Der grosse Stau
publiziert: Dienstag, 21. Dez 2010 / 09:48 Uhr

Im Morgen- oder Abendverkehr in Peking unterwegs zu sein, braucht Nerven und viel Geduld. An der Guo-Mao-Bruecke im Zentralen Geschäftsviertel schafft man um 8.30 oder 18 Uhr, wenn’s hoch kommt, in einer halben Stunde gerade einmal einen Kilometer.

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Taxifahrer Wang Huidong wird von der regierungsamtlichen, englischsprachigen Tageszeitung «China Daily» mit den fürwahr bemerkenswerten Worten zitiert, dass «die durchschnittliche Lebenserwartung in China 70 Jahre beträgt, dass die Pekinger tatsächlich aber nur 50 Jahre bekommen, weil sie 20 Jahre in Verkehrsstaus verlieren». Kurz, der Verkehr in der Hauptstadt des Reichs der Mitte ist ein Albtraum.

Der Albtraum wird sich nicht so bald auflösen. Im Gegenteil. Im November allein wurden in Peking 96'000 Neuwagen zugelassen. Im laufenden Monat wird dieser Rekord aller Voraussicht nach überboten und die 100’000-Marke locker überschritten werden. Auf dem Yayuncun-Automarkt, dem grössten der Stadt, frohlocken die Händler. Das Geschäft läuft quasi von selbst. Von Rabatten spricht schon längst niemand mehr.

Wo einst Myriaden von Velofahrern das Verkehrsbild und das Tempo prägten, rollen jetzt langsam Blechlawinen über das im Eiltempo wachsende Strassennetz. Dennoch, so viele Autos wie täglich neu zugelassen werden, so schnell kann nicht einmal Baurekord-Weltmeister China Strassen, Autobahnen und Ring-Verkehrsadern bauen. «Die Autos, die jetzt gekauft werden», sagt Verkehrspolizist Meng Guangjin, «sind jene, welch die künftigen Strassen blockieren werden». Nach den Pekinger Verkehrsbehörden liegt während den Rush Hours derzeit die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 24,2 Kilometern pro Stunde. Bis in fünf Jahren werden es dann, trotz allem Strassenbau und allen weiteren Massnahmen nur noch 15 Kilometer pro Stunde sein.

Zu den Spitzenzeiten zwischen sieben und zehn Uhr morgens, sowie zwischen fünf und acht Uhr abends ist also zumindest in Downtown das Fahrrad wieder zum schnellsten Fortbewegungsmittel geworden. Ich beispielsweise radle von meiner Wohnung im Stadtzentrum ins acht Kilometer entfernte Büro ebenfalls im Stadtzentrum auf einem wunderbar schweren, doch soliden Velo der Marke «Fliegende Taube». Keine Übersetzung zwar, dafür aber mit Stängeli-Bremsen, wie einst die alten britischen Fahrräder der Marken Rudge und Raleigh. Es ist ein Vergnügen, all die Lexus, Porsches, Audis, Mercedes und wie sie alle heissen, locker zu überholen. Der Lamborghini neulich hatte gegen die „Fliegende Taube“ keinen Wunsch. Allerdings im Winter bei minus 10 Grad hat der Sportwagenfahrer bei Tempo 10 einen kleinen Vorteil. Er sitzt im warm geheizten Wagen.

Der rasant wachsende Verkehr mit den täglichen Mega-Staus bereitet den Pekinger Stadtbehörden erhebliches Kopfzerbrechen. Nach offiziellen Zahlen des städtischen Verkehrsbüros vom 12. Dezember waren 4,79 Millionen Autos zugelassen, und 6,2 Millionen Personen haben einen Führerschein. In Peking ist das Problem besonders akut. Auf 1'000 Einwohner kommen heute 130 Autos, während es in Shanghai nur 45, in Kanton 26 und in China insgesamt gar nur 19 sind. Diese Zahlen zeigen, warum die Prognosen für die Auto- und Motorfahrzeug-Industrie so positiv und die Aussichten auf eine spürbare Reduktion der Abgase so negativ sind.

Auch die absoluten Zahlen sind eindrücklich und eben so immens wie eben alles in China: Nach neuesten Statistiken des Ministeriums für öffentliche Sicherheit verkehren auf Chinas Strassen derzeit rund 200 Millionen Motorfahrzeuge, 85 Millionen davon Personenwagen, der Rest Lastwagen, Busse, Traktoren und Motorräder. Nach Prognosen des statistischen Amtes in Peking rechnet man mit 200 Mio. Personenwagen im Jahr 2020, und nach der Asiatischen Entwicklungsbank wird sich die Zahl der Autos bis ins Jahr 2040 mit dem Faktor 15 vermehren und mithin der CO2-Ausstoss verdreifachen.

Sicher ist, dass immer mehr Chinesen und Chinesinnen ein Auto wollen, es ist der Traum von der unbegrenzten Mobilität, welche Amerikaner und Europäer schon vor Jahrzehnten geträumt und dann ohne Rücksicht auf die Umwelt auch durchgesetzt haben. 150 Millionen Chinesen haben bereits einen Fahrausweis und nach Prognosen des Ministeriums werden Jahr für Jahr zwischen 10 bis 15 Millionen neue Motorfahrzeuge auf die Strassen kommen.

In Zeitungskommentaren wird die Verkehrs-Kalamität heftig kritisiert und an guten Ratschlägen zuhanden der Regierung mangelt es nicht. Gerade eben haben die Pekinger Verkehrsbehörden einen Massnahmenkatalog veröffentlicht, der öffentlich diskutiert werden soll, auf Schweizerisch ausgedrückt also eine «breite Vernehmlassung».

Sechs Massnahmen sollen nach Ansicht der Stadtväter das Übel an der Wurzel packen und innerhalb der nächsten fünf Jahren lösen. Dazu gehört der Bau von Schnell- und Umfahrungsstrassen, die Reduzierung der 700'000 Autos umfassenden Flotte der Zentral- und Lokalregierung und weniger offizielle Fahrten, die Erhöhung der Parkgebühren in der Stadt (10 Yuan oder umgerechnet 1.70 Fr., ein satter Preis für Peking), Bevorzugung des öffentlichen Verkehrs mit separaten Bustrassen, In Erwägung gezogen wird auch die olympische Methode, die 2008 jeweils fünfzig Prozent der Autos von der Strasse verbannte, mittels geraden und ungeraden Autonummern. Auch das in Singapur oder Hong Kong übliche Road Pricing wurde diskutiert, aber abgelehnt, da «unsozial».

Die Shanghaier Methode hingegen wurde von Peking von Anfang an scharf zurückgewiesen. In der Finanz- und Wirtschaftsmetropole nämlich wird der Zuwachs an neuen Autos übers Portemonnaie gesteuert, d.h. die Zulassung und der Erwerb eines Autokontrollschildes mittels Auktionen erteilt. So wurden in Shanghai im November lediglich 8'500 Autos zugelassen, während es in Peking im gleichen Zeitraum über 90'000 waren. In Peking bezahlte ein Autobesitzer nur 500 Yuan (nicht ganz 100 Franken) für die Registrierung, während in Shanghai an den Auktionen im Durchschnitt 45'200 Yuan (6'800 Franken) hinzublättern waren. In Peking hackten die Kommentatoren genüsslich auf Shanghai herum und hoben das «faire, soziale Verhalten» der Behörden in der Hauptstadt hervor.

Ob die angestrebte Verkehrsberuhigung bis 2015 erreicht werden kann, wird von chinesischen Städteplanern füglich bezweifelt. Dies trotz gewaltigen Investitionen in den öffentlichen Verkehr. So werden beispielshalber in Peking in den nächsten fünf Jahren zum bestehenden Untergrundbahnnetz von über 300 Kilometern nochmals rund 500 Kilometer hinzugefügt.

Wenn alle vorgeschlagenen Massnahmen in die Tat umgesetzt werden, dann wird nach Liu Xiaoming – Direktor der Pekinger Kommission für Stadttransport – ein Maximum von 6,7 Millionen Autos die Obergrenze sein. Diese Zahl wird jedoch nach Prognosen der Assoziation der Automobil-Produzenten Chinas mit Sicherheit übertroffen werden. Händler Chen Xiaobing an einem grossen Automarkt im Pekinger Haidian-Distrikt meint lachend: «Wenn nicht wirtschaftlich etwas ganz schief läuft, und ich glaube das nicht, wird es in fünf Jahren in Peking zwischen sieben und acht Millionen Autos geben».

Und die «Fliegende Taube»? Sie ist mit Sicherheit eine aussterbende Spezies.

(von Peter Achten/news.ch)

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