Der Säuglingspenis als Kulturträger
publiziert: Donnerstag, 20. Feb 2014 / 08:25 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 20. Feb 2014 / 08:58 Uhr
Hallux Valgus: Wer Baby-Penisse beschneidet, müsste auch Baby-Zehen abschneiden...
Hallux Valgus: Wer Baby-Penisse beschneidet, müsste auch Baby-Zehen abschneiden...

Noch immer wird bei uns die Knabenbeschneidung aus religiösen oder traditionellen Gründen praktiziert. Die Verteidiger dieser Praxis reklamieren, mit dem Verzicht auf die Entfernung von Hautlappen an Säuglingspenissen drohe die Totalzerstörung ihrer Kultur. Höchste Zeit, umzudenken.

5 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Juden gegen Beschneidung
Ein jüdische Organisation, die gegen die Beschneidung ist
jewsagainstcircumcision.org

Gericht befiehlt Beschneidung
Ein israelisches Gericht ordnet gegen den Willen der Mutter die Beschneidung ihres Sohnes an
theguardian.com

Informationen zum Hallux
Alles was sie schon immer über Hallux Valgus wissen wollten... und mehr.
curado.de

Komplikationen durch Beschneidung
Bei Knabenbeschneidungen kann nichts schief gehen? Und ob...
pflegewiki.de

Gerne werden, wenn es um die Rechtfertigung der Knabenbeschneidung geht, medizinische Vorzüge angeführt. Die Vorhaut ist dann nichts weiter als ein unnützer Hautlappen, der in erster Linie das Einfallstor für zahlreiche medizinische Probleme darstelle. Zu den medizinischen Vorteilen, die mit einer Beschneidung einhergehen sollen, werden ein geringeres Peniskrebs-Risiko sowie ein kleineres Infektionsrisiko - unter anderem durch HIV - angeführt. Das kann stimmen oder auch nicht; die Faktenlage ist hier trotz zahlreicher Studien widersprüchlich.

Klar ist aber, dass die Probleme, unter denen Unbeschnittene gemäss diesen Studien zu leiden haben, mit gängiger Hygiene lösbar sind. Wenn Mann unter der Dusche seinem Reproduktionsorgan die gleiche Aufmerksamkeit schenkt wie, sagen wir einmal, seinen Achselhöhlen, ist er auf der sicheren Seite. Klar gibt es Phimosen, schmerzhafte Verengungen, wo die schnellste Linderung durch eine - nicht immer zwingend vollständige - Beschneidung erzielt werden kann. Aber das hat denkbar wenig mit Religion oder Tradition zu tun.

An Peniskrebs erkrankt bei uns ein Mann unter 100'000. Im Gegensatz dazu haben 12.5% der Bevölkerung einen Hallux Valgus, eine schmerzhafte Fehlstellung der Grosszehe. Dies betrifft zum Grossteil Frauen: neben genetischen Faktoren spielt vor allem falsches Schuhwerk eine Rolle. Rein statistisch gesehen wird fast jede zehnte Frau irgendwann in ihrem Leben an einem Hallux leiden. Jede zehnte Frau: Das ist ein 10000 Mal höheres Risiko als dasjenige, als Mann an Peniskrebs zu erkranken. Folgerichtig müssten wir deshalb allen neugeborenen Mädchen bei der Geburt die grossen Zehen abtrennen, verhindert man damit doch, dass sie später einmal unter einem äusserst schmerzhaften Hallux leiden werden. Das fehlende Gleichgewichtsgefühl wird spätestens beim Eintritt in den Kindergarten von den acht verbliebenen Zehen ausgeglichen und die Bandbreite an Schuhdesigns, welche die Frau dank schmaleren Füssen einmal wird tragen können, wächst erheblich. Eine reine Win-Situation!

Macht Sinn? Nein, macht überhaupt keinen Sinn. Denn erstens können wir bei der Geburt eines Mädchens nicht beurteilen, ob sie tatsächlich irgendwann einmal unter einem Hallux leiden wird und zweitens ist es nicht an uns, über den Körper des Mädchens, über Erhalt oder Amputation ihrer Körperteile zu entscheiden, solange keine Lebensgefahr besteht. Diese Verdinglichung entspräche keinem ethischen Handeln, selbst wenn die Verdinglichung zu einem vermeintlich höheren Zweck wie dem potentiellen Verhindern künftiger Schmerzen geschieht.

Selbstverständlich bringt die Beschneidung an Orten, wo regelmässiges Waschen nicht möglich ist, oder Vorurteile und Aberglauben die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten begünstigen, gewisse positiven Auswirkungen. Hierzulande überwiegen aber bei einer nicht-medizinischen Indikation die Risiken einer Beschneidung deren mutmassliche Vorteile bei Weitem. Es ist grundsätzlich heikel, einen Säugling einer unnötigen Operation zu unterziehen, insbesondere dann, wenn es sich um eine Operation an den Sexualorganen handelt.

Die Komplikationsrate wird auf immerhin 2-10% geschätzt und zu den möglichen Komplikationen gehören, nebst vielen weiteren, Blutungen, Infektionen und die sogenannte Postzirkumsionsphimose, bei der genau der Verengungs-Fall eintritt, der mit der Beschneidung eigentlich hätte verhindert werden sollen. Auch Todesfälle kommen vor, da bei Neugeborenen ein auch nur geringer Blutverlust Lebensgefahr bedeuten kann. Wäre ich Vater eines Sohnes, würde ich es mir gut überlegen, ob ich ihm - auch im Wissen um mutmassliche Risiken, wenn er dann einmal sexuell aktiv wird - die höchst realen Risiken einer Beschneidung zumuten wollte. Als Prävention vor einer Ansteckung mit HIV ist Safer Sex sowieso die weitaus wirksamere Alternative - und erst noch billiger und zu 100 Prozent nebenwirkungsfrei.

Oft hört man, auch von beschnittenen Männern, dass die Vorhaut völlig überbewertet und die sexuelle Reizempfindung dort auch vor der Beschneidung kaum vorhanden sei. Das, obwohl die Vorhaut ungefähr gleich viele Nervenenden wie eine Fingerkuppe hat. Die Behauptung, dass nach einer Beschneidung dasselbe Gefühl vorhanden sei wie davor, mögen mir Unverzagte deshalb bitte unter Zuhilfenahme ihrer Finger und einem scharfen Küchenmesser beweisen. Ausserdem geschieht die Beschneidung, egal ob aus religiösen oder medizinischen Gründen durchgeführt, meist im Kleinkindes- oder Vorschulalter. Ich habe etwas Mühe damit, einem 40jährigen Mann zu glauben, dass er sich an die Empfindsamkeit eines Stück Hauts erinnert, das ihm vor 30 Jahren oder mehr abgenommen wurde. Ich zweifle ebenso daran, dass er als Neugeborener sexuell bereits derart aktiv war, so dass ein Vergleich zum Jetzt herstellbar wäre. Es sei denn natürlich, er habe heute genauso wenig Sex wie damals.

Immer wieder kommt der Einwand, dass die Eltern erziehungsberechtigt seien und es ihnen nicht verboten werden dürfe, ihre - auch religiösen - Werte an ihren Nachwuchs weiterzugeben. Dem ist grundsätzlich nicht zu widersprechen. Es liegt aber auch auf der Hand, dass dieses Recht der Eltern nicht absolut gilt, sondern dass das Primat des Kindswohls überwiegt. So ist es beispielsweise im Glaubenssystem der Zeugen Jehowas nicht erlaubt, Bluttransfusionen anzunehmen, auch nicht dann, wenn es sich um die eigenen Kinder handelt, denen in einer Notsituation Blut verabreicht werden soll. Trotzdem würde eine Mutter, die mit Verweis auf ihren Glauben die lebensrettende Bluttransfusion an ihrem Kind verhindern will, hierzulande sowohl von Kinderschutzbehörden als auch von den behandelnden Ärzten in ihre Schranken gewiesen werden: Das Überleben des Kindes wird als wichtiger angesehen als das Recht der Mutter, ihre Religion unverfälscht und ohne Abstriche weitergeben zu können.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass bezüglich der Knabenbeschneidung nicht dasselbe gelten soll, immerhin beinhaltet Religionsfreiheit nicht auch automatisch das Recht darauf, Neugeborene verstümmeln zu dürfen. Das heisst: es ist nachvollziehbar, aber nur dann, wenn man die Angst davor, in die braune Ecke gestellt zu werden, mit berücksichtigt. Aber manchmal sagen eben die Falschen das Richtige; Szenenapplaus aus einer Ecke, die einem nicht genehm ist, muss man aushalten können. Ausserdem ist wenig so einfach als haltlose Diffamierung zu demaskieren als der Vorwurf des Antisemitismus - immerhin wäre ich der weltweit erste Antisemit, der sich um die sexuelle Integrität jüdischer Knaben sorgt.

Eine seltsame Tradition, die von Amputationen an Säuglingspenissen abhängt. Ein seltsamer Gott, der uns zwar vollkommen und «in seinem Bilde», aber offenbar an einer Stelle mit zuviel Haut geschaffen hat. Wobei man zugeben muss, dass es auch bei den Anhängern der «beschneidenden» Religionen Fortschritte gibt. Vorreiterin hier ist die Katholische Kirche, die, im Gegensatz beispielsweise zur Koptischen Kirche, schon seit 1442 die Beschneidung offiziell nicht mehr vorschreibt. Bei den Muslimen ist die Beschneidung, je nach theologischer Präferenz, nicht zwingend vorgeschrieben, sondern immerhin nur empfohlen. Und es gibt auch mehr und mehr Juden, welche die Knabenbeschneidung nicht zu dem zentralen Pfeiler für jüdische Kultur und Identität verklären, sondern in diesem Brauch das sehen, was er tatsächlich ist: ein barbarisches Ritual aus finsteren Zeiten, das unter Billigung von schwerwiegenden Risiken bis zum heutigen Tage an nicht einwilligungsfähigen Minderjährigen vollzogen wird.

(Claude Fankhauser/news.ch)

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