
In Vietnam wurde ein Journalist wegen Korruption verhaftet, angeklagt und zu vier Jahren Haft verurteilt. Ebenfalls verhaftet wurden schon zuvor mehrere Direktoren von Staatsbetrieben, und einige sind bereits zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Nicht gerade «Breaking News». Doch waren es seit längerer Zeit die ersten News aus Vietnam. Warum gerade jetzt? Warum nicht früher und öfter?
Je nach Kultur, Ideologie, Gesellschaft und Nation gibt es unterschiedliche Ansätze. An den oben erwähnten Nachrichten aus Vietnam lässt sich das exemplarisch zeigen. Zunächst die Fakten. Ein Recherchier-Journalist der angesehenen Zeitung Tuoi Tre – wie alle Medien im kommunistischen Vietnam von Partei oder Regierung kontrolliert – bezahlte einen Polizisten, um sein beschlagnahmtes Moped wiederzubekommen. Der Journalist wollte mit dem inszenierten Moped-Fall die in Vietnam von unten bis ganz oben grassierende Korruption blossstellen. Das Gericht nahm ihm das nicht ab und verurteilte ihn zu vier Jahren Gefängnis.
Dass Korruption ein Riesenproblem ist, wurde aber kurz zuvor deutlich und ebenfalls in den vietnamesischen Medien gross abgehandelt. Verhaftet wurde vor kurzem Duong Chi Dung, Generaldirektor von Vinalines, der grössten Reederei des Landes. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: «Vorsätzliche Verletzung der staatlichen Regeln über wirtschaftliches Management mit gravierenden Konsequenzen». Die Schuldenlast von Vinalines beläuft sich auf 43 Billionen Dong, umgerechnet über zwei Milliarden Dollar. Bereits abgeurteilt ist Pham Tanh Binh, Generaldirektor von Vinashin, der grössten Werft des Landes. Schulden von über 80 Billionen Dong hatten sich unter Binhs Misswirtschaft angehäuft. Er wurde zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Einige seiner Mit-Direktoren wurden Haftstrafen von drei bis neunzehn Jahren aufgebrummt.
Politisch interessant an beiden Fällen ist die Tatsache, dass die beiden Generaldirektoren enge Beziehungen zu Ministerpräsident Nguyen Tan Dung pflegten. In der Partei nämlich gehört Nguyen Tan Dung eher zu den vorsichtigen Reformern, die nichts «überstürzen» wollen. Eine Mehrheit im Machtzentrum allerdings will schnellere Reformen des Staatssektors, der auch 26 Jahre nach Beginn von Doi Moi (Öffnung und Reform) noch immer ein Drittel der Volkswirtschaft ausmacht. Vietnamesische Staatsbetriebe sind notorisch unrentabel, international nicht konkurrenzfähig, verschlingen hohe Kredite und sind eine schwere Belastung für das Bankensystem. Internationale Rating-Agenturen haben deshalb Vietnam bereits empfindlich heruntergestuft. Staatsbetriebe beschäftigen überdies Hunderttausende von überflüssigen Arbeitskräften, was wohl mit ein Grund ist, warum vorsichtige Reformer nichts überstürzen wollen, denn Arbeitslosigkeit ist in einem sozialistischen Staat nicht gut fürs Image der allein herrschende KP.
Doch schnelle Reformen sind dringend nötig, um die an sich dynamische Wirtschaft mit einer Wachstumsrate von sieben bis acht Prozentpunkten nicht auszubremsen. Vietnam hat das Brutto-Inlandprodukt per Capita in den letzten zwölf Jahren von 410 auf beachtliche 3000 Dollar erhöht. Die Anzahl jener, die nach UNO-Massstab (1,25 Dollar pro Tag pro Kopf) in absoluter Armut leben, ist auf rund zwanzig Prozent gedrückt worden. Weltweit ist Vietnam heute der grösste Kaffee-Exporteur der Welt, der zweitgrösste Reis-Exporteur und der fünftgrösste Textil-Exporteur. Vietnam will in der Wertschöpfungskette aber auch nach oben klettern und ist im IT-Bereich etwa auf gutem Weg. Das Land mit 85 Millionen Einwohnern hat ein gutes Bildungssystem und ist drauf und dran, ein asiatischer Tiger-Staat zu werden. Das kann aber nur gut gehen, wenn relativ zügig weitere wirtschaftliche Reformen in die Wege geleitet werden.
Nicht von ungefähr wurden deshalb in Vietnam diese Korruptionsfälle prominent in den Medien abgehandelt. Es stärkt den Flügel jener in der Partei, die sich für schnelle Reformen der Staatsbetriebe einsetzen. In Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt waren es somit «positive» Nachrichten, zeigten doch die Verhaftungen und die Urteile, dass es die allmächtige kommunistische Partei ernst meint mit dem dem Volk immer wieder versprochenen Anti-Korruptions-Kampf. Diese Botschaft fügt sich so nahtlos ins journalistische Credo ein, das zwar vom kommunistischen Propaganda-Apparat vereinnahmt wurde, Wurzeln aber auch in der asiatisch-konfuzianischen Kultur hat. So lautet denn ein chinesisches Diktum: «Berichte das Gute, vernachlässige das Schlechte». Es kann deshalb nicht verwundern, dass sich Nationen wie Vietnam oder auch China vom Westen missverstanden fühlen und den grossen, beherrschenden Nachrichtenagenturen, den grossen Zeitungen und den westlichen elektronischen Medien vorwerfen, ein falsches, nämlich meist negatives Bild zu zeichnen.
Der Vorwurf ist nicht ganz falsch, doch aus einem andern als dem in den Propaganda-Abteilungen von Peking und Hanoi behaupteten Grund. Westliche Korrespondenten sind meist gut unterrichtet und wären sehr wohl in der Lage, ein akkurates Bild eines Landes zu zeichnen. Allein, die westlichen Medien arbeiten in einer Spassgesellschaft mit einem Umfeld harter wirtschaftlicher Konkurrenz nach einem diametral entgegengesetzten Prinzip. Für westliche Asien-Korrespondenten und vor allem deren Redaktionen sind mithin eben meist nur «bad news good news» oder anders ausgedrückt: «Berichte das Schlechte, vernachlässige das Gute». Die beschriebenen Vorkomnisse in Vietnam zeigen genau das. Während in Vietnam selbst die News ins Positive gedreht werden, kommen die haargenau gleichen Nachrichten in westlichen Medien pechschwarz im Negativen daher. Überflüssig zu sagen, dass beide Versionen am Ziel manchmal mehr, manchmal weniger vorbei schiessen.
Ohne Reflexion freilich ist weder der negative noch der positive Ansatz zu überwinden. Auch dafür gibt es ein vietnamesisches Bonmot: «Es ist schwierig von einem Tiger herunterzukommen, den man reitet». Um den kulturell eurozentrischen geprägten Blickwinkel unserer westlichen Medien zu durchbrechen, gäbe es ein probates Mittel. Leser, vor allem aber Journalisten und Redaktoren sollten sich täglich nicht nur über die internationalen Agenturen Reutes, AFP oder in NZZ, FAZ, Corriere della Sera, New York Times oder ähnlichen westlichen Qualitäts-Medien kundig machen. Warum nicht einmal einen Blick in die chinesische Nachrichten-Agentur Xinhua oder indische, afrikanische oder lateinamerikanische Nachrichten-Agenturen werfen? Warum nicht Kommentare in «Renmin Ribao» aus China, «Hindu Times» aus Indien, «La Nacion» aus Lateinamerika oder einem afrikanischen Blatt lesen? Im Zeitalter des elektronischen Weltdorfes mit dem Internet ist das fürwahr kein Problem mehr. Blickwinkel und Perspektive verändern sich. Es ist eine Offenbarung.
(Peter Achten/news.ch)
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