der Welt haben die Bürgerinnen und Bürger so weitreichende Mitbestimmungsrechte, und kein Land der Welt hat so viele Spitzenköchinnen und -köche und Spitzenrestaurants pro Kopf der Bevölkerung.»

Meint die Bundeskanzlerin dies wirklich ernst oder hat sie für einen Auftritt bei Giacobbo/Müller geübt? Vielleicht hat sie auch nur beim Parteiprogramm der SVP abgeschrieben, denn Schweizer können ja nur SVP wählen. Was soll denn dieser Satz: «In keinem anderen Staat der Welt haben die Bürger so weitreichende Mitbestimmungsrechte?»

In Deutschland kann ich in meinem Betrieb hundertmal mehr mitreden als in der Schweiz. In Frankreich wähle ich mit dem Staatspräsidenten ein echtes politisches Programm. In Kalifornien stimme ich noch häufiger über Initiativen und Referenden ab als dies in der Schweiz der Fall ist. In Kanada habe ich ein Bürgerrecht, welches mir ein Mindesteinkommen, ein Recht auf Bildung und ein Recht auf anständige Krankenversorgung garantiert. In Dänemark habe ich die Möglichkeit, meine Stelle schnell zu verlieren oder zu kündigen, ohne dass ich Sozialhilfebezüger werden muss. In Finnland habe ich als Frau die Garantie, dass ich dieselbe Ausbildung, den gleichen Lohn wie ein Mann kriege. In Schweden kann ich Mutter von drei, vier,fünf Kindern sein, ohne unbedingt einen Ehemann, der mich versorgt, anschaffen zu müssen. In Norwegen darf ich in einem börsenkotierten Unternehmen dank meiner Kompetenz und nicht wie in der Schweiz dank Filz und Männernetzwerk, Einsitz nehmen. In Italien darf ich kritische Artikel in Populär- und akademischen Zeitschriften verfassen, ohne dass ich von den öffentlich-rechtlichen Medien mundtot gemacht oder von sämtlichen nationalen Forschungsfonds ausgeschlossen werde. Eine Ausländerin aus dem EU-Raum, die in Belgien lebt und arbeitet, kann nach 6 Jahren schon abstimmen und wählen, ohne dass sie gleich Belgierin werden muss. In Grossbritannien kriege ich nach sechs Jahren Arbeit und Niederlassung sogar den britischen Pass.

All dies sind auch Formen der Mitbestimmung von Bürger und Bürgerinnen! Dafür kann ich in der Schweiz zwar über die Höhe des Gartenzaunes meines Nachbarn abstimmen, jedoch nicht, wenn die Volksvertreter beschliessen, die Verfassung zu brechen oder 68 Milliarden des Steuervermögens für private Institutionen auszugeben. Ich kann vom Staat auch locker gezwungen werden für ein Fernsehgerät Gebühren zu zahlen, das ich nicht einmal besitze! Und punkto Spitzenköche und Schweizer Küche: Sorry. Wer einmal in Brüssel gelebt hat, wird sich in der Schweiz gastronomisch nicht mehr wirklich zuhause fühlen - doch das ist nun ein Nebengeleis.

Stossend an der Küchenpolitik der Schweizerischen Bundeskanzlei ist der Tonfall, mit dem die Demokratie in dem wortpopulistischen Fleischwolf zerhackt wird. Der kategorische Imperativ der Broschüre lautet: «Beleidige konsequent die Intelligenz des Bürgers.» Peinlich ist auch der von der Bundeskanzlei propagierte Nationalismus und die mystische Verklärung des schweizerischen politischen Systems. Die kleine Wahl- und Staatskunde trieft nur so von Geistiger Landesverteidigung. In 50 Jahren werden Historiker mit gewissen Amüsement solche Quellen unter «Renationalisierung und Diskurs der Enge» einordnen.

Das Amtsdokument passt nicht zur realen Schweiz. Es passt eigentlich und wirklich nur zu einer Partei. Deshalb wählen Schweizer nächsten Sonntag zu über unfassbaren 26-29 Prozent auch SVP. Weil selbst unter sogenannt gebildeten Leuten der Wille zur infantilen Verbilderung (bitte nie das Publikum überfordern!) schon im Grosshirn abgespeichert ist. Lesen Sie die kleine Wahl- und Staatskunde durch und Sie stellen fest: Alles im SVP-Jargon verfasst. Was indessen noch schlimmer ist: Niemand stört sich daran.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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habe mir lange überlegt,
ob ich Ihnen ans Bein pinkeln soll, denn in der Sache, kompostieren und Biogas produzieren, bin ich mit Ihnen in den meisten Beiträgen von Frau Stämpfli ja durchaus einig. Aber: Kartoffelsalat aus dem Kühlschrank? En Guete!
redet doch die Schweiz nicht schlecht!
Darf ich daran erinnern, dass Corina Casanova CVP-Mitglied ist: http://www.bk.admin.ch/org/00841/03995/04148/index.html?lang=de. Unser System ist sehr träge, das stimmt. Aber vielleicht ist gerade dies das Gute, denn da gibt es keine unüberlegten Schnellschüsse. Im Beamtenstaatenbund EU möchte ich jedenfalls nicht leben, da ist mir unsere von RS lächerlich gemachte Schweiz 10 x lieber. Übrigens: auch das lange vom "Terminator" regierte Kalifornien ist ebenfalls pleite! Ich ärgere mich auch über das Verschleppen der Abzocker-Initiative; aber sie wird dem Volk vorgelegt werden müssen, es sei denn, Thomas Minder zieht sie zurück.
Je nachdem..
...sind die 28% schon eine Mehrheit, eine relative wenigstens. Aber keine absolute; es ist gut, dass Sie darauf hinweisen. Freuen Sie sich auch schon auf Montag? Ich meine nur, weil dann die Wahlen endlich vorüber sind - vorläufig.
Artikel aus dem Fleischwolf
Mann kann bei jedem Land nur die positiven Seiten aufführen. Was zählt ist die Summe.

Wägt man die negativen und positiven Seiten eines Landes richtig ab, so können zur Zeit gerade zwei Länder mit der Schweiz mithalten: Norwegen und Singapore.

Der Rest des Artikels ist Sozi-Multikulti-Euro-Ideologie-Müll.
Wäre das Wort
"SVP-Jargon" nicht... könnte ich mich anschliessen. Aber es ist wirklich nicht die Schuld der SVP, dass die Leute verdummen oder die Obrigkeit davon ausgeht, dass es so sei...

Lesen Sie mal verschiedene Bedienungsanleitungen oder hören Sie zu, wenn gewisse Kreise über Otto Normalbürger sprechen.

Dieses "lasst uns mündige Bürger wie kleine geistig stehengebliebene Kinder behandeln" stammt aus den USA, von wo könnte so ein Mist auch sonst kommen? Werbeagenturen und politische Gremien haben dieses Prinzip aufgegriffen und das Erschreckende daran ist wirklich, dass die das für eine gute Sache halten und keiner sich dagegen wehrt. Jedem mit einem Gehirn ausgestatteten Zeitgenossen müsste eigentlich die Galle hochkommen, bei so einer Verballhornung.

Ich meine, ich könnte auch bald auf die Idee kommen, auf dem Bundesplatz die Hose herunter zu lassen und dort mal für grosse Jungs. Schliesslich steht nirgendwo ein Schild, dass man das nicht darf.
Mehr Schein als Sein
Unsere direkte Demokratie ist mehr Schein als Sein.

Initiativen werden kaum jeh angenommen, ausser der Wähler ist hässig und will Denkzettel verpassen.

Es wird Notrecht angewendet, Unrecht im Nachhinein vom Parlament abgesegnet und auch noch vom Bundesgericht legitimiert.
Nachweislich durch falsche Angaben gewonnene Abstimmungen nicht wiederholt oder angepasst (Unternehmenssteuerreform).
AHV Reformen in 10 Jähriger Entstehung einfach gekillt.

Und wo genau konnten wir da mitbestimmen?? Eben.

Und kommt eine den rechtsbürgerlichen Deppen zu gefährliche Initiative über den Weg, wird sie dem Volk einfach vorenthalten.

Das die Wahlunterlagen SVPisiert sind ist mir auch aufgefallen, gewundert hat es mich nicht.
Das SVP Jargon hat eben gründlich unbewusst abgefärbt auf alle anderen in Bern.

Der 23.10.11 ist eigentlich irrelevant geworden. Gesamterneuerungswahlen, wie es ja so schön heisst, sind Anno 2011 nicht mehr viel Wert.
Die Verschiebungen werden zu gering sein um etwas Leben in die Politik zu bringen.
Auch in den nächsten 4 Jahren wird nicht viel zustandekommen.
Ohne gründliche Regierungsreformen wird die Schweiz weiterhin in den Abgrund politisiert werden.

Wählen muss man natürlich trotzdem. Gerade die Mitte bis Links geneigten Leute sollten dringend wählen gehen, sonst wird die SVP wieder dank ihrem voll ausgeschöpften Mobilisierungserfolg bei knapp 30% bleiben.
Lauwarmer Kartoffelsalat
mit verdorbener Mayonnaise.
Dafür gibt ma wieder nur eins: Wir machen Biogas daraus, dann hat der Text noch wenigstens einen Nutzen.
Es lebe die EU welche in den eigenen Schulden versinkt.
.
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