Die EU und die chinesischen Kastraten
publiziert: Montag, 5. Dez 2005 / 11:12 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 8. Dez 2005 / 15:53 Uhr

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Haben Sie sich auch schon gefragt, warum China erst jetzt daran ist, zur Weltmacht aufzusteigen und nicht Europa schon in der Renaissance erobert hat? Denn eigentlich hätte China damals alle Voraussetzungen gehabt, die Welt zu unterwerfen – so wie es kurz danach die europäischen Kolonialmächte taten.

China war schon zu der Zeit ein riesiges, politisch geeintes Land gewesen, das über eine integrierte Nahrungsmittelproduktion, Stahlwaffen und einen Regierungsapparat samt stehendem Heer verfügte. Es wurden ganze Flotten ausgeschickt, um die Welt zu erkunden und eigentlich hätte alles darauf hingedeutet, dass die Welt schon bald vom chinesischen Kaiserhaus dominiert werden würde.

Doch wir wissen, dass es anders kam. China verlor an Wichtigkeit und die Europäer unterwarfen fast die ganze Welt, kolonisierten Afrika, die Amerikas und auch grosse Teile Asiens. Doch warum passierte dies und nicht die viel logischere Eroberung der Welt durch China. Woran lag es?

Es lag daran, dass China wirklich total zentralisiert war. Ohne gross auf Details einzugehen: Ein Machtkampf am chinesischen Kaiserhof führte dazu, dass die von den Kastraten angeführte Fraktion ihre Gegner schliesslich übertrumpfte und in der Folge die Flotte erst reduzierte und dann den Schiffbau ganz verbot.

Und was – so fragt der geneigte Leser – hat das mit der EU zu tun? Nun ja – hätte es damals in Europa nicht diverse konkurrierende Länder gegeben, vermutlich hätte Kolumbus niemals die Gelegenheit bekommen, eine Expedition für die Fahrt in den Westen auszustatten. China hingegen war bereits damals das, wovon gewisse Euro-Begeisterte träumten: Eine einheitlich regierte, homogene Landmasse, die ihre ganze Kraft hinter einem Vorhaben bündeln konnte.

Doch diese Einheit trägt auch eine Gefahr in sich: Was an einem Ort entschieden wird, gilt als richtig, sei es noch so falsch. Keine Provinz durfte noch Schiffe bauen und Expeditionen ausrüsten. Entschieden war entschieden.

Eine der Stärken Europas ist die Konkurrenz zwischen den Ländern. Verschiedene Nationen suchen nach verschiedenen Lösungsansätzen für ihre Probleme. Es ist bald einmal sichtbar, welche Lösungen funktionieren und welche nicht. Eine Regierung kann sich nicht hinter den eigenen Fehlern verstecken, in der Hoffnung, dass diese nicht wahr genommen würden, wenn im Nachbarland die Schose besser läuft.

Doch die Nivellierung Europas auf dem niedrigsten tolerierbaren Kompromiss ist da eine grosse Gefahr für die Innovationsfreudigkeit des Kontinents. Wenn umstrittene Technologien aus opportunistischen Gründen verboten oder gefördert werden, so ergibt sich die Gefahr, dass plötzlich wieder die Kastraten das Wort haben werden. Je weniger Antworten gegeben werden, desto kleiner ist die Fehlertoleranz.

Die Gefahr dieser Nivellierung zeigt sich bereits bei Euro und EZB: Obwohl Wirtschaftswachstum und Inflation in Europa sehr unterschiedlich sind, kann nur noch eine Währungspolitik betrieben werden. Wechselkursrisiken bestehen zwar nicht mehr, wohl aber die Gefahr, dass manche Länder genau jene Währungspolitik bekommen, die sie NICHT brauchen. Eine Regierung kann nicht mehr zeigen, dass ihr Lösungsansatz der bessere wäre, denn es gibt nur noch eine Lösung. That's it.

Das grosse Risiko der EU ist der Verlust jeder Flexibilität. Mit jeder weiteren Integration findet genau dies statt, wobei vor allem die Tatsache der Einstimmigkeit grösste Gefahren in sich birgt. Das Projekt Europa ist vor sich selbst in Gefahr.

Unterdessen demonstriert China wieder eindrücklich Chancen und Gefahren der Vereinheitlichung: Wirtschaftswachstum und Umweltkatastrophen, Infrastrukturaufbau und Massenhinrichtungen zeigen klar und deutlich die vielen Seiten des ultimativ zentralisierten Superstaates. China scheint dabei zu sein, sich zur neuen Supermacht aufzuschwingen. Aber es ist eben so gut möglich, dass man sich in einigen hundert Jahren zurückblickt und sich wieder fragen wird: Warum hat es eigentlich China nicht geschafft?

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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