Der rosarote Hunderter
publiziert: Montag, 30. Nov 2015 / 08:02 Uhr
Die alte 100 Yuan Renminbi-Note: Fälschungen mitunter frisch aus dem Bankomaten!
Die alte 100 Yuan Renminbi-Note: Fälschungen mitunter frisch aus dem Bankomaten!

Die grösste chinesische Banknote, der 100er-Schein, wird renoviert. Der Grosse Vorsitzende Mao Dsedong jedoch bleibt.

4 Meldungen im Zusammenhang
Vor knapp zehn Jahren begegnete ich bei der Recherche zu einer Immobilien-Geschichte dem Kleinunternehmer Cun Weikan. Er stammte aus der Boom-Provinz Zhejiang und betrieb in Wenzhou, dem damaligen Herzen der «chinesischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung» - also Kapitalismus pur - eine Feuerzeug-Fabrik. In Peking, so Cun, wolle er jetzt zwecks Anlage zwei Wohnungen kaufen. Der Anleger aus Wenzhou war gekleidet im grünen, rauen Tuch jener, die vom Lande kommen und von den hochnäsigen Städtern als «Landeier» abqualifiziert wurden. Doch das kümmerte den selbstbewussten Kleinunternehmer wenig. Die beiden Wohnungen kaufte er schliesslich für eine damals dem Durchschnitts-Chinesen fast unvorstellbar grosse Summe von 3 Millionen Yuan Renminbi oder umgerechnet mehr als 400'000 Franken. Das erstaunliche dabei: er zahlte bar. Die rosaroten Hunderternoten mit dem Konterfei des Grossen Steuermanns Mao - umgerechnet rund 16 Franken pro Stück - führte er in einem grossen Lederkoffer mit sich. Cash as Cash can eben.

Digital Kopf voran

Den umtriebigen Feuerzeug-Fabrikanten habe ich nie wieder gesehen. Anzunehmen ist jedoch, dass er heute - wenn immer noch so erfolgreich - statt Cash mit einem oder zwei Kärtchen bezahlen würde und statt dem grünen Bauerntuch massgeschneiderte Anzüge trüge. Die junge städtische Generation Chinas jedenfalls hat sich Kopf voran in die digitale Revolution gestürzt und bezahlt heute vom Auto über die Nudeln beim Wang-Nudelkönig bis hin zum Cappuccino im Starbucks mit dem Kärtchen oder der Handy-App.

Dennoch gehört in China Cash noch längst nicht in den sprichwörtlichen Abfallkorb der Geschichte. Schliesslich haben die Chinesen ja die Banknote erfunden. Bereits in der Tang-Dynastie (7.-10. Jhd.) gab es so etwas wie Papiergeld in Form von Schuldverschreibungen. Beim grossen Wirtschaftsboom im 11. Jahrhundert schwollen die Transaktionen derart an, dass Kupfer- und Silbermünzen als Zahlungsmittel, zum Beispiel für mehrere Ballen Seide, ganz einfach zu schwer waren. Der Gouverneur der Westprovinz Sichuan emittierte deshalb Papiergeld. Die Zentralregierung machte das Vorgehen für das ganze Reich der Mitte darauf verbindlich und deckte die staatlichen Scheine fortan mit kaiserlichem Gold und Silber.

Diskret raffiniert

Bei der Gründung der Volksrepublik 1949 wurde die Volkswährung Yuan - also Yuan Renminbi - eingeführt. Damals gab es noch 500er-,1000er-, 5*000er-, 10'000er- und 50'000er-Noten. Heute sind nur noch die kleinen Denominationen bis maximal 100 geblieben. Zum fünfzigsten Gründungstag des Neuen China 1999 wurde eine gänzlich neue Serie in Umlauf gebracht. Der Grosse Vorsitzende Mao Dsedong ziert seither alle Scheine, angefangen bei der grünen 1-Yuan-Note über die violette 5-Yuan-, die blaue 10-Yuan-, die gelbbrauen 20-Yuan-, die grüne 50-Yuan- und die höchste, die rosarote 100-Yuan-Note.

Seit November gibt es nun eine neue 100er-Note, rosarot wie immer, aber perfektioniert nicht zuletzt auch dank Schweizer Technologie. Die Veränderungen sind diskret und kaum sichtbar: Leichte Farbänderungen zum Beispiel je nach Blickwinkel, ausgeklügelte neue Wasserzeichen, Seriennummern zur Bekämpfung von Geldwäsche und Korruption und weitere Finessen. Mao natürlich blickt, politisch korrekt, nach wie vor den Zahlern und den Bezahlten ins Gesicht.

Extrem lukrativ

Die Falschmünzer werden es in Zukunft schwerer haben als bisher. Das ist wohl auch die Absicht der Neuausgabe, denn in den letzten Jahren nahmen die Fälschungen rapide zu. Selbst Bankautomaten sind hin und wieder keine Ausnahme, wie Ihr Korrespondent in den letzten zwölf Monaten dreimal erfahren musste. Die gefälschten Scheine, sagen gut informierte Finanz-Beobachter, gelangen mit Hilfe aus dem Innern der Bank in die Geldmaschinen. Denn falsche rosarote 100er sind bei einem Produktionspreis von nur sechs Yuan pro Stück extrem lukrativ.

Die offiziellen Zahlen geben zu denken: vor drei Jahren beschlagnahmte die Polizei falsche 100er im Wert von 330 Millionen Yuan, im vergangenen Jahr wurden dann schon 535 Millionen sichergestellt. Gedruckt wird der falsche papierene Cash in hoher Qualität oft in clandestinen Druckereien in der südlichen Boom-Provinz Guangdong (Kanton). In einer ausgehobenen Fabrik wurden nach einem Bericht der amtlichen Nachrichten-Agentur Xinhua in einer einzigen Woche eine Tonne der rosaroten Scheine produziert, und die Arbeiter erhielten einen Lohn von 10'000 Yuan. Nicht pro Monat oder Woche sondern pro Tag, und das erst noch in echten Scheinen. Neuerdings sollen sich die Falschmünzer auf kleinere Noten spezialisiert haben, also den 50er-, den 20er- und den 10er-Schein. Zwar bringt das nicht mehr soviel Profit, ist aber beim Normalverbraucher und beim Normalgeschäft weitem weniger verdächtig.

Das Maschinchen

Schon bis anhin wurde an den Kassen eines jeden Geschäfts, Restaurants oder Supermarkts mit einem Maschinchen die Echtheit des rosaroten Hunderters getestet. Auch mit Fingerspitzen-Ribbeln am Revers von Maos Anzug, so erklärt es ein Strassenhändler, lasse sich ein Fälschung leicht feststellen. Im Kampf gegen Geldwäscherei und Korruption soll jetzt aber eine raffinierte Seriennummer es gar ermöglichen, Zahlende und Bezahlte einer verbrecherischen Transaktion zu eruieren. Das ist möglich dank einer autoritären monetären Kontrolle. Cash als Geldwaschmaschine fällt mithin ausser Betracht. In Zukunft werden wohl Sachwerte wie Kalligraphien, Jade, Smaragde, Bilder oder ähnlich Handfestes Cash als Fluchtwerte ersetzen.

Die junge Generation ist zwar, wie anderswo auf der Welt, dank Smartphone und Kärtchen schon fast ganz auf der digitalen Zahlungsebene angelangt. Dennoch, in China wird Cash nicht so schnell verschwinden und wohl noch lange König bleiben.

(Peter Achten / Peking/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Washington - Darauf hat Peking Jahre gewartet: Ökonomisch ist das Riesenreich ... mehr lesen
Das Ende der Dominanz des US-Dollar?
Bank of China Building, Central Hong Kong.
Zürich - Die chinesische Zentralbank hat auf den dramatischen Kurssturz an den Börsen reagiert und ihre Geldpolitik überraschend ... mehr lesen
Peking - Nach drei Tagen in Folge ... mehr lesen
Ein Dollar kostete 6,3975 Yuan.
Der Yuan bekommt eine neue Bedeutung.
Peking - Chinas Yuan steht vor ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der ...
Mit seinem Besuch in Vietnam hat US-Präsident Obama seine seit acht Jahren verfolgte Asienpolitik abgerundet. Die einstigen Todfeinde USA und Vietnam sind, wenn auch noch nicht Freunde, so doch nun Partner. China verfolgt die Entwicklung mit Misstrauen. mehr lesen 
Zum 50. Mal jährt sich im Mai der Beginn der chinesischen «Grossen Proletarischen Kulturrevolution». Das Chaos dauerte zehn Jahre. Mit tragischen Folgen. mehr lesen  
Mao-Büsten aus der Zeit der Kulturrevolution: «Sonne des Ostens» und Halbgott.
Kein Psychopath, sondern ein der Realität verpflichteter Diktator: Kim Jong-un.
Kim Jong-un ist ein Meister der Propaganda und (Selbst)Inszenierung. Nach vier Jahren an der Macht liess er sich nun am VII. Kongress der Koreanischen Arbeiterpartei zum ... mehr lesen  
Pekinger Pfannkuchen oder Crêpes Pékinoises sind nur schwache Umschreibungen für das ultimative Pekinger Frühstück Jianbing. Wörtlich übersetzt heisst Jianbing ganz banal ... mehr lesen  
Das Ehepaar Wang in Aktion.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 8°C 20°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich stark bewölkt, Regen
Basel 10°C 20°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen bewölkt, etwas Regen
St. Gallen 14°C 17°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig bewölkt, etwas Regen
Bern 7°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen gewittrige Regengüsse
Luzern 6°C 20°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich gewittrige Regengüsse
Genf 7°C 21°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen gewittrige Regengüsse
Lugano 11°C 19°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig freundlich Wolkenfelder, kaum Regen
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten