Der Niedergang der Pfuftaler Tageszeitung
publiziert: Dienstag, 23. Sep 2014 / 12:27 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 24. Sep 2014 / 08:39 Uhr
Schweizer Zeitungen: Mitunter ein Hausgemachter Niedergang?
Schweizer Zeitungen: Mitunter ein Hausgemachter Niedergang?

Warum geht es den Schweizer Zeitungen so schlecht? Vielleicht sollten wir einen wirklich völlig hypothetischen Fall anschauen, einen «Perfect Storm», der ein hilfloses Zeitungs-Schiffchen ultimativ zum Sinken bringen wird. Blöd nur, dass der Sturm von den Kapitänen mit Vorsatz angesteuert wird.

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Es könnte eine Zeitungs-Idylle sein: Das Blatt, nennen wir es mal «Pfupftaler Tageszeitung» hat eine regionale Monopolstellung. Publiziert in einer Provinzhauptstadt hat es den letzten Konkurrenten vor Jahren absorbiert und deckt mit seinen Regionalausgaben einen Markt von einer guten dreiviertel Million Einwohner ab. Die meisten Konkurrenten wurden schon vor Jahren geschluckt und zu Zombie-Zeitungen mit einem eigenen Regionalteil umgewandelt.

Diese Monopolstellung wird aber jahrelang nicht ausgenutzt, um guten Journalismus zu betreiben und das Format und den multimedialen Auftritt der Zeitung vorwärts zu bringen. Stattdessen verharrt das Blatt an der gleichen Stelle, während der Chefredakteur, der zum Teil peinliche, öffentliche Auftritte unter Alkoholeinfluss hinlegt, in der Redaktion mit Zuckerbrot und Peitsche herrscht. Da er aber ein treuer Parteisoldat der offiziell als Forumszeitung auftretenden, aber klar bürgerlich orientierten Mainstream-Zeitung ist, geniesst er die Rückendeckung des Verwaltungsrates, welcher offensichtlich Parteiraison vor Geschäftssinn platziert.

Das höchste der Gefühle, welches der Leser an Innovation bekommt ist mitunter ein neues, teuer eingekauftes Layout und die Reduktion des Umfangs, indem immer wieder mal ein Teil der Redaktion wegen Neukonzeption (lies: Sparübung) eliminiert wird. Diese Sparübungen sind natürlich notwendig, da auch diese Zeitung unter dem üblichen Inserate- und Leserschwund leidet. Vor allem Abonnenten springen in immer grösserer Zahl ab. Um das zu kompensieren, werden die Abopreise Jahr für Jahr ein wenig angehoben, im Stil des Kochtopfs mit dem Frosch drin, der langsam immer heisser gemacht wird, so dass der Frosch grade mal nicht raus hüpft.

Doch irgendwann reicht es der Geschäftsführung trotz allem und es wird ein geradezu revolutionärer Entschluss gefasst: Eine Sonntagsausgabe muss her. Und zwar mit einem neuen Team, neuem Titel, neuem Layout, neuem Konzept. Mit dem Versprechen, der neuen Mannschaft praktisch freie Hand zu bieten, wird ein wahres Traumteam in die Provinz geholt.

Was aber völlig versäumt wird, ist die Lancierung des neuen Titels. Auch wie dieser nach seinem Start verteilt wird, ist alles andere als durchdacht: Die Abonnenten erhalten im Vorfeld einen Brief, in dem darauf aufmerksam gemacht wird, dass das «Pfupftal am Sonntag» ein Teil ihres entsprechend verkürzten Abos werde, wenn sie nicht ausdrücklich darauf verzichten! Es ist also ein sogenanntes Opt-Out-Modell, welches bei Online-Diensten unterdessen als üble Geschäftspraxis völlig verpönt ist. Viele Leute realisieren dies erst gar nicht und als sie bemerken, dass sie eine neue Zeitung kaufen sollen, die sie nie wollten, sind die Reaktionen entsprechend bis gehässig und es wird nicht nur vielfach die Sonntagsausgabe, sondern mitunter gleich die ganze Zeitung abbestellt: Ein weiterer Abo-Einbruch ist die Folge.

Doch immerhin ist die neue Zeitung wirklich frisch und scheint für die regionalen Verhältnisse innovativ zu sein - das neue Team macht Dinge tatsächlich anders. So lautet denn auch der Anspruch des Verlages, dass hier endlich wieder national relevante News gebracht, investigativer Journalismus betrieben, Top-Stories geschrieben werden sollen. Das Team ist - trotz des Opt-Out-Fehlstarts - hoch motiviert, denn es ist allen bewusst, dass hier etwas entstehen könnte, dass auch die «Pfuftaler Tageszeitung» nach vorne bringen und verändern könnte. Was beim Stammblatt und dessen Chefredakteur aber gar nicht ankommt: Erfolg in einem Haus des ewigen Versagens macht dieses Scheitern als Dauerzustand noch viel schlimmer und vor allem sichtbarer.

Schon bald kommt es zu einem internen Machtkampf und bei der Geschäftsführung siegen am Ende - vor allem wegen der politischen Loyalitäten, die nun ganz offenbar vor dem geschäftlichen Erfolg kommen - die alten Kräfte des perpetuellen Niederganges.

Das neue Team erleidet geradezu einen Exodus: In einem Jahr sind drei Viertel der Leute weg, geflüchtet entweder in den Nationalen Verlag, zu anderen Zeitungen oder sogar, einfach aus Verzweiflung heraus, ins Blaue kündend, die mögliche Arbeitslosigkeit dem immer schlechteren Arbeitsklima vorziehend. Währenddessen werden die treuen Gefolgsleute des siegreichen Chefredakteurs an allen entscheidenden Stellen platziert und aus der 'neuen' Zeitung entsteht eine siebte Ausgabe der Tageszeitung, die jetzt auch nicht mehr relevante nationale Meldungen bringen, sondern nur noch «lokal» stark sein will...

Es bleibt ein Trümmerhaufen zurück, eine Zeitung mit noch weniger Abonnenten, ein seit Jahren scheiterndes, nun jedoch absurderweise gestärktes Geschäftsmodell. Der Suizid wird mit Rückendeckung des Mutterhauses fortgesetzt und der endgültige Niedergang ist nur eine Frage der Zeit. Doch vielleicht ist das ja auch gewollt.

Doch glücklicherweise ist eine solche Geschichte in der Schweizer Zeitungslandschaft undenkbar. Denn sonst müsste man doch glatt den Eindruck bekommen, dass zumindest ein Teil der hiesigen Medien-Misere hausgemacht ist...

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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