Kein kleines Übel
Die Debatte gehört aufgewärmt und die Vorhäute gehören dran
publiziert: Donnerstag, 10. Okt 2013 / 13:02 Uhr
Zehn von zehn männlichen Säuglingen sind dagegen, dass an ihrem Penis herumgeschnippelt wird.
Zehn von zehn männlichen Säuglingen sind dagegen, dass an ihrem Penis herumgeschnippelt wird.

Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat jüngst in einer Resolution die Beschneidung kleiner Jungs aus religiösen Gründen ebenso wie die genitale Verstümmelung von Mädchen als Grund für «besondere Besorgnis» bezeichnet.

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Die Ombudsleute für Kinder aus den skandinavischen Ländern haben sich für ein Verbot der Beschneidung minderjähriger Jungen ausgesprochen. Vielleicht wird doch noch etwas Bewegung in eine Debatte kommen, die viele Politiker sowie religiöse Funktionäre ad acta gelegt glaubten und wünschen.

Der Europarat regt an, dass auch die Unversehrtheit von männlichen Genitalien zu beachten sei und dass die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen (z.B. die religiösen) in diesem Bereich zu sensibilisieren seien. Die Parlamentarische Versammlung ist besorgt darüber, dass «die Unterstützer dieser Eingriffe dazu neigen, sie als vorteilhaft für die Kinder darzustellen». Die Schweiz ist Mitglied des Europarates, und zwar bereits seit 1963. Zudem haben die Ombudsleute für Kinder der Länder Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark und Island ihre Regierungen in einer Resolution dazu aufgefordert, ein Verbot nicht-therapeutischer Beschneidungen von Jungen in nicht-einwilligungsfähigem Alter zu erlassen.

Wir erinnern uns: Im vergangenen Jahr führte ein Entscheid des Landgerichts Köln, welches besagte, dass die männliche Beschneidung im beurteilten Fall eine Körperverletzung darstellte, zu einer teils heftig geführten Diskussion. Die Diskussion wurde in der Schweiz bei weitem nicht so intensiv geführt wie in Deutschland. Schliesslich führten der Kölner Entscheid und die Debatte zu gesetzgeberischen Massnahmen: Am 12.12.12 würde im Deutschen Bundestag die Beschneidung von Knaben gutgeheissen. Ende Juni 2013 wurde im Deutschen Bundestag hingegen die Verstümmelung weiblicher Genitalien in einem eigenen Gesetz unter (schärfere) Strafe gestellt. Ob diese Ungleichbehandlung tatsächlich rechtens sein kann, wird in Deutschland wahrscheinlich irgendwann höchstrichterlich behandelt und entschieden werden müssen.

Nun also die Anregung von Europarat und Kinderombudsleuten, weniger oder keine unnützen, unnötigen (das heisst oft halt: aus religiösen, traditionalistischen Gründen) Eingriffe bei Kindergenitalien vorzunehmen. Auch die Transgender-Frage wird in der Resolution des Europarates angesprochen. Hoffentlich bringen diese Anregungen wieder etwas Leben und Fahrt in die Diskussion um Kinderrechte, Recht auf Freiheit von Religion und Gleichberechtigung bzw. Gleichbehandlung.

Kinderrechte sind eben nicht nur Mädchenrechte, sondern ebenso Knabenrechte. Menschenrechte sind ja auch nicht 'nur' Frauenrechte. Mich befremdet es immer etwas, dass oft genug argumentiert wird, man könne doch nicht die Verstümmelung der Genitalien von Mädchen mit der (angeblich harmlosen) Beschneidung von Knabenvorhäuten vergleichen. Und gemeint ist dann oft genug, dass man nicht vergleiche, sondern dass man mit einem Vergleich gleichsetzen oder gleichmachen würde. Kein Mensch mit einem ausreichenden Mass an Verstand wird jedoch beispielsweise die Entfernung der Klitoris oder die Infibulation mit der Entfernung der männlichen Vorhaut in Bezug auf die anatomischen und psychischen Folgen generell auf eine Stufe setzen wollen. Es geht darum, dass das Prinzip der körperlichen Unversehrtheit eben nicht nur für Mädchen gelten soll, sondern auch für Knaben.

Es mag in gewissem Sinne verständlich sein, dass manche befürchten, die Diskussion um die Verstümmelung bzw. Beschneidung männlicher Genitalien würde Zeit, Ressourcen und Legitimation von der Diskussion und Aktion beim Thema der weiblichen Genitalverstümmelung abziehen oder Aufmerksamkeit binden, die bei der FGM (female genital mutilation, weibliche Genitalverstümmelung) besser aufgehoben sei. Meiner Meinung nach missachtet eine derartige Argumentation, dass man sich fast immer 'wichtigeren' oder vermeintlich dringenderen Themen zuwenden könnte. Das Allerschlechteste darf in einer Debatte nicht des Schlechten Feind und Gegner sein. Ich finde es beispielsweise - aber vielleicht mache ich mich da auch eines hinkenden Vergleichs schuldig - recht schwach, wenn ich von Feministinnen und Feministen erfahren darf, dass sie die Ungleichbehandlung der Geschlechter bezüglich Wehrpflicht in der Schweiz nicht einen Deut interessiere. Wohl gemerkt: Ich verlange keineswegs, dass sich dieses Thema überall und insbesondere innerhalb der feministischen Bewegung als zentraler Punkt etablieren soll. Es ist nicht das Wichtigste in diesem Bereich, dass die Wehrpflicht abgeschafft werde oder gar Geschlechtergerechtigkeit hergestellt wird, indem nunmehr auch Frauen zum Wehrdienst verpflichtet werden. Aber die Augen und Münder zu verschliessen scheint mir halt eben doch nicht die beste Verhaltensweise.

Anscheinend findet sich übrigens weltweit in keiner Kultur die Unsitte der weiblichen Genitalverstümmelung, in welcher nicht auch das Herumschnippeln an männlichen Genitalien praktiziert wird. Man kann also womöglich besser als vermutet über beides nachdenken und bei beiden 'Traditionen' ansetzen und vielleicht sogar mehr Erfolg haben, wenn man die Bestrebungen koordiniert. Ein kleineres Übel (und die männliche Genitalbeschneidung ist kein kleines Übel) darf nicht einfach für nichtig erklärt werden, weil grösseres Übel existiert.

Wer sich bloss ein wenig mit den medizinischen, psychologischen und rechtlichen Gegebenheiten beschäftigt hat, muss immer wieder mit der flachen Hand an die Stirne klatschen, wenn beispielsweise behauptet wird, dass die Entfernung der Vorhaut aus hygienischen Gründen nützlich, vorteilhaft oder gar nötig sei. Oder wenn behauptet wird, es gebe keinerlei medizinische Probleme, Komplikationen seien extrem selten und quasi nie schwer wiegend. Oder wenn die Vorhautbeschneidung gleichgesetzt wird mit Impfungen oder Zahnbehandlung. Nicht alles, was hinkt ist auch ein gelungener Vergleich. Und es ist für mich tatsächlich etwas bedenklich, wenn ein Geschrei über Gleichsetzung oder Relativierung das Resultat ist, nur wenn man mal von «männlicher Genitalverstümmelung» (MGM, male genital mutilation) statt nur von «Beschneidung» schreibt oder spricht.

Zehn von zehn männlichen Säuglingen sind dagegen, dass an ihrem Penis herumgeschnippelt wird. Das sollten wir durchaus beachten. Wer sich als Erwachsener die Vorhaut entfernen lassen will, der soll das durchaus tun dürfen. Ich jedenfalls mag meine Vorhaut und sie soll dran bleiben.

(Valentin Abgottspon/news.ch)

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