Der Vierzigste wird am Grab gefeiert
publiziert: Montag, 1. Okt 2012 / 12:35 Uhr / aktualisiert: Montag, 1. Okt 2012 / 13:15 Uhr
Sony CDP-101 von 1982: 10kg schwer, gebaut wie für die Ewigkeit.
Sony CDP-101 von 1982: 10kg schwer, gebaut wie für die Ewigkeit.

Es war 1982, als sie, nach jahrelanger Schwangerschaft in den Bäuchen der beiden Mütter Sony und Philipps, endlich zur Welt kam. Die Geburtsdaten waren vielversprechend: 12cm, 650 MB, 74 Minuten, 44.1 kHz und 16 Bit standen auf dem Schein und der Name war CompactDisc - doch bald schon war sie nur noch als CD bekannt.

2 Meldungen im Zusammenhang
Jüngere Musikkonsumenten, die vielfach nicht mal mehr eine CD besitzen, können sich gar nicht vorstellen, was diese kleine Scheibe für die damalige Zeit bedeutete. Für die einen war sie die Erlösung von den Schallplatten (die interessanterweise zumindest in Clubs ein Revival erleben), für die anderen stellte sie das Ende des zivilisierten Musikgenusses dar.

Audiophile Musikliebhaber wandten sich mit Grausen von der Silberscheibe ab, unterstellten ihr einen «kalten, sterilen» Klang und alle möglichen Klangdefizite gegenüber der Schallplatte, die von nachvollziehbar bis absurd gingen. Vor allem aber wurde von der CD das «Ritual» gekillt, dass sonst unweigerlich nötig war und dem Musikgenuss voraus ging: Nach der Auswahl der Platte wurde die LP jeweils aus dem Gestell, dann die Innenhülle aus der Cover gezogen, die Platte mit dem Mittelfinger auf dem mittigen Loch, den Daumen an der Randkante ans Tageslicht geholt. Sodann wurde die schwarze Scheibe beidhändig am Rand gefasst, wenn nötig umgedreht, so dass die gewünschte Seite oben war und sorgfältig auf dem Plattenteller abgelegt. Jetzt wurde dieser in Betrieb gesetzt und die Normalos (einen Begriff, den es damals noch nicht gegeben hatte), wischten mit einer Kohlefaserbürste den Staub ab und entluden gleichzeitig damit statische Aufladungen, die zu Knacksern führen konnten, um danach den Tonarm auf der Aussenrille abzusenken.

Wahre Freaks hingegen verzichteten auf den Schritt, denn sie senkten mit der Nadel zusammen die Nassabspielbürste ab, welche die Rillen, in denen die Tonabnehmernadel lief, mit destiliertem Wasser und Spezialzusätzen benetzte und Knistern und Knacksen verursachende Staubkörner vom tontragenden Vinyl löste.

Die CD hingegen brachte eine für so manchen unerträgliche Banalisierung und Technisierung der Musikreproduktion mit sich. Die Scheibe kurz am Ärmel abwischen, in die Lade schmeissen, Start drücken und los ging es.

Die CompactDisc war nicht aufzuhalten. Sie war einfach zu praktisch und der Platzbedarf einer Plattensammlung schrumpfte rapide, auch die CD-Player wurden immer besser und endlich konnte man auch im Auto in einigermassen akzeptabler Qualität Musik hören.

Die parallele rasante Entwicklung der Elektronik brachte es aber auch mit sich, dass es schon bald möglich wurde, immer kleinere, leichtere und billigere CD-Player zu produzieren. Wogen die Geräte am Anfang noch 10 Kilo - nicht zuletzt wegen der massiven Metallgehäuse und Schubladenkonstruktionen, die für die Ewigkeit geschaffen schienen - war es in den 90ern schon möglich, so ein Gerät locker mit einer Hand rum zu wedeln.

Dabei ging auch die sonstige Qualität der Musikanlagen Flöten. Der Spitzname all der Minilautsprecher, die seit Ende der 90er Jahren die Elektronikmärkte wie einst die Tribbles die Enterprise überrennen, ist nicht umsonst «Brüllwürfel». Und zusammen mit diesen Quäcksprechern wurden auch die MP3's populär, die nur durch das digitale Speicherformat der CD's überhaupt ermöglicht wurden und eine weitere Degradierung der Soundqualität verursachten. Dank der lausigen Kopfhörer der meisten MP3-Player (danke Sony und Apple!) hat das aber eh fast niemand gemerkt.

Hatten die damaligen Musikpuristen also recht, die beim Erscheinen der CD das Ende der (Musik-)Welt verkündeten? Nicht wirklich. Es wird heute garantiert mehr Musik in schlechterer Qualität gehört, aber gleichzeitig hat es die digitale Technik auch möglich gemacht, dass Musik in gleicher oder besserer Qualität wie vor dreissig Jahren für viel weniger Geld genossen werden kann, wenn man nur will. Zudem gibt es unterdessen Downloadportale, die Musik in einer technischen Qualität anbieten, die nur noch von den Originalbändern (und -files) in den Aufnahmestudios übertroffen werden können - wenn überhaupt. Wer also will - und es sind scheinbar wieder mehr als auch schon, kann heute Musik digital in einer Wiedergabequalität geniessen, die 1982 nicht einmal vorstellbar gewesen ist. Was wiederum Beweist, dass Weltuntergänge nicht einmal auf so begrenztem Raum wie der Musikwiedergabe stattfinden wollen.

Die CD selbst, die Auslöserin der digitalen Musik- und in der Folge auch Video-Revolution, ist selbst ein Auslaufmodell, mit einem Fuss im Orkus der technischen Geschichte. Sie ist zwar noch so knapp am Leben, aber man darf getrost davon ausgehen, dass der vierzigste Geburtstag nur noch am Grab zelebriert werden dürfte.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Leipzig - Ein Computer mit Internetanschluss macht traditionelle Medien wie die Stereoanlage oder den tragbaren CD-Player für ... mehr lesen
Rund 40 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal selbst ein Video online gestellt zu haben.
Es gibt derzeit auf dem Markt kein Gerät, das alle Formate unterstützt.
Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, eine Kassette in einen CD-Player zu ... mehr lesen
Das Beispiel Ikea (und Amazon, Google, Apple usw...) zeigt, wie man aus einem steuertechnischen Blauwal eine Spitzmaus machen kann. (Symbolbild)
Das Beispiel Ikea (und Amazon, Google, Apple ...
Es ist soeben ein Papier über die Steuer-Tricksereien des Möbel-Giganten Ikea erschienen, in dem die unglaublichen Methoden aufgezeigt werden, mit denen Ikea die Länder in denen die Firma tätig ist - und das sind praktisch alle - um riesige Steuer-Einnahmen bringt. Doch muss da wirklich Ikea der Vorwurf gemacht werden? mehr lesen 
Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer rüsten im Kampf gegen legale Steuertricks multinationaler Grosskonzerne auf. (Symbolbild)
OECD rüstet gegen legale Steuerflucht auf - Schweiz zufrieden Paris/Bern - Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer rüsten im Kampf gegen legale Steuertricks ...
Dritte zum Kampf gegen die eigenen Feinde kämpfen zu lassen, hat für einen Machtpolitiker etwas Schönes an sich: Probleme werden erledigt, ohne selbst die Finger schmutzig ... mehr lesen  
Recep Erdogan, türkischer Präsident: Lädt Brandstifter ein, wird sie nicht mehr los...
Türkische Luftwaffe greift PKK-Einheiten im eigenen Land an Diyarbakir - Angeheizt durch den Vormarsch der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) ...
F-16-Kampfjet der türkischen Luftwaffe. (Symbolbild)
Die Zigarrenbanderole die es auf den Kaffeerahm schaffte: Logische Konsequenz einer privatisierten Politik und Geschichte.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Das Beispiel Ikea (und Amazon, Google, Apple usw...) zeigt, wie man aus einem steuertechnischen Blauwal eine Spitzmaus machen kann. (Symbolbild)
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Parteichef Xi Jinping (mit First Lady Peng Liyuan): Dürfte gestärkt aus der Partei-Konklave hervor gehen.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Claudia Bandion-Ortner (mit dem damaligen Vizekanzler Michael Spindelegger) an Eröffnung des «Zentrums für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog» in Wien: Enthauptungen «nicht an jedem Freitag!»
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
wetter.ch
SA SO MO DI MI DO
Zürich 2°C 7°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Basel -0°C 9°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
St.Gallen 2°C 8°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Bern 1°C 12°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Luzern 2°C 11°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Genf 7°C 14°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Lugano 11°C 18°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
mehr Wetter von über 6000 Orten