Der freundliche Nachbar mit dem teuflischen Doppelleben
publiziert: Montag, 28. Apr 2008 / 18:56 Uhr

Wien - Mit einem Schlag fiel das Lügengebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Während er nach aussen als der hilfsbereite Nachbar von nebenan galt, sperrte der 73-Jährige seine Tochter 24 Jahre lang ein und zwang sie zum Inzest.

Amstetten in Niederösterreich: Niemandem ist etwas aufgefallen.
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Die «Bestie», wie die österreichische «Kronen-Zeitung» ihn am Montag bezeichnet, habe das Leben eines «braven Grossvaters» geführt, während seine Tochter in einem Verlies im selben Haus ein Martyrium durchlebt habe.

Die Kleinstadt Amstetten rund 100 Kilometer westlich von Wien steht unter Schock. Es sei unvorstellbar, was sich wenige Meter von ihrem Wohnhaus entfernt abgespielt hat, sagt eine Nachbarin. Sie lebt in der Nähe des Hauses der Familie, die «nie von sich Reden gemacht habe», fügt sie hinzu. Die ganze Stadt sei «sprachlos», sagt eine andere Nachbarin. «Eine dramatische Geschichte für die Opfer.»

Freundlich, höflich, hilfsbereit

Nachbarn zeichnen gegenüber Journalisten immer wieder das Bild einer intakten Familie. Sie beschreiben den Täter als freundlich, höflich und hilfsbereit. Auch seinen Kindern gegenüber soll er sehr aufmerksam gewesen sein. Um seine heute erwachsenen sieben Kinder mit seiner Frau habe er sich gut gekümmert. Auch sie sei eine «ausgezeichnete Mutter» gewesen, erzählt eine andere.

Tatsächlich hielt der 73-Jährige seine Tochter seit deren 18. Lebensjahr in einem 60 Quadratmeter kleinen Verlies gefangen, das er im Keller des eigenen Hauses eingerichtet hatte. Laufend habe er sie dort missbraucht, soll sie bei einer Aussage zu Protokoll gegeben zu haben. Sieben Kinder brachte sie in dem Verlies zur Welt. Eines starb kurz nach der Geburt.

Niemand habe etwas gewusst oder auch nur eine Sekunde etwas von einem Doppelleben des leidenschaftlichen Anglers geahnt, schreibt die «Kronen-Zeitung». In gesellschaftlichen Kreisen der Stadt sei der Mann sogar ein gerngesehener Gast gewesen.

Der 73-Jährige habe erfolgreich eine Legende um seine Person aufgebaut, sagte Österreichs Innenminister Günther Platter dem öffentlich-rechtlichen Sender ORF. Irgendwann vor 1984 muss sich der gelernte Elektriker, der in einer Firma für Baumaterialien arbeitete, den ersten Annahmen der Ermittler zufolge seinen heimtückischen Plan ausgedacht haben. In dem Jahr lockte er seine Tochter in den Keller.

Der Polizei machte er glaubhaft, sie habe sich einer Sekte angeschlossen. Dazu zwang er sie, Briefe an ihre Eltern zu schreiben, in dem sie darum bat, von einer Suche nach ihr abzusehen.

Jeden Abend in der «Werkstatt»

Das Verlies blieb über Jahrzehnte unentdeckt. In seiner Rolle als autoritärer Vater verbot er seiner Familie, den Keller zu betreten. Es sei seine Werkstatt, gab er vor. Er begab sich hingegen jeden Abend in den Keller und brachte seiner Tochter und den später dort lebenden Kindern Kleidung und Essen. Die Mär der verschwundenen Tochter spann er mit der Geburt der durch Inzest gezeugten Kinder immer weiter. Drei Babys soll sie vor die Haustür ihrer Eltern gelegt haben.

Der Vater liess sie womöglich jeweils einen Brief schreiben wie zum Beispiel im Jahr 1993: «Das Baby ist neun Monate alt. Es soll bei seiner Grossmutter und seinem Grossvater ein besseres Leben haben als bei mir», hiess es in dem Schreiben damals. Mit Hilfe dieser Briefe gelang es dem Täter, das Sorgerecht zu erhalten.

Klassenkameraden wussten teilweise Bescheid

Die Behörden seien nicht auf die Idee gekommen, im Elternhaus nach der Vermissten zu suchen, sagt der Amstettener Bezirkshauptmann Heinz Lenze. Auch nicht, als die Tochter angeblich drei Kinder vor der Tür ablegte.

Die zwei Mädchen und ein Junge wurden zur Schule angemeldet. Ein Klassenkamerad eines der Kinder sagte dem ORF, dass die Schüler von der verschwundenen Mutter der drei gewusst hätten. Darüber habe jedoch niemand gesprochen, weil die Grossmutter es so gefordert habe, sagt der Schüler.

(Gabrielle Grenz, AFP/sda)

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