Die Ehebrecherin
publiziert: Dienstag, 27. Okt 2015 / 10:30 Uhr
Skulptur über eine gesteinigte Ehebrecherin.
Skulptur über eine gesteinigte Ehebrecherin.

Jeder von uns kennt mindestens eine, die sogenannte «Ehebrecherin». Eine, die einen Mann gestohlen hat, aus einer Ehe. Egal, wie es um die Ehe stand. Sie ist und bleibt die Schuldige.

Aber was ist mit denen, die das nie wollten, die sich aber trotzdem Hals über Kopf in einen Mann verliebt haben, der sich in sie verliebt hat und sich danach scheiden liess? Ja, das gibt es auch, die Männer, die «ich lass mich scheiden» tatsächlich ernst meinen ...

Keine will freiwillig die «Schlampe» sein, die Schuld an einem Ehebruch ist. Und keine denkt, dass ihr das mal passieren wird. Die meisten Frauen, die ich kenne, schwören Stein auf Bein, dass sie sich NIEMALS mit einem verheirateten Mann einlassen würden. Wirklich?

Marianne war so. Solidarität unter Frauen war ihr Gebot. Schnell war sie im Verurteilen, wenn im Freundeskreis mal wieder ein Paar wegen einer sogenannten «Bitch» auseinanderging. Bis sie am neuen Arbeitsort anfing.

Es brauchte dazu nur ein Händedruck und ein charmantes Lächeln, Marianne war verloren. Augenblicklich. Ihre Knie waren weich und sie schwitzte so sehr (nein, sie war nicht in den Wechseljahren), dass sie aufs Frauenklo flüchtete, um sich eiskaltes Wasser über die Handgelenke fliessen zu lassen. Natürlich hatte sie seinen Ring bemerkt und natürlich redete sie sich ein, da sei nichts, aber von diesem Moment an, überlegte sie sich intensiver, was sie für's Büro anziehen solle.

Sie entwarf einen Schlachtplan, nach dem Motto, ich geh ihm einfach aus dem Weg. So vermied sie Situationen, in denen sie dem Mann begegnen musste. Das ging relativ gut, denn gottseidank arbeiteten sie nicht noch in der selben Abteilung. War es trotzdem unvermeidlich, beschränkte sie sich auf ein kurzes Hallo oder eine belanglose Konversation, in der sie schwitzte.

Anstatt dass es besser wurde, wurde es intensiver. Je mehr sie sich bemühte, desto bewusster wurde ihr das Unvermeidbare. Sie war verliebt - und zwar heavy, wie sie selber sagt. Ihm ging es genauso. Das spürte sie instinktiv.

Irgendwann trafen sie sich im Gang irgendwo und ein Ausweichmanöver war unmöglich. Ihren Deo hatte sie in der Zwischenzeit ersetzt, was nicht wirklich half. Symptombekämpfung, nennt man das in der Regel. Er stand vor ihr und ihre Knie gaben fast nach. Sie glaubte sich übergeben zu müssen vor Verlangen. Er sah sie an und lud sie zum Mittagessen ein. Da sie nicht wollte, dass sich die nassen Flecken unter den Achseln nicht noch mehr ausbreiteten, sagte sie zu. «Ähm, sofort», wie sie später erzählte.

So trafen sie sich und verstanden sich - wen überrascht es - ausgezeichnet! Sie fühlte sich so wohl, dass sie ihm überall hin gefolgt wäre, hätte er gefragt. Umgekehrt das Selbe. Marianne war Single zu dieser Zeit und traf sich mit verschiedenen Männern, die ihr nicht mal physisch aus der Misere zu helfen vermochten. Natürlich kannte sie auch die vielen Geschichten von Frauen, die Verheiratete dateten und die nie glücklich endeten. Vernunftmässig also alles im grünen Bereich.

Langsam aber beständig fingen die beiden an, sich regelmässig zu treffen. Eine Freundschaft entstand, der Lieblingsdeckmantel für unerfüllte Träume. Alle ihre Freundinnen warnten sie und redeten auf sie ein. Sie hörte zu, nickte und schrieb ihm dann eine Email. Von da an schrieben sie sich stündlich, via SMS und Email. Irgendwann ging es nicht mehr mit platonisch. Und so kam was kommen musste. Der Sex war - man ahnt es schon - intensiv, schön und voller Liebe. Ihr Herz wusste, da bin ich daheim.

Natürlich merkten es alle, obschon sie sich Mühe gaben, es zu verbergen und ihre Treffen in anderen Ortschaften organisierten. Verliebte haben tatsächlich das Gefühl, sie können es kaschieren, während selbst der Hydrant auf der Strasse merkt, dass da was im Busch ist. Die Leute tuschelten vornehmlich hinter ihrem Rücken. Eine Kollegin sagte ihr direkt, dass sie eine gemeine Schlampe sei, während sie wie paralysiert dastand. Sie entwickelte einen Mechanismus, die bösen Blicke zu ignorieren und brachte es immerhin noch fertig, ihre Arbeit professionell zu erledigen.

Nach Wochen Versteckis, hatte er genug. Er erzählte es seiner Frau und reichte die Scheidung ein. Immer noch warnten sie ihre Freundinnen, von wegen einmal Betrüger immer Betrüger und so ... Aber manchmal gibt es Ausnahmen. Marianne und der Mann an ihrer Seite - nun schon seit 14 Jahren übrigens - sind zwei solcher Ausnahmen. In der Zwischenzeit haben sie Kinder, zwei, und sind extrem glücklich verheiratet. Natürlich war die Situation auch entspannter, weil er mit seiner vorherigen Frau keine Kinder hatte. Aber es gibt auch da immer wieder Ausnahmen, die friedlich und am Ende für alle Beteiligten glücklich über die Bühne gehen.

Passieren kann es jeder und jedem. Niemand ist davor geschützt, nur weil man das Mantra «das würde ich nie machen» vor sich hin betet. Und es nützt keiner Ehe, wenn man aus noblen Gründen zusammenbleibt, ich wage sogar zu behaupten, dass nützt auch den Kindern, die vielleicht noch entstehen oder schon da sind nichts. Denn manchmal findet man seinen wahren Deckel erst beim zweiten Anlauf.

Auch das gibt's.

*Sabrina Pesenti ist freelance Style Journalistin bei Gala Schweiz sowie Stylistin und Eventmanagerin. Zusammen mit Tamara Cantieni betreibt sie Blonderblog und ist neu wöchentlich in der Sendung «Bös & Boser» auf TV24 zu sehen.

(Sabrina Pesenti*/news.ch)

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