Der persönliche «Golden Slam» in Griffnähe
publiziert: Freitag, 3. Aug 2012 / 18:31 Uhr / aktualisiert: Freitag, 3. Aug 2012 / 22:32 Uhr
Roger Federer kann seine Karriere mit Olympia-Gold krönen.
Roger Federer kann seine Karriere mit Olympia-Gold krönen.

Roger Federer hat sich seine erste Olympia-Einzelmedaille nach einem Krimi gesichert. In einem unglaublichen Spiel rang der Weltranglisten-Erste den Argentinier Juan Martin Del Potro 3:6, 7:6 (7:5) 19:17 nieder und steht nun im Endspiel.

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Roger FedererRoger Federer
66 Minuten später kam die zweite Chance. Roger Federer hatte nach einer Spielzeit von 3:14 Stunden und seinem ersten Break der Partie zum 10:9 im dritten Satz schon einmal zum Match serviert, war dann aber zu null gebreakt worden. Zwölfmal servierte er gegen den Matchverlust, ehe er beim Stande von 18:17 wieder im Vorsprung die Seiten wechselte. Die Matchuhr zeigte nun 4:20 Stunden und Federer wollte sich diese einmalige Chance nicht zum zweiten Mal nehmen lassen. Wie angespannt er war, zeigte aber wenig später der erste Matchball. Der 17-fache Sieger von Grand-Slam-Turnieren konnte den Match zweimal mit durchaus machbaren Vorhand-Bällen nicht beenden und setzte danach zum Entsetzen des ganzen Stadions einen eher leichten Vorhand-Volley ins Netz. Zwei Punkte später war dann dennoch grosser Jubel angesagt, als ein Rückhand-Passierball Del Potros im Netz landete. Die in jeder Phase absolut hochklassige Partie dauerte 20 Minuten länger als der US-Open-Final 2009, den Del Potro in fünf Sätzen gewonnen hatte.

Anschliessend brachen alle Dämme. Die Zuschauer gaben den beiden Kontrahenten eine sogar für Wimbledon-Verhältnisse unglaubliche Ovation und Federer tröstete den weinenden «Turm aus Tandil», der trotz seiner Grösse nur noch wie ein Häufchen Elend wirkte. «Ich war für ihn sehr traurig», sagte Federer, «es war eine sehr emotionale Umarmung. Er sollte sehr stolz auf seine Leistung sein, ich habe ihn noch nie so konstant stark gesehen, schon gar nicht auf Rasen.» Der Maestro selber war uneingeschränkt glücklich: «Ich bin natürlich enorm froh. Das ist die erste Medaille für die Schweiz und das hat mich durch den Match getragen. Emotional bin ich aber völlig erschöpft, weil ich so häufig gegen den Matchverlust servieren musste.»

Kaum jemand hätte gedacht, dass eine emotionale Steigerung für alle Beteiligten bei Federer-Partien in Wimbledon gegenüber dem Halbfinal und Final bei «The Championships» gegen Novak Djokovic respektive Andy Murray noch möglich sein würde. Die gestrige Partie stellte aber jene Spiele, die noch nicht einmal einen Monat zurückliegen, in den Schatten, obwohl sie nur auf zwei Gewinnsätze ausgetragen wurde. Del Potro, unbeeindruckt von fünf Niederlagen gegen Federer in diesem Jahr, schoss buchstäblich aus allen Zylindern und holte sich den ersten Satz nach einem Break zum 5:3 in 36 Minuten. 71 Prozent erster Aufschläge im Feld und nur zwei unerzwungene Fehler sprechen eine deutliche Sprache über seine Dominanz.

Der Argentinier servierte hervorragend und intelligent, oft auf den Körper. Im zweiten, ausgeglicheneren Satz, hatte er immer noch leichte Vorteile. Bei 4:4 hatte er sogar einen Breakball, der einem kleinen Matchball gleichkam. Federer wehrte diesen mit einem Vorhandwinner ab, musste dann aber im Tiebreak auch noch einmal leiden. Er kassierte nach 4:1-Vorsprung den Ausgleich, verwertete jedoch bei 6:5 einen seiner wichtigsten Aufschläge des Jahres mit einem Ass und erzwang so den Entscheidungssatz.

Golden Slam« in Griffnähe

Federer, der in sieben Situationen nur zwei Punkte von der Niederlage entfernt war, fehlt damit nur noch ein Sieg zum unglaublichsten und einzigartigsten Double in der Tennisgeschichte, dem Doppelschlag »Wimbledon und Olympia-Gold in Wimbledon«, dem vielleicht wertvollsten Erfolg seiner unvergleichlichen Karriere, in der er Erfolge in London SW 19 ohnehin über alles stellt. Mit einem Finalerfolg würde er sich nicht nur seinen Bubentraum erfüllen, sondern auch den persönlichen »Golden Slam« vollenden. Er wäre nach Steffi Graf, die ihn 1988 in einem Kalenderjahr geschafft hatte, deren Ehemann Andre Agassi und Rafael Nadal, der ihn in Peking 2008 vollendete, der vierte Spieler, der diese historische Leistung vollbringt. Ebenso wie Serena Williams, die schon heute dieses Kunststück vollbringen kann, hätte er dann den »doppelten Golden Slam«, da er ja auch schon im Doppel Olympiasieger geworden ist.

Seit London 2005 die Spiele zugesprochen erhielt, ist man sich in Tennis-Kreisen der Einmaligkeit dieser Gelegenheit für die aktuelle Tennis-Generation bewusst. Federer hat versucht, in den Wochen nach seinem Triumph bei den All England Championships nicht regelmässig daran zu denken: »Nach Wimbledon war ich in der Euphorie über den Titel, die Rückeroberung der Nummer 1 und das Erreichen des Rekords von Pete Sampras. In den Ferien habe ich praktisch gar nicht daran gedacht. Ich tue es erst so richtig, seit ich hier bin. Wenn ich mich tagtäglich damit beschäftigt hätte, hätte das viel Energie gekostet.«

Am Sonntag trifft Federer in der Reprise des Wimbledon-Finals vom 8. Juli auf Andy Murray. Der Schotte eliminierte Novak Djokovic in einer ebenfalls hochklassigen Partie 7:5, 7:5 und sorgte damit dafür, dass Federer unabhängig vom Finalausgang die Nummer 1 bleibt. Er nimmt damit am Montag seine 290. Woche auf dem Weltranglisten-Thron in Angriff und hat trotz seines Forfaits für Toronto gute Chancen, diese Zahl substanziell zu erhöhen. Bis vor Schanghai Anfang Oktober hat er deutlich weniger Punkte zu verteidigen als der Serbe.

Murray hat bis ins Endspiel deutlich weniger Games abgegeben als Federer (38:64). Einen Satz nahm dem Startrunden-Bezwinger von Stanislas Wawrinka einzig Marcos Baghdatis ab. Allerdings hat Murray heute Samstag noch maximal zwei Mixed-Partien zu absolvieren. An der Seite von Laura Robson steht er im Viertelfinal.

Für Murray bietet sich damit am Sonntag im über drei Gewinnsätze ausgetragenen Endspiel die Möglichkeit, endlich einen ganz grossen Titel zu gewinnen. Er hat bisher vier Major-Endspiele bestritten und einzig zuletzt gegen Federer einen Satz gewinnen können.

(bert/Si)

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