Die Holz-Ziege
publiziert: Montag, 16. Feb 2015 / 09:48 Uhr
Eines der Hauptgerichte an Neujahr: Jiaozi, chinesische mit Gemüse und Fleisch gefüllte Teigtaschen, die angeführt vom Familienoberhaupt von der ganzen Familie gemeinsam zubereitet werden.
Eines der Hauptgerichte an Neujahr: Jiaozi, chinesische mit Gemüse und Fleisch gefüllte Teigtaschen, die angeführt vom Familienoberhaupt von der ganzen Familie gemeinsam zubereitet werden.

Das Jahr des Holz-Pferdes geht am 18. Februar zu Ende, das Jahr des Holz-Schafes beziehungsweise der Holz-Ziege beginnt am 19. Februar. Harmonie oder Feuer?

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Hunderte von Millionen Chinesinnen und Chinesen sind während eines Zeitraums von 40 Tagen rund um das Chinesische Neujahr (Nongli Xinnian) - auch Frühlingsfest (Chunjie) genannt - unterwegs. Ähnlich nämlich wie im Abendland Weihnachten oder in Nordamerika Thanksgiving ist die grösste Feier des Jahres ein Clan- und Familienfest. Wie jedes Jahr setzt sich die grösste regelmässige Migrationswelle der Welt in Bewegung. Viele Chinesinnen und Chinesen beanspruchen zu dieser Zeit ihren ganzen jährlichen Ferienanspruch, damit sie bis zu vier Wochen der Arbeit fernbleiben können. Viele der Rückkehrer bekommen neuen Arbeitsangebote, sodass nach offiziellen Statistiken fast ein Drittel der migranten Frühlingsfest-Chinesen nicht mehr an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren. Eine Herausforderung für die Wirtschaft.

Der Sprecher des chinesischen Transport-Ministeriums, Xu Chengguang, formuliert den Reiseboom in nackten Zahlen: 295 Millionen Eisenbahnfahrten, 2,4 Milliarden Strassentrips, 48 Millionen Flugreisen. Mit andern Worten: das Transportsystem ist bis aufs äusserste ausgereizt. Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm angesichts von Terrordrohungen auch in China. Am Pekinger Hauptbahnhof patrouilliert derzeit unübersehbar die bewaffnete Volkspolizei inmitten der Menschenmassen. Nach Zahlen der Behörden verlassen allein 55 Millionen Reisende Peking, um - wie es die Tradition gebietet - ihre Familien in den zum Teil weit entfernten Provinzen zu besuchen.

In China und Vietnam beginnt das Neue Jahr später als international üblich, weil vor dem 20. Jahrhundert nicht der im Westen übliche gregorianische Kalender sondern der traditionelle chinesische Lunarsolarkalender Gültigkeit hatte. Danach beginnt das Frühlingsfest am zweiten Neumond der Wintersonnenwende, also zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar, aktuell am 19. Februar.

Das grosse Clan- und Familienfest läuft nach einem traditionell geregelten Muster ab. Am Vorabend trifft sich die ganze Familie zu einem opulenten Mal mit Fisch und Hühnchen. Man darf ja nicht alles aufessen, weil Fisch auf Chinesisch Yu heisst und gleich ausgesprochen wird wie Yu (Wohlstand), d.h. also den Wohlstand nicht ganz verzehren. Am Abend selbst und die Tage danach werden an Kinder, Familienmitglieder und Verwandte Hongbao, rote Papiertütchen mit Geld, verteilt. Kurz vor dem mitternächtlichen Jahreswechsel verlassen alle das Haus und nehmen die Spuren des alten Jahres mit ins Freie. Feuerwerk setzt ein. Kurz vor Mitternacht kehrt die Familie ins Haus zurück, öffnet weit die Fenster und lässt damit das ganze Glück des Neuen Jahres herein.

Eines der Hauptgerichte während der ganzen Feierlichkeiten sind Jiaozi, chinesische mit Gemüse und Fleisch gefüllte Teigtaschen, die angeführt vom Familienoberhaupt von der ganzen Familie gemeinsam zubereitet werden. Der zweite Tag des Frühlingsfestes ist dann den zurückgekehrten verheirateten Töchtern mit ihren Ehemännern gewidmet. Verwandten-Besuche wiederum fallen auf den dritten Festtag. Und so geht es weiter bis zum fünfzehnten Festtag, dem Laternenfest mit den Tangyuan, den vortrefflichen Klösschen aus Klebereis mit zuckersüsser Füllung. Damit endet das Frühlingsfest.

Das chinesische Neujahr ist natürlich mit vielen Erwartungen, um nicht zu sagen mit Aberglauben befrachtet. Viele Eltern zum Beispiel haben sich gesputet, damit ihr Kind noch im laufenden Jahr des Holz-Pferdes, spätestens also am 18. Februar, und nicht im Jahr des Holz-Schafes oder der Holz-Ziege zur Welt kommt. Zahlen aus Spitälern belegen, dass zwischen zwanzig und fünfzig Prozent Mehrgeburten vor Jahresende registriert worden sind. Im Ziegen-Jahr geborene Kinder, so der Aberglaube, erwarte überdurchschnittlich viel Unglück im Leben. Allerdings gibt es dazu auch einen Gegen-Aberglauben. Schafs-Kinder, so die Hoffnung, übernehmen die Gutmütig- und Friedfertigkeit des Schafes.

Die allmächtige kommunistische Partei hat zwar vor über sechzig Jahren den Aberglauben verboten. Gegen Tradition freilich ist kein Kraut, nicht einmal rotes, gewachsen. So gibt es rund ums Frühlingsfest Gebote zu beachten. Zu den positiven Dingen gehört beispielsweise das Putzen des Hauses für das Neujahr, damit das ganze Glück gleich am ersten Tag Einzug hält. Negativ ist dagegen, sich das Haar während Chungjie zu schneiden, weil das Wort Haar (Toufa) ähnlich ausgesprochen wird wie der Ausdruck für Wohlstand. An eine lange Reihe weiterer Vorgaben halten sich Chinesinnen und Chinesen, Parteimitglieder eingeschlossen.

Das Schaf oder die Ziege jedenfalls bringt wie alle zwölf andern Tierkreiszeichen Gutes und Schönes. Die einen etwas mehr von jenem, die andern etwas mehr von diesem. Ihr Korrespondent, im Jahr des Hasen geboren, wünscht jedenfalls in Mandarin allen Xinian Kuaile (ein glückliches, fröhliches Neues Jahr) oder auf Kantonesisch Kung Hei Fat Choi (erfolgreichen, florierenden Glückwunsch). Junge Eltern hingegen müssen sich bei Kinderwunsch schon jetzt überlegen, ob ihr Sprössling im Jahr des Holz-Schafes zur Welt kommen soll. Oder vielleicht doch besser noch etwas zuwarten bis zum Jahr des Feuer-Affen (8. Februar 2016)?

(Peter Achten / Peking/news.ch)

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