Den Tiger reiten
publiziert: Montag, 10. Sep 2012 / 14:12 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 12. Sep 2012 / 09:18 Uhr
Ein Blick über den lokalen Pressetellerrand kann eine Offenbahrung sein.
Ein Blick über den lokalen Pressetellerrand kann eine Offenbahrung sein.

In Vietnam wurde ein Journalist wegen Korruption verhaftet, angeklagt und zu vier Jahren Haft verurteilt. Ebenfalls verhaftet wurden schon zuvor mehrere Direktoren von Staatsbetrieben, und einige sind bereits zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Nicht gerade «Breaking News». Doch waren es seit längerer Zeit die ersten News aus Vietnam. Warum gerade jetzt? Warum nicht früher und öfter?

Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
Es ist die immer wieder gestellte Frage nach dem Zustandekommen und der Weiterverbreitung von Nachrichten. Kurz, mit der Beschleunigung jeglicher Kommunikation hat sich in den letzten Jahrzehnten sowohl das Verhalten der Journalisten als auch der Leser, Hörer, Zuschauer verändert. Heute ist alles und jedes dank dem Netz aller Netze und dank zig-Millionen Bloggern rund um die Uhr und den Globus sofort und immer erfahr- und abrufbar. Auch die Nachrichten-Kanäle haben sich verändert, werden aber noch immer von westlichen Kommunikations-Unternehmen beherrscht. Dies selbst jetzt, obwohl sich doch das Epizentrum der Welt seit gut drei Jahrzehnten zum ersten Mal seit der industriellen Revolution vor über zweihundert Jahren vom atlantischen in den asiatisch-pazifischen Raum verschiebt. Überall, in West und Ost braucht es – wegen der Informations-Lawine – Journalisten oder wie sie im wissenschaftlichen Kommunikations-Chinesisch heissen «Gate-Keepers», also Torhüter, die Wichtiges von Unwichtigem trennen.

Je nach Kultur, Ideologie, Gesellschaft und Nation gibt es unterschiedliche Ansätze. An den oben erwähnten Nachrichten aus Vietnam lässt sich das exemplarisch zeigen. Zunächst die Fakten. Ein Recherchier-Journalist der angesehenen Zeitung Tuoi Tre – wie alle Medien im kommunistischen Vietnam von Partei oder Regierung kontrolliert – bezahlte einen Polizisten, um sein beschlagnahmtes Moped wiederzubekommen. Der Journalist wollte mit dem inszenierten Moped-Fall die in Vietnam von unten bis ganz oben grassierende Korruption blossstellen. Das Gericht nahm ihm das nicht ab und verurteilte ihn zu vier Jahren Gefängnis.

Dass Korruption ein Riesenproblem ist, wurde aber kurz zuvor deutlich und ebenfalls in den vietnamesischen Medien gross abgehandelt. Verhaftet wurde vor kurzem Duong Chi Dung, Generaldirektor von Vinalines, der grössten Reederei des Landes. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: «Vorsätzliche Verletzung der staatlichen Regeln über wirtschaftliches Management mit gravierenden Konsequenzen». Die Schuldenlast von Vinalines beläuft sich auf 43 Billionen Dong, umgerechnet über zwei Milliarden Dollar. Bereits abgeurteilt ist Pham Tanh Binh, Generaldirektor von Vinashin, der grössten Werft des Landes. Schulden von über 80 Billionen Dong hatten sich unter Binhs Misswirtschaft angehäuft. Er wurde zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Einige seiner Mit-Direktoren wurden Haftstrafen von drei bis neunzehn Jahren aufgebrummt.

Politisch interessant an beiden Fällen ist die Tatsache, dass die beiden Generaldirektoren enge Beziehungen zu Ministerpräsident Nguyen Tan Dung pflegten. In der Partei nämlich gehört Nguyen Tan Dung eher zu den vorsichtigen Reformern, die nichts «überstürzen» wollen. Eine Mehrheit im Machtzentrum allerdings will schnellere Reformen des Staatssektors, der auch 26 Jahre nach Beginn von Doi Moi (Öffnung und Reform) noch immer ein Drittel der Volkswirtschaft ausmacht. Vietnamesische Staatsbetriebe sind notorisch unrentabel, international nicht konkurrenzfähig, verschlingen hohe Kredite und sind eine schwere Belastung für das Bankensystem. Internationale Rating-Agenturen haben deshalb Vietnam bereits empfindlich heruntergestuft. Staatsbetriebe beschäftigen überdies Hunderttausende von überflüssigen Arbeitskräften, was wohl mit ein Grund ist, warum vorsichtige Reformer nichts überstürzen wollen, denn Arbeitslosigkeit ist in einem sozialistischen Staat nicht gut fürs Image der allein herrschende KP.

Doch schnelle Reformen sind dringend nötig, um die an sich dynamische Wirtschaft mit einer Wachstumsrate von sieben bis acht Prozentpunkten nicht auszubremsen. Vietnam hat das Brutto-Inlandprodukt per Capita in den letzten zwölf Jahren von 410 auf beachtliche 3000 Dollar erhöht. Die Anzahl jener, die nach UNO-Massstab (1,25 Dollar pro Tag pro Kopf) in absoluter Armut leben, ist auf rund zwanzig Prozent gedrückt worden. Weltweit ist Vietnam heute der grösste Kaffee-Exporteur der Welt, der zweitgrösste Reis-Exporteur und der fünftgrösste Textil-Exporteur. Vietnam will in der Wertschöpfungskette aber auch nach oben klettern und ist im IT-Bereich etwa auf gutem Weg. Das Land mit 85 Millionen Einwohnern hat ein gutes Bildungssystem und ist drauf und dran, ein asiatischer Tiger-Staat zu werden. Das kann aber nur gut gehen, wenn relativ zügig weitere wirtschaftliche Reformen in die Wege geleitet werden.

Nicht von ungefähr wurden deshalb in Vietnam diese Korruptionsfälle prominent in den Medien abgehandelt. Es stärkt den Flügel jener in der Partei, die sich für schnelle Reformen der Staatsbetriebe einsetzen. In Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt waren es somit «positive» Nachrichten, zeigten doch die Verhaftungen und die Urteile, dass es die allmächtige kommunistische Partei ernst meint mit dem dem Volk immer wieder versprochenen Anti-Korruptions-Kampf. Diese Botschaft fügt sich so nahtlos ins journalistische Credo ein, das zwar vom kommunistischen Propaganda-Apparat vereinnahmt wurde, Wurzeln aber auch in der asiatisch-konfuzianischen Kultur hat. So lautet denn ein chinesisches Diktum: «Berichte das Gute, vernachlässige das Schlechte». Es kann deshalb nicht verwundern, dass sich Nationen wie Vietnam oder auch China vom Westen missverstanden fühlen und den grossen, beherrschenden Nachrichtenagenturen, den grossen Zeitungen und den westlichen elektronischen Medien vorwerfen, ein falsches, nämlich meist negatives Bild zu zeichnen.

Der Vorwurf ist nicht ganz falsch, doch aus einem andern als dem in den Propaganda-Abteilungen von Peking und Hanoi behaupteten Grund. Westliche Korrespondenten sind meist gut unterrichtet und wären sehr wohl in der Lage, ein akkurates Bild eines Landes zu zeichnen. Allein, die westlichen Medien arbeiten in einer Spassgesellschaft mit einem Umfeld harter wirtschaftlicher Konkurrenz nach einem diametral entgegengesetzten Prinzip. Für westliche Asien-Korrespondenten und vor allem deren Redaktionen sind mithin eben meist nur «bad news good news» oder anders ausgedrückt: «Berichte das Schlechte, vernachlässige das Gute». Die beschriebenen Vorkomnisse in Vietnam zeigen genau das. Während in Vietnam selbst die News ins Positive gedreht werden, kommen die haargenau gleichen Nachrichten in westlichen Medien pechschwarz im Negativen daher. Überflüssig zu sagen, dass beide Versionen am Ziel manchmal mehr, manchmal weniger vorbei schiessen.

Ohne Reflexion freilich ist weder der negative noch der positive Ansatz zu überwinden. Auch dafür gibt es ein vietnamesisches Bonmot: «Es ist schwierig von einem Tiger herunterzukommen, den man reitet». Um den kulturell eurozentrischen geprägten Blickwinkel unserer westlichen Medien zu durchbrechen, gäbe es ein probates Mittel. Leser, vor allem aber Journalisten und Redaktoren sollten sich täglich nicht nur über die internationalen Agenturen Reutes, AFP oder in NZZ, FAZ, Corriere della Sera, New York Times oder ähnlichen westlichen Qualitäts-Medien kundig machen. Warum nicht einmal einen Blick in die chinesische Nachrichten-Agentur Xinhua oder indische, afrikanische oder lateinamerikanische Nachrichten-Agenturen werfen? Warum nicht Kommentare in «Renmin Ribao» aus China, «Hindu Times» aus Indien, «La Nacion» aus Lateinamerika oder einem afrikanischen Blatt lesen? Im Zeitalter des elektronischen Weltdorfes mit dem Internet ist das fürwahr kein Problem mehr. Blickwinkel und Perspektive verändern sich. Es ist eine Offenbarung.

(Peter Achten/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Galerie Urs Meile Zeitgenössische Chinesische Kunst Luzern Schweiz Beijing China
Parteichef Xi Jinping (mit First Lady Peng Liyuan): Dürfte gestärkt aus der Partei-Konklave hervor gehen.
Parteichef Xi Jinping (mit First Lady Peng Liyuan): ...
Das jährliche Plenum des ZKs der KP Chinas ist nicht der Stoff, aus dem westliche Schlagzeilen gemacht werden. Zu langweilig. Und doch, für Chinesen und Chinesen hat das Plenum Konsequenzen. Einmal im Jahr geht es um Chinas Zukunft. mehr lesen 
Zhou Yongkang.
China führt erstmals Korruptionsverfahren in höchstem Machtzirkel Peking - China hat erstmals ein Korruptionsverfahren gegen ein ehemaliges Mitglied des höchsten ...
Glücksspiel und Pferdewetten sind in China verboten. Niemand auf der Welt spielt und wettet jedoch derart mit Leidenschaft wie gerade Chinesinnen und Chinesen. Mao verurteilte einst das Spiel als «bourgeois». Gilt das unter Parteichef ... mehr lesen
Und abends in Happy Valley: Pferderennen in Hong Kong.
Bilder aus (für ihn) besseren Zeiten: Zhou Yongkang zu seiner Zeit als Minister für innere Sicherheit.
Meister Kang im freien Fall Der grösste Tiger im Kampf gegen die Korruption, Zhou Yongkang, ist erlegt. China steht, wenn nicht alles täuscht, vor grossen Veränderungen. ...
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Recep Erdogan, türkischer Präsident: Lädt Brandstifter ein, wird sie nicht mehr los...
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Parteichef Xi Jinping (mit First Lady Peng Liyuan): Dürfte gestärkt aus der Partei-Konklave hervor gehen.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
5 Tage alter Embryo: Parlamentarischer Kuhandel mit Embryonenzahl und Chromosomentest.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
wetter.ch
DI MI DO FR SA SO
Zürich 11°C 13°C bewölkt, Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen
Basel 10°C 13°C bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall bewölkt, wenig Schneefall
St.Gallen 13°C 15°C bewölkt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen bedeckt, wenig Schnee, Schneeregen oder Regen
Bern 15°C 18°C bewölkt, Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Luzern 14°C 18°C bewölkt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen bedeckt, Regen
Genf 16°C 20°C bewölkt, Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Lugano 15°C 22°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
mehr Wetter von über 6000 Orten