Der rutschige Hang
publiziert: Dienstag, 9. Dez 2014 / 16:11 Uhr
Folter: Mal etwas härter hin langen macht nichts?
Folter: Mal etwas härter hin langen macht nichts?

In den USA tobt soeben der Streit, ob der Folter-Report des Senates publiziert werden dürfe, oder nicht. Es werden weltweite Unruhen befürchtet. Aber es fragt sich, ob ein wegschliessen des Reports nicht noch problematischer wäre.

10 Meldungen im Zusammenhang
Für George W. Bush steht im Vorfeld der Veröffentlichung des Berichtes über Folter nach 9/11 fest, dass der CIA mit Waterboarding und anderen Foltermethoden (die euphemistisch als «enhanced interrogation techniques» - «aufgewertete Verhörtechniken» - bezeichnet wurden), den USA und der Welt einen guten Dienst erwiesen. Sein damaliger, von vielen als eigentlicher Boss von Bush kolportierte, Vizepräsident Dick Cheney behauptet sogar, es hätten so viele weitere Terror-Angriffe verhindert werden können. Es geht diesen Männern also vor allem darum, ihr Vorgehen, bei dem die eigenen Prinzipien verraten wurden, zu rechtfertigen.

Der Bericht kommt nach ersten Informationen auf das genaue Gegenteil: Die Foltermethoden seien - oh Überraschung - wirkungslos gewesen. Dies ist ein Schluss auf den man immer und immer wieder gekommen ist: Folter bringt kaum verwertbare Resultate. Dies vor allem, weil ein solches Verhör nicht mit dem Ziel eines Erkenntnisgewinns, sondern mit dem Wunsch, ein bestimmtes Resultat zu erfahren geführt wird. Der «Befrager» erwartet ein Resultat und wenn dieses geliefert wird - egal ob es der Wahrheit entspricht - hört die Qual für den Verhörten auf.

Etwas anderes, viel tiefer gehendes, wird bei der effektiv/ineffektiv-Debatte nicht angesprochen: Was das Foltern aus dem Folterer, aus den Institutionen und den Staaten, die das Foltern erlauben, macht. Westliche Gesellschaften haben den Anspruch, die Barbarei hinter sich gelassen zu haben. Doch die Schicht der Zivilisation ist nur hauchdünn. Und Akte, welche diese Schicht ankratzen oder gar verletzen (vor allem mit dem Vorwand, genau diese zu schützen), können verhängnisvolle Folgen haben.

Der Reiz, barbarische Kräfte mit den gleichen Mitteln, welche diese anwenden, zu bekämpfen, ist immer gross. Und umso mehr, wenn diese Mittel unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit verwendet werden können. Doch egal, ob man sich die Hände im verborgenen oder vor aller Öffentlichkeit schmutzig macht, schmutzig sind sie. Kommen diese Praktiken an den Tag, gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem Dreck, der nun für alle zu sehen ist, fertig zu werden. Man distanziert sich davon und schwört solchen Praktiken ab. Oder man erklärt sie - wider besseres Wissen - für notwendig und nützlich und verschmutzt so alles, das bis anhin noch sauber gewesen ist.

Dies geht dann nach dem Motto, dass im Schweinestall einer mit dreckigen Händen nicht auffällt. Doch dieser Weg führt auf einen rutschigen Hang.

Sobald die Folter bei Terrorverdächtigen statthaft ist, lassen sich natürlich auch die Rechte von allen anderen einschränken: Privates ist nicht mehr privat, Abhören gehört zum Alltag. Unverdächtig ist niemand mehr. Menschen sind schuldig bis zum Beweis der Unschuld. Und ja, vielleicht ist dieser oder ist jene ja ein Sympathisant. Von Terroristen. Denn, die kritischen Äusserungen auf den sozialen Netzwerken lassen fast keinen anderen Schluss mehr zu, oder?

Dann kann man den auch etwas härter angreifen, nicht wahr? Denn die wissen sicher was.

Und was soll das, Recht auf Privatsphäre, Recht auf körperliche Unversehrtheit? Die Sicherheit, die geht ja wohl vor. Denn wenn man zum Schutz der Freiheit nicht etwas härter zugreifen darf, wofür denn sonst?

Der Graben zwischen Staat und Bürger wird sich unweigerlich öffnen. Und die Erosion der Rechte wird denn auch schon bald von so manchem bejubelt. Warum denn auch nicht? Immerhin wird etwas gegen die Angst gemacht, die alles dominiert.

Und das ist der Ort des unheimlichen Handschlags von islamistischem Terror und Staatsräson, die Bürgerrechte Schicht um Schicht weg ätzt. Erst Al Kaida und jetzt IS schaffen es, den Westen in Angst zu versetzen und die Sicherheitsbehörden nehmen den Ball auf, setzen die Gefahren nicht in Relation sondern betonen diese noch, benutzen den professionell aufbereiteten Terror der irren Kopfabschneider, um die eigenen Wünsche des gläsernen Menschen voran zu treiben. Beide Seiten geeint in ihrer Verachtung für wirkliche Freiheit und Demokratie.

Dass hier ein staatlicher Bericht, der Folter als unnütz und kontraproduktiv entlarvt, ziemlich schräg in der Gegend steht, ist schnell mal klar. Denn ein solcher Bericht wirft ein schlechtes Licht auf bestimmte Kreise in diesem Staat, macht klar, das solche Praktiken nicht das sind, was wir zu sein vorgeben. Doch ein solcher Bericht zeigt auch, dass unsere Gesellschaften zur Selbstkritik in der Lage sind, fähig, einen falschen Weg wieder zu verlassen. Dies im Gegensatz zu totalitären Ideologien, die sich immer tiefer in den eigenen Wahnsinn verrennen um dann entweder in der eigenen Asche zu versinken oder die Welt noch mit sich zu reissen.

Deshalb ist ein solcher Bericht zu begrüssen. Allen Risiken zum trotz. Denn die Alternative wäre noch schlimmer. Und zum Henker mit Georg W. Bush und Dick Cheney.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Dschungelbuch Der Name der «Folterkönigin» (Zitat NBC) ist bekannt. Dabei ist nicht ihr Name, sondern es sind ihre Taten entscheidend. Benannt werden sollte aber die Selbstverständlichkeit, mit der die USA und ihre Kader foltern. mehr lesen
Folter - bald so selbstverständlich wie Religion oder Konsum...
Washington - Der Bericht des US-Senats über die CIA-Foltermethoden bringt Licht in ... mehr lesen
Washington - Nach der Veröffentlichung des Senatsberichts über die Folterverhöre des US-Geheimdienstes CIA fordert die UNO ... mehr lesen
Barack Obama will nach Möglichkeit auf solche Verhörmethoden verzichten.
Washington - Die CIA-Verhörmethoden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 waren weit brutaler als bisher bekannt ... mehr lesen
Washington - Mit ungewöhnlich deutlichen Worten hat US-Präsident Barack Obama erneut Folter durch die Vereinigten Staaten ... mehr lesen
US-Präsident Barack Obama
Weitere Artikel im Zusammenhang
Washington - Nach Berichten über die mutmassliche staatliche Folter eines Kindes in Syrien hat US-Aussenministerin ... mehr lesen 1
US-Aussenministerin Hillary Clinton.
Das Gremium überprüft regelmässig Berichte der 141 Unterzeichnerländer der UNO-Anti-Folterkonvention.
Genf - Vor dem UNO-Ausschuss gegen Folter haben die USA Vorwürfe von ... mehr lesen
Santiago - In Chile sind unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet einem Pressebericht zufolge rund 30 000 politische ... mehr lesen
Ex-Diktator Augusto Pinochet hielt Chile mit seinen Militärs bis 1990 gewaltsam unter Kontrolle.
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der ...
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher Alternativvorschlag vor den Wahlen als Killer-Argument gegen die Initiative publik gemacht werden. Dass dieser noch nicht öffentlich ist, liegt mal wieder am Geld. mehr lesen 
Ja zur Asylgesetzrevision und Nein zur Milchkuh-Initiative La Chaux-de-Fonds NE - Die SP Schweiz sagt Ja zum revidierten ...
Bei Service-Public-Betrieben soll Gewinn nicht im Zentrum stehen Bern - SBB, Post und Swisscom sollen nicht wie private ...
Breiter Widerstand gegen «Pro Service public» Bern - Ein Ja zur Initiative «Pro Service public» würde aus Sicht der Gegner ...
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und ... mehr lesen  
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Ende der Ära Rousseff? Bern - Für Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff könnte der letzte Tag als Staatschefin angebrochen sein. Der Senat des Parlaments kam am Mittwoch ...
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat zugenommen.
Shopping 62 Franken pro Kopf für fair gehandelte Produkte Zürich - Schweizerinnen und Schweizer haben 2015 für 520 Millionen Franken fair gehandelte Produkte mit dem Label Max Havelaar eingekauft. Den ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Mao-Büsten aus der Zeit der Kulturrevolution: «Sonne des Ostens» und Halbgott.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Wettbewerb
   
Die Alp Grosser Mittelberg im Justistal.
Viel Glück  Die Alpsaison steht vor der Tür. Damit Wanderfreunde den Weg zu den schönsten Alpbeizli finden, haben wir ein Gewinnspiel parat.
Mitmachen und gewinnen.  Rechtzeitig zur Premiere von «The First Avenger: Civil War» verlosen wir zwei Fan-Pakete mit jeweils zwei Kinoeintritten.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 13°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewitterhaft
Basel 13°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft Gewitter möglich
St. Gallen 14°C 23°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter vereinzelte Gewitter
Bern 13°C 25°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter Gewitter möglich
Luzern 14°C 25°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen gewitterhaft
Genf 12°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter Gewitter möglich
Lugano 16°C 24°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen Gewitter möglich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten