Der erste australische Gesamtsieger der wichtigsten Rundfahrt der Welt erfüllt einen ganzen Kontinent mit Stolz. «Er zeigte der Welt, dass er mental und physisch gut vorbereitet war», schrieb 'The Australian'. Der 'Sun Herald' titelte: «Der König von Frankreich». Und 'Perthnow' berichtete: «Cadel Evans schrieb Geschichte». Was den 'Aussies' durch den Kopf ging, brachte Chef-Radcoach Matt White auf den Punkt: «Evans vollbrachte einer der grössten Leistungen, die ein Sportler Australiens je erreichte».
Vor 20 Jahren hatte Evans die Tour de France erstmals im Fernsehen angeschaut. Die letzten zehn Jahre seiner Karriere verwendete der im Südtessin wohnhafte Australier darauf, sein grosses Ziel zu konkretisieren. Dies gelang dem 34-Jährigen in einer Saison, in der er noch mehr als je zuvor jedes bescheidenste Detail pflegte und in der er die Zahl seiner Renntage vor der Tour de France dermassen reduzierte, dass er die grosse Herausforderung mit intakten Kräften in Angriff nehmen konnte.
Evans übernahm Verantwortung
Im Gegensatz zu Thomas Voeckler, der die Franzosen mit seinen zehn Tagen im Maillot jaune verzückte, ist Cadel Evans nicht als Angreifer bekannt. Doch der 'Aussie' übernahm Verantwortung, als er sein Team in der 9. Etappe (Sturz von Winokurow, Kollision von Johnny Hoogerland/Juan Antonio Flecha mit einem Auto) veranlasste, die Verfolgung hinter den Ausreissern aufzunehmen. Sonst hätte es Voeckler zumindest auf das Podium geschafft. Evans nahm als einziger der Favoriten die Jagd auf Andy Schleck bei dessen beeindruckendem 60-km-Solo in Richtung Col du Galibier auf. Der Gesamtsieger der Tour de France bewahrte kühles Blut, als er anderntags wegen eines Hinterrad-Defekts ins Hintertreffen geriet. Und schliesslich wandelte Evans seinen 57-Sekunden-Rückstand mit der besten Leistungs seines Lebens im Zeitfahren in Grenoble in einen Vorsprung von 1:34 Minuten um.
In der Siegerliste figuriert zwar nur der Name des Ersten. Evans verwies aber zu Recht auf die Leistung seines Ziel, das mit dem vollen Bestand von neun Fahrerin in Paris eintraf: «Sie lieferten mich immer am richtigen Ort ab.» Neben dem Tour-Veteran George Hincapie zählten die beiden Schweizer Michael Schär - beim Tour-Debüt des Luzerners - und Steve Morabito sowie der in Tägerwilen wohnhafte Marcus Burghardt zu den Helfern des Gesamtsiegers. In der Regel überlässt der Mann im Gelben Trikot das Preisgeld von 450 000 Euro den Helfern. Um die Steuern und den Anteil der Mechaniker und Pfleger reduziert, stecken Evans' Helfer für die dreiwöchige Strapaze ein Sackgeld von rund 35'000 Franken ein.
Schleck-Brüder: Wir kommen wieder
«Wir werden nächstes Jahr wieder kommen und erneut um den Gesamtsieg fahren», versprachen Andy und Fränk Schleck. Beide Radprofis aus dem Grossherzogtum Luxemburg trugen zum Spektakel in den Pyrenäen und vor allem den Alpen bei. Die beiden Freunde von Fabian Cancellara mussten aber auch erkennen, dass sie in den Einzelzeitfahren weiterhin Leichtgewichte darstellen. Dies gilt insbesondere für diese Tour de France, in der nur eine einzige Prüfung gegen die Uhr auf dem Programm Stand. Das klassische Programm der 'grossen Schleife' beinhaltet zwei Einzelzeitfahren.
Wie die Brüder Schleck zeigte sich auch Alberto Contador als fairer Verlierer. «Evans ist ein würdiger Sieger. Seine Art, die Rennen zu bestreiten, ist nicht spektakulär. Aber er hat gezeigt, dass er sehr stark ist», sagte der Spanier. Dem dreifachen Ersten der Tour de France gelang der Sprung auf das Podest nicht. «Ich hatte gute und schlechte Tage. Meine Bilanz für die ganze Saison sieht trotzdem gut aus», erklärte der Gesamtfünfte.
Bergkönig Samuel Sanchez
Schon vor der Schlussetappe standen Samuel Sanchez als Bergkönig und Pierre Rolland als bester Jungprofi fest. Rolland, umjubelter Sieger auf L'Alpe-d'Huez, hat das Zeug in sich, dereinst als französischer Gesamtsieger die Nachfolge von Bernardt Hinault (letzter Triumph: 1985) anzutreten.
Der Massenspurt der Schlussetappe auf den Champs-Elysées wurde die klare Beute von Mark Cavendish, der an gleicher Stelle zum dritten Mal in Serie gewann. Der Brite sicherte sich erstmals das grüne Trikot des punktebesten Fahrers. Am Galibier und auf L'Alpe-d'Huez hatte Cavendish zum grossen Gruppetto gehört, das nach Kontrollschluss eintraf, von der Jury aber im Rennen belassen wurde. Mit den Siegen von Cavendish (5) und Tony Martin (1) war HTC-High Road das erfolgreichste Team der Rundfahrt. Die Zukunft der Sportgruppe, der auch Michael Albasini angehört, ist nach wie vor ungewiss.
Resultate:
98. Tour de France. 20. Etappe, Einzelzeitfahren in Grenoble (42,5 km): 1. Tony Martin (De) 55:33 (45,5 km/h). 2. Cadel Evans (Au) 0:07. 3. Alberto Contador (Sp) 1:06. 4. Thomas de Gendt (Be) 1:29. 5. Richie Porte (Au) 1:30. 6. Jean-Christophe Péraud (Fr) 1:33. 7. Samuel Sanchez (Sp) 1:37. 8. Fabian Cancellara (Sz) 1:42. 9. Peter Velits (Slk) 2:03. 10. Rein Taaramäe (Est), gleiche Zeit.
11. Tom Danielson (USA) 2:08. 12. Edvald Boasson Hagen (No) 2:10. 13. Thomas Voeckler (Fr) 2:14. 14. Maxime Monfort (Be) 2:36. 15. Kristjan Koren (Sln) 2:36. 16. Adriano Malori (It) 2:38. 17. Andy Schleck (Lux). 18. Lieuwe Westra (Ho), beide gleiche Zeit. 19. Christophe Riblon (Fr) 2:39. 20. Fränk Schleck (Lux) 2:41.
Ferner: 31. Damiano Cunego (It) 3:38. 34. Ivan Basso (It) 3:47. 39. Robert Gesink (Ho) 4:01. 70. Michael Schär (Sz) 5:16. 78. Levi Leipheimer (USA) 5:38. 87. David Loosli (Sz) 5:53. 105. Thor Hushovd (No) 6:19. 111. Steve Morabito (Sz) 6:28. 125. Alessandro Petacchi (It) 6:56. 139. André Greipel (De) 7:39. 142. Tyler Farrar (USA) 7:44. 156. Mark Cavendish (Gb) 8:35. - 167 Fahrer gestartet und klassiert.
21. Etappe, Créteil - Paris Champs-Elysées (95 km): 1. Cavendish 2:27:02 (38,4 km/h). 2. Edvald Boasson Hagen (No). 3. Greipel. 4. Farrar. 5. Cancellara. 6. Daniel Oss (It). 7. Borut Bozic (Sln). 8. Tomas Vaitkus (Lit). 9. Gerald Ciolek (De). 10. Jimmy Engoulvent (Fr).
11. Sébastien Hinault (Fr). 12. Grega Bole (Sln). 13. Mark Renshaw (Au). 14. Juan Antonio Flecha (Sp). 15. Francisco Ventoso (Sp). 16. Samuel Dumoulin (Fr). 17. Michail Ignatjew (Russ). 18. Maxim Iglinsky (Kas). 19. Petacchi. 20. Sébastien Turgot (Fr).
Ferner: 43. Cunego. 51. Fränk Schleck. 56. Evans. 59. Schär. 62. Morabito. 68. Andy Schleck. 71. Contador. 72. Gesink. 90. Loosli. 112. Leipheimer. 115. Hushovd. 129. Basso, alle gleiche Zeit. 159. Martin 0:36. - 167 klassiert.
Schlussklassement: 1. Evans 86:12:22. 2. Andy Schleck 1:34. 3. Fränk Schleck 2:30. 4. Voeckler 3:20. 5. Contador 3:57. 6. Sanchez 4:55. 7. Cunego 6:05. 8. Basso 7:23. 9. Danielson 8:15. 10. Péraud 10:11.
11. Pierre Rolland (Fr) 10:43. 12. Taaramäe 11:29. 13. Kevin de Weert (Be) 16:29. 14. Jérôme Coppel (Fr) 18:36. 15. Arnold Jeannesson (Fr) 21:20. 16. Haimar Zubeldia (Sp) 26:23. 17. Christian Vande Velde (USA) 27:12. 18. Ryder Hesjedal (Ka) 27:14. 19. Velits 28:54. 20. Jelle Vanendert (Be) 31:24.
Ferner: 32. Leipheimer 1:03:58. 33. Gesink 1:05:09. 44. Martin 1:30:56. 49. Morabito 1:37:57. 59. Loosli 1:51:08. 68. Hushovd 2:03:15. 103. Schär 2:49:37. 107. Petacchi 2:54:20. 119. Cancellara 3:07:31. 130. Cavendish 3:15:05. 156. Greipel 3:35:04. 159. Farrar 3:38:32. 167. (letztklassierter Fahrer) Fabio Sabatini (It) 3:57:43.
(fest/Si)