Die Checker und der Gentleman
publiziert: Freitag, 11. Apr 2008 / 00:00 Uhr

Innerhalb von zwei Jahren nach dem Absturz ins Playout hat sich der ZSC zum Champion entwickelt. Der smarte Coach Kreis einte die Checker und Skorer in den vergangenen acht Monaten. Am (vorläufigen) Ende des Lernprozesses haben die Zürcher überraschend den sechsten Titel gewonnen.

Der deutsch-kanadische Trainer Harold Kreis (rechts unten) formte in den letzten acht Monaten das Meisterteam.
Der deutsch-kanadische Trainer Harold Kreis (rechts unten) formte in den letzten acht Monaten das Meisterteam.
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In den Reihen der Lions wurde die Solidarität nicht nur gepredigt, sondern gelebt. Die anhaltenden Tiefdruckphasen im vergangenen Winter und die schwere Kritik aus allen (Sprach-)Rohren schweissten das Team zusammen. In der sportlichen Not entwickelten die Zürcher enorme Nehmerqualitäten, die sie in der Schlussphase zu 100 Prozent in positive Energie transformierten.

Die gebündelten Kräfte bekamen im Playoff Kloten, Ex-Meister Davos und die Servettiens auf jedem Quadratzentimeter der Eisfläche zu spüren. Der Zusammenhalt der Mannschaft war in entscheidenden Momenten der Meisterschaft förmlich greifbar -- vor allem bei den doppelten Rückständen im Final gegen Genf. Die Spieler vertrauten sich im Wortsinn blind -- auch nach den teils bitteren Niederlagen. Und die Flamme der Passion loderte ausnahmslos.

Wichtige Rolle für Mathias Seger

Eine wichtige Rolle übernahm in dieser mehrfach turbulenten Saison Mathias Seger. Sieben Jahre nach seinem letzten Titelgewinn mit dem ZSC versteckte sich der Ostschweizer nie. Der loyale Captain stellte sich dem Publikum und den kritischen Fragen auch dann, als die Zürcher im Championat auf den zweitletzten Platz abgestürzt waren. Im schwarzen Oktober spielte Seger beim 5:2 in Kloten überragend und verhinderte so wohl die Entlassung von Coach Harold Kreis.

Es spricht für die sportliche Leitung der Lions, dass sie während der herbstlichen Depression auf die branchenübliche Massnahme verzichtete. Die Ruhe am «Abzug» hat sich doppelt und dreifach ausbezahlt. Kreis, in allen Situationen ein wahrer Gentleman, formte aus den Unkonstanten unter schwierigen Umständen sympathisch leise ein Meisterteam. Nicht gelohnt hat sich für die Führungscrew aber die zögerliche Haltung in den Vertragsverhandlungen. Düsseldorf handelte entschlossener, und Kreis unterschrieb.

Krutow und die Frischluft

Teamspirit kann kein Management der Welt auf dem Transfermarkt beschaffen. Der Geist entsteht oder weicht schleichend. Beim ZSC fand Kreis vor zwei Jahren nach dem Playout (!) ein Rudel desorientierter Löwen vor. Zusammen mit Sportchef Peter Iten nahm der Deutsch-Kanadier in der Offensive erhebliche personelle Änderungen vor. Von den selbstverliebten «Punktejägern» trennte sich das Duo ohne Rücksicht auf Namen.

Für den Aufbau einer Hierarchie benötigte Kreis charakterstarke Figuren mit ausgeprägtem Sinn fürs Kollektiv. Ryan Gardner, der entsprechende Anforderungen vollumfänglich erfüllt, lotste er im Sommer nach Zürich. In jener Periode «entdeckten» die ZSC-Scouts auch Alexej Krutow. Der unbekümmerte Sohn des ehemaligen Sowjet-Superblock-Stürmers Wladimir führte dem Team sowohl in als auch ausserhalb der Garderobe ausgesprochen viel Frischluft zu.

Typen wie Krutow belebten die Szene. In der in jeder Sekunde hart umkämpften Finalserie gegen Genf-Servette führte der 24-jährige Russe den dritten Block dermassen furchtlos an, als stamme er von einem NHL-Veteranen ab. In der vierten Linie checkten Spieler wie Murovic, Grauwiler oder ein Bastl ebenso hart. Sie alle füllten nicht nur die Lücken. Die Fraktion der Schwerarbeiter entfachte beim Publikum das Feuer vollends; der Pokal rückte auch dank ihnen ziemlich unverhofft in Griffnähe. Die Checker verkörperten den ZSC -- Zusammenhalt, Siegeswillen und Charakter.

Ein Monument und die Abhängigkeit

Als filigranes Ensemble wird der neue Schweizer Champion nicht in die Geschichte eingehen. Die Traumtänzer sind beim ZSC in der Minderheit. Der gegenwärtig beste NLA-Eishockey-Klub wird von einer Power-Verteidigung (Forster, Blindenbacher, Seger) angetrieben und lebt im Angriff von der Leidenschaft (Sejna) und Cleverness (Wichser, Alston, Pittis, Monnet). Und im Tor steht ein Monument namens Ari Sulander. Der finnische Altmeister blühte nach dem Abgang der letzten Egomanen wieder auf.

Der Glanz der Goldmedaille überstrahlt an diesen Zürcher Feiertagen vieles. Auf der Kehrseite bleiben Zahlen und Fakten, die spätestens nach ausgeschlafenem Meisterrausch wieder zu thematisieren sind. Während der Qualifikation sanken die Zuschauerzahlen teils unter die 6000er-Marke -- und zwar nicht nur nach Niederlagenserien. In den engen Hallenstadion-Garderoben fühlten sich die Lions wie «geduldete» Mieter. Die Terminplanung ist (zu) oft ein Ärgernis. Und der jährliche Verlust überstieg in der letzten Rechnung erstmals die 5-Millionen-Grenze. Insider wie Ernst Meier, ehemaliger Verwaltungsrat der Zürcher, warnen vor der Abhängigkeit von der «Geldquelle» Walter Frey.

Die Zahlen zum Champion
ZSC Lions. -- Gründung: 1930. Fusion mit der GC-Eishockeysektion: 1997. -- Erfolge: Schweizer Meister 1936, 1949, 1961, 2000, 2001, 2008. NLB-Meister 1973, 1981, 1983, 1989. -- Europacupsieg: 2001 (Continental-Cup). -- Budget: rund 14 Millionen.

Das Meisterteam
Tor: Ari Sulander (Fi/39-jährig), Flavio Streit (29). -- Verteidigung: Severin Blindenbacher (25), Claudio Cadonau (19), Beat Forster (25), Larry Leeger (21), Daniel Schnyder (22), Mathias Seger (30), Andri Stoffel (23), Radoslav Suchy (Slk/32). -- Sturm: Jan Alston (Ka-Sz/38), Mark Bastl (27), Ryan Gardner (Ka-Sz/29), Kevin Gloor (24), Lukas Grauwiler (23), Dustin Johner (Ka/25), Alexej Krutow (Russ/24), Witali Lachmatow (Ukr-Sz/26), Aurelio Lemm (19), Kim Lindemann (25), Thibaut Monnet (26), Mirko Murovic (27), Rastislav Pavlikovsky (Slk/31), Domenico Pittis (Ka/33), Peter Sejna (Slk/28), Pascal Tiegermann (27), Martin Wichser (24), Adrian Wichser (28). -- Topskorer: Adrian Wichser.

(Sven Schoch/Si)

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