Die Erklärung - für alles
publiziert: Freitag, 13. Jan 2012 / 11:53 Uhr
Der Vatikan des Neo-Liberalismus: Fisheye panorama der Kreuzung Wall Street und Broad Street, New York
Der Vatikan des Neo-Liberalismus: Fisheye panorama der Kreuzung Wall Street und Broad Street, New York

Wer sich in den letzten Wochen... nein, machen Sie daraus Monate, oder besser noch Jahre. OK. Nochmals. Also: Wer sich in den letzten Jahren nicht gefragt hat, ob die Welt langsam aber sicher den Verstand verliert, in einem Gestrüpp von ideologischer Irrationalität und wirtschaftlichem Fieberwahn, liegt vermutlich in einem Koma. Für alle anderen ein Hinweis: In solchen Situationen ist in der Regel eine Religion nicht weit weg.

1 Meldung im Zusammenhang
Doch lassen sich als Grund-Ursachen diesmal weder die bewährten Massenmörder unter dem Kreuz oder dem Halbmond finden. Stattdessen hat sich eine neue Religion heraus gebildet. Ich beschrieb schon vor Langer Zeit in einer Kolumne, dass heutzutage das Wort «Markt» wir früher das Wort Gott verwendet wird.

Wenn der Markt immer recht hat und automatisch allen Wohlstand bringe, wie es gerne von Neo-Liberalen Hohepriestern verkündet wird, dann hätte das Amerika des späten 19. Jahrhunderts ja ein Paradies sein müssen. War es aber nicht. Stattdessen bildete sich damals eine Feudalklasse heraus, die noch heute an der Ostküste den Geldadel stellt und auf der anderen Seite verreckten Arme Leute auf der Strasse. Die Feuerwehr löschte nur die Häuser jener, die ein Abo bei ihr hatte und wer im Winter auf der Strasse verhungerte, verhungerte eben. Ebenso gab es bereits damals Rezession und Börsenkollapse.

Doch solche historischen Hässlichkeiten werden gerne ausgeblendet, wenn dem «befreiten Markt» das Wort gesprochen wird. Dass seit drei Jahren Neo-Liberale non-stop daran sind, die momentane Krise als Folge einer Über-Regulation zu bezeichnen, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass hier Pseudo-Religiöse Tendenzen am Werk sind: Eine solche Behauptung nach der längsten Phase globaler De-Regulation zu äussern, ist geradezu absurd - absurd in einer Weise, wie man sie ansonsten bei Evolutionsdebatten mit Kreationisten erleben kann.

Dazu passen denn auch die unablässig wiederholten Behauptungen, dass es allen besser gehe, wenn die Reichen noch reicher würden und die reflexhaften Reaktionen auf «Ungeheuerlichkeiten» wie der Erbschaftssteuer auf grosse Vermögen (eine gute Antwort auf die Frage, wie viel mal denn dieses Geld versteuert werden solle, wäre: wenigstens ein mal).

Wenn jemand zu behaupten wagt, dass Gewinnmaximierung nicht unbedingt das beste für eine Firma sein muss, wird diese Person im besten Fall verlacht, im schlimmsten Falle (wenn die Position, in der sie sich befindet genug einflussreich ist) nieder gemacht und öffentlich zerstört.

Statt Tieropfer zu machen, ist es heutzutage scheinbar opportun, Menschen auf dem Altar der Gewinnmaximierung ausbluten zu lassen. Dabei bleibt für immer mehr immer weniger übrig und es ist offenbar auch in Ordnung, mit Grundnahrungsmitteln so zu spekulieren, dass zwar die Produzenten weniger verdienen und die Konsumenten mehr zahlen müssen (oder eben Hungern), aber dafür die Terminhändler in der Mitte mehr verdienen.

Gerechtfertigt wird dies mit dem neuen Gott, dem Markt, dessen Volumina (nimmt man Währungs-, Derivaten und andere spekulative Märkte zusammen), die globale Real-Wirtschaftsleistung um das Hundertfache und mehr überschreiten.

Dass sich - man sehe nur die von vielen Banken mit gepushter Verschuldung zahlreicher Staaten an - an diesem Irrsinn auch die Politik beteiligen würden, war dabei sonnenklar. Und genau wie religiöse Würdenträger und Laienprediger nicht müde werden, gequirlten Quatsch, der längst als falsch bekannt ist, zu verzapfen, oder den Missbrauch von Kindern zu verniedlichen, so verteidigen auch die Vertreter des neoliberalen Pseudogottes diesen durch Stein und Bein, auch wenn schon allen die Trümmer der letzten Explosionen noch um die Ohren fliegen.

Rationales Denken scheint einfach zu mühsam (oder nicht lukrativ genug) zu sein. Der Ersatz einer ständigen, anstrengenden Analyse dessen, was sich ereignet und ein mühsamer Abgleich der Wahrnehmung mit den Fakten durch dümmliche Glaubenssätze funktioniert nicht: Weder bei Weltfragen noch in der Ökonomie. Doch er erklärt so einiges... mithin alles, was in die Hose geht.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
1
Forum
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Etschmayer Was in den letzten Wochen auf den Finanzmärkten der Welt stattfindet, hat die Grenze zur Hysterie überschritten. ... mehr lesen 5
Besser erforscht als der Finanzmarkt: Hurrikan.
Neoliberalismus
...Dass seit drei Jahren Neo-Liberale non-stop daran sind, die momentane Krise als Folge einer Über-Regulation zu bezeichnen, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass hier Pseudo-Religiöse Tendenzen am Werk sind...

Herrn Etschmayers Kolumne kann man wieder mal ohne Kommentar so stehen lassen.

Schade das kluge Köpfe mit gesundem Menschenverstand wie Herr Etschmayer einer ist, in einer Minderheit sind.
Wer ist schrecklicher: Diese IS-Barbaren oder die White-Collar-Terroristen der Euro-Gruppe?
Wer ist schrecklicher: Diese IS-Barbaren oder ...
Terrorismus beherrscht die Schlagzeilen. Und wo kein Terror von der Titelseite schreit, ist Griechenland. Trauriges Alternativprogramm oder derselbe Schrecken in anderen Kleidern? mehr lesen 
Vor zirka 66 Millionen Jahren erschütterte ein Komet mit ca. 10 Kilometer Umfang, der mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit einschlug, unsere Erde und leitete das fünfte allgemein ... mehr lesen  
Massenaussterben früher: Kometeneinschlag. Die Menschheit kann's auch ohne.
USA erwarten jährlich 69'000 Tote Washington - Ohne rechtzeitige Gegenmassnahmen rechnen die USA bis zum Jahr 2100 allein in den Vereinigten Staaten mit ...
Kalifornien drohen zunehmend Trockenperioden.
Das Barfusslaufen auf verschiedenen Untergründen stärkt die innere Muskulatur und fördert das Wohlbefinden.
Typisch Schweiz Barfusspfad Le Pied Total, Villarimboud, FR An den Fusssohlen hat der Mensch einen sehr ...
Ice cool.
Shopping Eis, Eiswürfel Haben Sie heiss? Gut, denn diese coolen Eiswürfelformen sind der absolute Burner. Vom Vampirgebiss über Schnurbart bis zum eisgekühlten Revolver inklusive AK 47 Patronen: Die heisse Ware ...
Regenbogenfamilienplanung.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Margot Wallström: Nannte das Badawi-Urteil «nahezu Mittelalterlich». Erntete von den europäischen Medien peinliches Schweigen.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Wer ist schrecklicher: Diese IS-Barbaren oder die White-Collar-Terroristen der Euro-Gruppe?
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Reisfeld in Nordkorea (2014): In diesem Jahr dörren die Felder aus.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
100 Hinrichtungen und Auspeitschungen nicht Grund genug für eine Demo? Nicht für den Boschaftsschutz...
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
FR SA SO MO DI MI
Zürich 22°C 28°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Basel 17°C 31°C leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
St.Gallen 25°C 30°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Bern 19°C 34°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Luzern 21°C 34°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Genf 20°C 36°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Lugano 22°C 31°C leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen
mehr Wetter von über 6000 Orten