Das System Blatter
Der wahre Verteidiger der Demokratie
publiziert: Dienstag, 2. Jun 2015 / 17:00 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 3. Jun 2015 / 08:37 Uhr
Sepp Blatter: Leuchtendes Beispiel für Demokratie im Fussball. Echt.
Sepp Blatter: Leuchtendes Beispiel für Demokratie im Fussball. Echt.

Aus dem Baur au Lac direkt ins Untersuchungsgefängnis hiess es für sieben FIFA-Delegierte letzte Woche. Doch der Sepp lässt sich dadurch nicht beeindrucken. Und er hat ja recht - denn mit seinem System wäre die Welt wesentlich einfacher klarer und vor allem: demokratischer!

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Segment von «Last Week Tonight» mit John Oliver zum FIFA-Skandal.
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Das «System Blatter» steht nun wieder am Pranger. «Korruption!» heisst es, «Vetternwirtschaft!» und «Schweinerei»! Dabei hat der Sepp ja nur ein dynamisches, selbst regulierendes System unter sich wachsen und gedeihen lassen, und das zum Nutzen aller seiner Freunde. Und wer nicht nach seinen Freunden schaut, ist ja eh für die Katz, oder?

Nehmen wir nur mal die WM-Vergabe an Südafrika, die ja laut den Anschuldigungen der US-Justiz vor allem zustande kam, weil Südafrika dem CONCAFAF-Chef Warner 10 Millionen US-Dollar für einige Delegierten-Stimmen versprach und der einige seiner Verbandsmitglieder im Austausch für eine Stimme (oder eine Vuvuzela, je nach Abstimmungsmodus) an diesem Geldsegen teilhaben lassen würde. In den Ofen sehen musste Marokko, das nur eine lausige Million bieten konnte.

Um darin etwas Ehrenrühriges zu sehen, muss man ja schon ziemlich moralinsauer drauf sein, denn - seien wir doch ehrlich - Marokko und WM?? Und einen Ferrari bekommt man auch nicht für ein Trinkgeld! Wer nicht mal anständig schmieren kann, soll sich gefälligst aus dem ganzen WM-Trubel raushalten. OK, Südafrika konnte danach nicht wirklich liefern. Scheinbar unterscheidet sich die dortige Gesetzgebung von der Schweizerischen und Schmiergelder sind nicht von der Steuer absetzbar oder so was. Doch hier zeigte sich dann der Dienstleistungsethos der FIFA und der rechten Hand von Sepp Blatter FIFA Generalsekretär Jérôme Valcke, der die Zahlungen an Südafrika für die Infrastrukturentschädigungen und ähnlichen Kokolores in Höhe von 10 Millionen statt nach Pretoria nach New York auf ein Konto überwies. Auf dieses hatte der CONCAFAF-Boss Warner Zugriff, der so seinen Schmierverpflichtungen und seinen persönlichen Bedürfnissen doch noch nachgehen und so Fussballentwicklungshilfe im FIFA-Style betreiben konnte.

Ein klassisches Verbrechen ohne Opfer, das nun die USA glaubt, bestrafen zu müssen. (Zugegeben, die südafrikanischen Bürger wurden um 10 Millionen beschissen, aber wer nichts hat, dem kann man ja auch nichts wegnehmen). Dabei müsste jedem klar sein, dass mit 10 Millionen mehr in der Staatskasse Zuma einfach noch einen Helikopter-Landeplatz und ein zusätzliches Wellenbad auf seinem Landsitz Nkandla hätte bauen lassen. So ist eigentlich Jacob Zuma das Opfer, aber da dieser damals selbst in dem Vergabeprozess der WM eingebunden war, hat er sich also praktisch selbst betrogen, womit wir wieder beim Verbrechen ohne Opfer wären. Und wenn Südafrika dazu meint, dass Zahlungen lange nach der Abstimmung wohl kaum Bestechungsgelder sein könnten und die Überweisung an Warner ein Akt der Fussball-Solidarität mit der afrikanischen Diaspora in der Karibik waren, dann steht es uns nicht an, an der Redlichkeit dieser Aussagen zu zweifeln.

Ja, Sepp Blatter hat absolut recht, wenn er findet, dass dies eine Verschwörung gegen ihn und seine liebe, schöne, gerechte und moralische FIFA sei. Denn echt: Wer betreibt sonst so aktiv Entwicklungshilfe wie dieser supranationale Ballsportverein? So manches unbedeutende Drittweltland hat - über das Konto eines ihrer FIFA-Funktionäre - plötzlich unverhofft Swimmingpools und neue Ferraris finanziert bekommen. Und das ganz ohne Enteignungen und andere in jenen Ländern legitime Massnahmen zur Eigentumsumverteilung.

Solcher Bottom-Up-Sozialismus ist den USA natürlich ein Dorn im Auge, vor allem, weil man das auch ohne FIFA gerade so gut kann und zweitens, weil die USA laut Blatter sauer auf die FIFA sind, weil die die WM 2022 nicht an die Amis, sondern in das viel besser geeignete und qualifizierte Katar vergeben hat, wo zwar jedes Jahr hunderte Arbeiter beim Stadionbau sterben, dafür aber die WM im Winter stattfinden muss, weil es im Sommer zu heiss zum Fussballspielen ist.

Kein Wunder, dass das FBI nun wie ein böser Fluch auf den Fersen von Sepp und seinen getreuen Schmiergesellen ist. Neid und Missgunst! Zum einen die Rache, selbst nicht das tollste Turnier der Welt austragen zu dürfen und zum anderen geht es vermutlich auch darum, die Vergabe der WM 2026 nach Nordkorea zu verhindern.

Ganz schlimm aber, dass auch noch die Schweizer Polizei bei dem Ganzen mitmischt. Was, so darf man sich ernsthaft fragen, erhofft sich die Zürcher Kantonspolizei (oder war es die Stapo?) davon, dem FBI dabei zu helfen und so die territoriale Integrität der FIFA, die bislang in der Schweiz ja wie ein Staat im Staat agieren durfte, zu tangieren? Da muss sich die Schweizer Regierung ernsthaft fragen lassen, wie sie es mit ihrer eigenen territorialen Integrität hält. Schliesslich hat die Schweiz die FIFA bisher auch nie angetastet, egal wie belastend die Aussagen von Beteiligten waren. Also, unter einer Bundesrätin Martullo-Blocher würde so etwas hoffentlich nicht passieren.

So war es eine grosse Erleichterung für alle, die auch nur ein winziges bisschen Gerechtigkeitssinn haben, dass Sepp Blatter trotz aller Widrigkeiten von seinen Delegierten in Amt und Würden bestätigt wurde - trotz dieses jordanischen Prinzen, der die Party verderben wollte. Mit Stimmen von Fussball-Giganten wie Palästina, Montserrat, Andorra und Burkina Faso, die dank des von Weisheit und Gerechtigkeitssinn geprägten Systems «Blatter» immer grosszügig aus den finanziellen Erträgen der WM (vor allem aus Zahlungen für Übertragungsrechte und Sponsorengeldern) für ihre Treue zur Blatter-FIFA belohnt werden. Denn, wie es ein afrikanischer Vertreter so schön ausdrückte, Sepp Blatter sei der wahre Verteidiger der Demokratie im Fussball. Und die wahre Demokratie hat Blatter nun wieder in sein Amt gewählt.

Die Schweiz hat nun eine einzigartige Chance. Es liegt an ihr, sich hinter Blatter zu stellen. Es liegt an ihr, dafür zu sorgen, dass dieser kleine Leuchtturm der nachhaltigen Korruptionsbewirtschaftung weiterhin die Geldströme von Sponsoren, Konzessionsgeldern und Mitgliederbeiträgen dorthin leitet, wo sie hin gehören. Und das sind die Taschen der Funktionäre, die dafür sorgen, dass die Demokratie im Fussball frei bleibt und nicht auch noch vom FBI verdorben wird.

PS: Nur wenige Stunden nach dem Verfassen dieser Kolumne ist Sepp Blatter von seinem teuer erkau... erkämpften Amt zurück getreten. Sicherlich spielte dabei auch eine Rolle, dass die offizielle Schweiz nicht ohne wenn und aber hinter dem Walliser Fussball-Napoleon gestanden ist und dadurch das Anfang vom Ende dieses einzigartigen Entwicklungshilfe-Projektes mit zu verantworten hat. Wenn schon bald tausende Fussballfunktionäre verzweifelt um Asyl in der Schweiz nachsuchen werden, dann können wir uns alle bei Ueli Maurer und seinem unsolidarischem Verhalten bedanken.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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