Die Kraft der zweiten Welle
publiziert: Donnerstag, 17. Nov 2005 / 00:01 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 17. Nov 2005 / 01:14 Uhr

Die Qualifikation der Schweiz für die WM-Endrunde 2006 in Deutschland ist als Coup par excellence zu werten. Mit dem Erfolg in der in jeglicher Beziehung schwierigen Barrage gegen den WM-Dritten Türkei bestätigte die SFV-Auswahl ihr von diversen Experten bescheinigtes Potenzial im beeindruckenden Stil.

Für den Triumph gibt es verschiedene Gründe, der wichtigste ist vielleicht Kuhn selber.
Für den Triumph gibt es verschiedene Gründe, der wichtigste ist vielleicht Kuhn selber.
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Im Oktober vor vier Jahren, wenige Monate nach Köbi Kuhns Wahl zum Nationalcoach, kollabierte die Nationalmannschaft in Moskau regelrecht. Nach dem 0:4 gegen Russland strahlte das Schweizer Fernsehen den DOK-Film «Köbi Kuhn -- was nun?» aus. Der neue Trainer stand vor einem Scherbenhaufen.

Manch ein Beobachter zweifelte daran, ob der ruhige Zürcher befähigt sei, die Trendwende unter diesen ungünstigen Vorzeichen einzuleiten. Im vierten Herbst nach seinem Einstieg führte er die «Séléction nationale» ans wichtigste Rendez-vous des Weltfussballs.

Für den Triumph gibt es verschiedene Gründe, der wichtigste ist vielleicht Kuhn selber. Der 62-jährige Coach entwickelte ein feines Sensorium für teaminterne Strömungen. Er, der ruhige Pol, begann die Energie zu kanalisieren, setzte auf eine neue Generation, ohne die Verdienste der Vorgänger zu schmälern.

Über Nachwuchs informiert

Der frühere U21-Coach war im Detail über den Ausbildungsstand der Nachwuchsabteilung informiert. Zupass kam ihm selbstredend, dass sich die Junioren ohne die international übliche Anlaufzeit etablierten, keinen falschen Respekt vor prominenten Namen offenbarten und eine sympathische Dynamik vermittelten.

Unterstützt von der ersten «Nachwuchs-Tranche» um Topskorer Alex Frei (26), Ludovic Magnin (26) und Ricardo Cabanas (26) stürmten die Schweizer an die EM in Portugal. Die zweite Welle mit den Talenten Philippe Senderos(20), der alle überragte, Philipp Degen (22), Tranquillo Barnetta (20), Valon Behrami (20) und Johan Vonlanthen (19) trug den kleinen Verband ans weltweit wichtigste Turnier.

Der Nachschub von Begabten reisst mutmasslich nicht ab: In der U21 wird unter der Leitung von Bernard Challandes seit Jahren exzellent gearbeitet. Die Equipe stiess zum drittenmal innerhalb von vier Jahren in die EM-Achtelfinals vor.

Captain Johann Vogel

Die Qualität dieser Schweizer Nationalmannschaft beschränkt sich aber sicher nicht nur auf die frappante Entwicklung der Jungen. Eine mitunter entscheidende Rolle zur Umsetzung der Ideen von Kuhn pflegt Johann Vogel zu spielen.

Der oft nicht prima vista erkannte Wert des Captains war gerade im überaus hektischen Vergleich mit den unberechenbaren Türken ausschlaggebend. Keiner im Schweizer Team liest das Angriffsschema der Kontrahenten exakter als Vogel. Der smarte Romand ist ein meisterhafter Stratege. Sein Transfer zur AC Milan ist keine Alibiübung der Italiener -- das werden selbst die grössten Zyniker der Kritikerfront begreifen.

Vogel sagte vor den Schlüsselpartien der WM-Kampagne einmal, das Captain-Amt beschere ihm kaum Aufwand, weil alles funktioniere. Er dachte dabei vor allem an die optimale Balance innerhalb der Gruppe. Keiner lebt auf Kosten der anderen. Die Harmonie wirkt nicht aufgesetzt.

Alain Sutter, 1994 selber WM-Teilnehmer und Star jenes Teams, formulierte es treffend: «Wir waren viele gute Einzelspieler, die zwar als Team funktionierten, aber eben doch von einzelnen Klasseleuten lebte. Jetzt verfügt die Schweiz auch über viele gute Individualisten, gepaart aber mit einem ausgezeichneten Teamspirit. Sie hat das Potenzial zur besten Mannschaft überhaupt.»

Erfolg als Anwort auf Krise

Der unfreundliche EM-Abschluss und das tagelange Trauerspiel um Alex Frei in Portugal liess nicht unbedingt den Schluss zu, die Schweizer würden dem unschönen Sommer eine Serie von 15 Länderspielen ohne Niederlage und die WM-Qualifikation in der «Overtime» folgen lassen.

Es ist ein Dokument der Stärke, wenn eine Auswahl einer veritablen -- und teils hausgemachten -- Krise Erfolgsmeldungen sportlicher Natur entgegnet. Es wäre wünschenswert, würde das Management der Nationalmannschaft in Deutschland den Prozess fortsetzen und die erstklassige Werbeplattform nützen.

Im Hinblick auf die Euro 2008 im eigenen Land ist der vierte Vorstoss an eine EM- oder WM-Endrunde innerhalb von zwölf Jahren so oder so ein wahrer Glücksfall. Zum einen wird das junge Ensemble auf der WM-Bühne unbezahlbare Erfahrungen machen, zum anderen entfacht die Nationalmannschaft mit Sicherheit einen landesweiten Boom, der bis zum EM-Kick-off zweifelsfrei Höchstwerte erreichen wird. Nichts interessierte (nicht nur) die sportorientierte Öffentlichkeit mehr als die «Finalspiele» der Schweizer Fussballer, die TV-Quoten erreichten Rekordwerte in Millionenhöhe.

(von Sven Schoch/Si)

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