
Um in der Schweiz gerne Auto zu fahren, muss man nicht unbedingt geisteskrank sein. Aber es hilft einem dabei ungemein, da man dann nicht mehr verrückt werden kann.
Wobei sich der Trend zu den schnellen zügig in die Richtung der fetten Autos wendet. SUV's sind der Verkaufsschlager und Absurd-Bulletten wie der BMW X6, ein 2.5 Tonnen Monstrum, bei dem eine Coupé-Karrosserie auf einen Geländwagenunterbau gepflanzt wurde, was einen ästhetischen Effekt wie der Kopf von Heidi Klum auf dem Körper von Arnold Schwarzenegger ergibt, gehen weg wie warme Semmeln.
Auch die G-Klasse von Mercedes ist, obwohl schon über dreissig Jahre alt, immer noch ein Verkaufshit. Hier geht das Geländewagen-Urgestein mit der Aerodynamik einer Schrankwand vor allem als G63 AMG, der mit 20 Zoll Niederquerschnittreifen in etwa so geländegängig ist wie Reinhold Messner in Pumps. Wem der 544 PS, 5.5 Liter Turbo-V8 noch zu mickrig ist, kann lässig auf den G65 mit dem 612 Pferdchen aus einem Biturbo-V12 umsteigen (eigene Ölquelle wird nicht dazu angeboten), vorausgesetzt, die 150'000.-- Mehrpreis sind es einem Wert, um in der stärksten Schuhschachtel der Welt zu sitzen.
Doch das ist ja eigentlich alles Wurscht, denn diese Monster sind ja nicht allzu häufig, aber sie gelten vielen Autokäufern als erstrebenswerter Massstab, wie der Boom der SUV's ja zeigt. Doch bei denen gehe es ja um die bessere Übersicht über den Verkehr, den diese Karossen böten. Allerdings muss da irgendwas schief gegangen sein, wenn es im neuen Range Rover Evoque unterdessen unmöglich geworden ist, ohne die serienmässige Rückfahrkamera zu rangieren.
Doch man hat Autos ja zum Fahren. Und da ist der wirkliche Hund begraben. Beim Fahren. In der Schweiz. Nein, nicht wegen der Geschwindigkeitskontrollen. Sondern weil man praktisch nirgends mehr einfach genussvoll voran kommt. Den Autor überspült eine wahre Welle der Nostalgie, wenn er an seine Fahranfänge zurück denkt, wo es tatsächlich noch so viel Platz auf der Autobahn oder wichtigen Landstrassen gab, dass er nicht immer zweimal prüfen musste, ob er nicht schon irgendwo im innerörtlichen Stossverkehr unterwegs ist.
Doch eigentlich stellt sich diese Frage gar nicht, denn ist man erst mal innerorts, ist ohnehin fertig mit »unterwegs«. Dabei sind es nicht die 30er-Zonen die einen stoppen, sondern die schiere Menge an Autos, die sich durch die Strassen quält. Die damit einhergehende, ziemlich individualistische Interpretation der Strassenverkehrsordnung (Schnellbremsung bei Parkplatzsichtung, Blinker nicht setzen, unsicheres Schlangenfahren wegen Handy-Telefonierens etc.) lässt den Verkehr meist ganz zusammenbrechen, wenn die heute übliche Dichte erreicht ist.
Die Zersiedelung des Landes, die immer längeren Arbeitswege und das so automatisch anwachsende Verkehrsaufkommen lassen einen daran zweifeln, dass es irgendwann mal besser wird. Die Forderung nach mehr und breiteren Strassen ist zwar ganz herzig. Aber am Ende gibt es in der Schweiz nicht genug Platz für immer mehr Autos und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auf dem Zürcher Nordring Kebab- und Pizzastände eröffnet werden.
Das tägliche Gestaue und Gewarte bringt ebenso wie die Jagd nach Parkplätzen eine enorme Frustration für die Autofahrer und Autofahrerinnen, welche diese dann handkehrum im Verkehr selbst abreagieren, wenn sie nicht längst resigniert haben.
Die Einen fahren denn in der Folge betont aggressiv, ignorieren jeden Sicherheitsabstand und sind eine ständige Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer, während die Anderen auf die Polizistenschiene abschwenken, extra langsam unterwegs sind, versuchen, der Welt ihren Rhythmus aufzuzwingen und andere (selbst wenn sich diese absolut im Recht befinden) mit Gesten, Lichthupen oder gar mutwilligen Blockaden zu disziplinieren suchen. Was natürlich wieder Aggressionen in den Gemassregelten verursacht - ein Kreisverkehr des Schreckens.
Ob dieses Verhalten dem Wesen der Schweizer geschuldet ist oder der absurden Verkehrsdichte, die hier zum Teil herrscht, sei dahin gestellt. Jedenfalls tragen diese Verhaltensweisen sicher nicht zum flüssigen, gefahrlosen und angenehmen Vorankommen bei.
Vielleicht wird aber dereinst die Technik die Lösung bieten - bereits jetzt ist es nämlich möglich, das sich selbst lenkende Fahrzeuge in Konvois zusammen über Datenverbindungen gekoppelt unterwegs sind. Dieses Technik spart einerseits Treibstoff, gibt andererseits dem Fahrer die Möglichkeit, seinen Frust bei einem Videospiel auf seinem Handy abzubauen oder endlich auch eine SMS zu schreiben, ohne ständig von den anderen Verkehrsteilnehmern vom Tippen abgelenkt zu werden.
Ja, vermutlich wäre die Schweiz der perfekte Ort, autonom fahrende Autos einzuführen, die gleich auch noch vom Parkleitsystem zu einem freien Platz gelotst werden. Denn eines haben Computer echten Autofahrern voraus: Egal wie dicht der Verkehr ist, Neurosen und Aggressionen und Frustration sind Computern fremd, selbst wenn sie in einer fahrenden Schrankwand mit V12-Motor eingebaut sind.
(Patrik Etschmayer/news.ch)
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