Der Chinesen-Knopf
publiziert: Montag, 30. Apr 2007 / 11:33 Uhr / aktualisiert: Montag, 17. Mrz 2008 / 19:07 Uhr

1 Meldung im Zusammenhang
Eigentlich ist es nur eine kleine Meldung. Laut Amnesty International (AI) verschlimmert sich in der Volksrepublik China die Menschenrechtslage immer weiter. Dies geht von einer – durch teure westliche Technologie ermöglichte – immer stärkere Einschränkung der Meinungs- und Informationsfreiheit, über Hausarrest für Aktivisten bis zu Arbeitslagern, Folter, grosszügig verhängten Todesurteilen und der Verfolgung von Dissidenten im Tibet und in anderen Regionen. Dies alles passiert in jenem Land, in dem nächstes Jahr die olympischen Spiele stattfinden werden, die Spiele des Friedens und der Völkerverständigung, das Sportfest der Jugend der Welt.

Grosses Echo wird diese Meldung von AI nicht finden. Warum auch... sind ja eh nur Chinesen... oder? Was soll uns das denn auch kümmern? Die olympischen Spiele sind ein Riesending und die chinesische Regierung... wirtschaftlich zu kritisch, darf man nicht sauer machen. Die Menschenrechtsbälle werden daher vorsätzlich tief gespielt. Die wirtschaftlichen, politischen und auch alle anderen Verstrickungen, nein das geht eben nicht, da kann man nichts machen.

Scheinbar scheint niemand zu merken, dass hier ein riesiges Spiel von «Chinesen-Knopf» läuft. Sie wissen nicht, was der «Chinesen-Knopf» ist? Es war eine Aufgabe, die im Zusammenhang mit moralischem Verhalten in den siebziger- und achtziger Jahren ziemlich in war. Es ging dabei darum, ob man für eine Million Franken... oder Mark oder Dollar, ist ja auch Wurst... einen Knopf drücken würde. Wenn man den Knopf drückt, bekommt man das Geld, aber ein Chinese wird dafür getötet, eine Person in einem fernen Land, ein Mensch, den man nie gesehen hat, niemals getroffen, ja, von dessen Existenz man nie erfahren hätte. Wenn man nicht vor die Wahl gestellt worden wäre, den Knopf zu drücken, oder nicht.

Da die jeweilige Überlegung rein theoretisch gewesen ist – die Million gab es ebenso wenig, wie den todgeweihten Chinesen – war das Resultat meistens ein Daumen-Rauf für den unbekannten Freund aus Peking, Shanghai oder sonst wo und ein edler Verzicht auf den schnöden Mammon.

Wie so häufig kommt der Nageltest weniger plakativ daher, die Fragestellung ist nicht so eindeutig. Nur die toten Chinesen und Tibeter, die sind diesmal echt. Genau so, wie die Millionen. Und auch das Resultat ist ziemlich klar. Wir drücken den Chinesen-Knopf. Ohne Skrupel, ohne grosse Fragen zu stellen und ohne ein schlechtes Gewissen.

«Sachzwänge», «unbestreitbare Tatsachen», «Investitionen in einen Zukunftsmarkt» und so weiter. Die Argumente, warum es absolut notwendig ist, mit dem Zehnfingersystem auf eine Chinesen-Knopf-Tastatur einzuhämmern, scheinen unerschöpflich. Unsere moralischen Massstäbe schmelzen unter der Sonne der Realität dahin wie ein Gletscher in den Alpen und zurück bleibt ein Geröllfeld des ethischen Bankrotts.

Machen wir uns nichts vor: Die olympischen Spiele werden stattfinden. Werbeblöcke werden verkauft, Sponsoring-Deals durchgezogen und die Welt von einer unglaublichen Eröffnungsfeier in den Bann gezogen werden. Kaum ein Athlet wird sich weigern, in dem Land anzutreten, in dem das Internet gefiltert wird und kritische Blogger eingelocht werden.

Und warum sollten sie auch? Die Sportler, die 2008 in Peking ins Nationalstadion einmarschieren werden, sind nur die letzten einer fast endlosen Reihe von Profiteuren und man kann jetzt schon fast sicher sein, dass die Schweizer Kommentatoren erwähnen werden, dass das Stadion von «unseren» Architekten Herzog & de Meuron mit entworfen worden ist.

Solange nur genug Profitiert wird, dürfen beliebig Knöpfe gedrückt werden... Chinesen-Knöpfe, Araber-Knöpfe, Russen-Knöpfe, Afrikaner-Knöpfe... ja es wird sogar statthaft, über Alten-Knöpfe und Armen-Knöpfe zu diskutieren.

Doch eines haben alle diese Knöpfe gemein: Sie werden nicht so geheissen, der Tauschhandel von Leben und Freiheit anderer gegen eigenen Profit immer mehr oder weniger elegant in Worthülsen verpackt.

Die Olympischen Spiele 2008 sind daher nur ein besonders markantes Beispiel dafür, wie bereitwillig wir sind, wenn es darum geht, jene Werte zu verkaufen, die wir immer so gross auf unseren Fahnen vor uns her tragen und an die uns AI unbequemerweise immer wieder erinnert. Wenn es für die doch auch einen Knopf gäbe.

( von Patrik Etschmayer/news.ch)

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