Der schwarze Flüchtlingspeter
publiziert: Dienstag, 15. Sep 2015 / 13:20 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 15. Sep 2015 / 13:39 Uhr
Flüchtlinge in Ungarn: Eine Krise, die sich nicht mehr ignorieren lässt.
Flüchtlinge in Ungarn: Eine Krise, die sich nicht mehr ignorieren lässt.

Die Asylkrise ist eine Krise. Ohne Zweifel. Politisch. Logistisch. Doch vor allem auch eine des Denkens in einer von Opportunismus beherrschten Zeit.

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Was auf Europa zukommen würde, war eigentlich schon länger absehbar. Nicht Monate sondern Jahre. Der Bürgerkrieg in Syrien hat seinen Kurs seit dem Ausbruch eigentlich nicht verlassen. Ein humanitäres Desaster und jede Menge Flüchtlinge waren absehbar. Ebenso, dass die unmittelbaren Nachbarn für die Geflüchteten irgendwann keine Option mehr wären.

Doch es wurde so getan, als würde sich diese Krise irgendwo in Südostasien abspielen. Oder am Horn von Afrika. Weit weg auf alle Fälle. Nicht in einem Land, das von Berlin etwas weiter weg liegt als Portugal.

Die EU vergnügte sich während der letzten drei Jahre vor allem damit, Griechenland - das zudem eines der am stärksten von den Flüchtlingen belasteten Länder ist - zu pisaken und zu demonstrieren, dass Austerität der Weisheit letzter Schluss sei. Natürlich wurden immer wieder mal heroische Aufrufe wider die Gewalt der IS-Irren verlautbart und die massakrierten Jesiden lautstark beweint. Doch das alles schien weit, weit weg.

Selbst als sich durch die immer häufigeren Bootsflüchtlinge Fragen zu stellen begannen, die über das Konzept «wir bauen einen Zaun und singen laut, damit wir die Schreie dahinter nicht hören», hinaus gingen, wurde weiter auf Isolieren und Ignorieren gesetzt.

Die EU handelte als eine Ansammlung von Einzelstaaten und nicht als der Europäische Rechtsraum, den sie in ökonomischen Belangen so gerne vorgibt zu sein. Vorzugsweise sollten die Grenzstaaten die Angelegenheit alleine erledigen, denn so stand das ja im Abkommen von Dublin. Danke und Mahlzeit.

Doch die Situation hatte immer weniger mit dem Szenario zu tun, dem Normal-Szenario, wofür Dublin gedacht war. Es ist etwa so, wie wenn man bei einem Hausbrand auf die Gebrauchsanweisung einer Branddecke verweist und sich wundert, wenn die Hütte irgendwann lichterloh brennt.

Die panische Grenzöffnerei und -schliesserei, wie sie jetzt vor dem Hintergrund unerträglicher Todesfälle auf Europäischem Boden begonnen hat, ist die logische Folge der gescheiterten Hoffnung, dass ein Problem doch bitte einfach weggehen soll, wenn es nicht ins Konzept passt, der Druck schliesslich aber zu gross wird, um es weiter zu ignorieren.

An den EU-Aussengrenzen, aber auch im Herzen Europas hätten schon vor zwei Jahren von ganz Europa betriebene Flüchtlingszentren eröffnet werden sollen, und bereits damals hätte ein Verteilschlüssel für die Flüchtlinge ausgehandelt werden müssen. Dies hätte zu einer Zeit passieren müssen, als noch nicht der absolute Zeitdruck herrschte. Doch das passte nicht in das damalige Konzept. Auch die Entrechtung der Flüchtlinge durch das Verbot einer regulären Einreise und die Quasi-Forderung eines Tatbeweises durch eine lebensgefährliche Flucht hätten vermieden werden sollen. Wenn Flüchtlinge ihr ganzes Geld an die organisierte Schlepperkriminalität abgeben müssen und einst wohlhabende Menschen dann mittellos in Europa stranden, dann nützt das nur den Schleppern aber weder den Fluchtländern, noch den Flüchtlingen. Doch eben: Die Idee der Festung Europa war etabliert und ist es - wider die tägliche Realität - in vielen Köpfen immer noch.

Doch Krisen passen nie ins Konzept. Sonst würde man ihnen einen anderen Namen geben. Im besten Fall lassen sich Krisen managen und bewältigen. Doch dies nur, wenn sie als etwas angegangen werden, dass gemeinsam überwunden werden muss. Das erfordert ein Konzept, eine Absicht, einen Plan. Momentan gibt es in der EU etwa so viele Pläne wie Mitgliedsstaaten. Wobei viele Pläne eher auf Wünschen als auf der Wirklichkeit beruhen.

Der Fakt ist: Die EU wird die Flüchtlingskrise nur bewältigen, wenn sie sich schnell auf ein realistisches, gemeinsames Ziel hin einigt, das nicht den eigenen Grundwerten widerspricht und sich die Mitgliedsstaaten dabei nicht von der Annahme leiten lassen, dass sie die Sache nichts angeht, solange der Schwarze Flüchtlingspeter bei einem anderen Land steckt.

Denn wenn dieses Drama vorüber sein wird - und das wird es irgendwann - werden jene Länder, die sich um eine Lösung bemühten, sich mit Sicherheit an diese dramatische Zeit erinnern, als manches Mitgliedsland so tat, als ob humanitäre Aspekte in Europa nichts mehr zu suchen haben. Und dann wird sich erst herausstellen, ob diese Krise ein Schritt hin zu einem besseren Europa oder ein Schritt hin zur Auflösung der europäischen Idee sein wird.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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