Die Liebe der nützlichen Idioten
publiziert: Donnerstag, 17. Jul 2008 / 11:39 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 17. Jul 2008 / 12:17 Uhr

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Romantik und Politik sind ein Pärchen, das gerne zusammen tanzt und dabei mitunter in den Abgrund stürzt. Vor allem Linke sind anfällig für diese Art der Wahrnehmungsverzerrung, die gerne dann eintritt, wenn die Begriffe «Freiheitskämpfer», «Volksbefreiung», «Guerilla» und «Revolution des Volkes» verwendet werden. Es scheint dann gegeben, dass Bewegungen, welche sich mit diesen Labels voll pflastern, grundsätzlich gut sein müssen.

Dies galt – und gilt scheinbar auch weiterhin – für die marxistischen Mörder der FARC in Kolumbien. Vor vierzig Jahren mag deren Kampf vielleicht noch gerechtfertigt gewesen sein, doch spätestens, seit in Kolumbien eine Demokratie funktioniert, hat sie jede Berechtigung verloren. Doch das Problem mit solchen Bewegungen ist, dass sie sich nicht einfach in Nichts auflösen können und wollen, wenn es sie nicht mehr braucht.

Es ist eine Tatsache, dass viele Leute in solchen Organisationen gut vom Konflikt leben, ja ihren Lebenssinn im Kampf gegen die Anderen sehen. Machtgefühle, Status, Selbstgerechtigkeit, Robin-Hood-Komplexe und die Illusion, ein Volksheld zu sein, widersprechen zwar diametral der Tatsache, dass sich solche Organisationen meist mit Waffenschmuggel, Drogenhandel, Lösegeldforderungen für Geiseln und Schutzgelderpressungen finanzieren. Doch der Zweck heiligt – selbst wenn es ihn gar nicht wirklich gibt – die Mittel. Verzeihlich ist das zwar nicht... aber durchaus verständlich.

Unverständlich hingegen ist es, wenn zum Beispiel das Eidgenössische Departement des Absurden... pardon... Äusseren so tut, als ob die FARC – Drogenhändler, Geiselnehmer, Mörder und Schutzgelderpresser – gleichwertig mit einer demokratisch gewählten Regierung sei. Doch hier kommt nun eben das Romantik-Problem zum Zug. Vermutlich beginnen Frau Calmy-Reys Augen wehmütig zu schimmern, wenn Sie das Wort «Widerstandskämpfer» hört. Denn wer sich wehrt, wer Widerstand leistet, der muss ja gut sein. Auch wenn sich der Widerstand dagegen richtet, für seine Taten gegen die Mitmenschen gerade zustehen.

Nur so lässt sich erklären, wie harsch das EDA auf die Ermittlungen der kolumbianischen Staatsanwaltschaft gegen den Schweizer Vermittler Jean-Pierre Gontard reagiert. Und es zeigt auch, welche Geringschätzung den Kolumbianern vom EDA entgegengebracht wird: Wie auch bei uns darf die Regierung die Justiz nicht beeinflussen... dies zu fordern, widerspräche dem Prinzip der Gewaltenteilung.

Am schmerzhaftesten ist vermutlich für Gontard und das ihn sekundierende EDA die Möglichkeit durch die ganzen Jahre der Verhandlungen hindurch von der FARC nur als «nützliche Idioten» (nicht zufällig ein Lenin-Zitat) benutzt wurden, um deren Ansehen in der Welt zu verbessern und deren Kampf grössere Erfolgschancen zu verleihen. Doch solche Gedanken zu denken ist verboten.

Denn genau wie in einer Romanze, welche dies ja in einer gewissen Hinsicht war, ist es ungeheuer schmerzhaft, zu realisieren, dass man vom Partner zu ganz und gar egoistischen Zwecken hintergangen und manipuliert worden ist. Ja, selbst wenn es schon längst offensichtlich ist, wenn alle Anderen nur noch mit dem Kopf schütteln, klammert sich die (oder der) Betrogene verzweifelt an die Illusion der ewigen, wahren Liebe.

Die dräuende Niederlage der FARC und der Gontard-Prozess könnten am Ende Frau Calmy-Rey ihren Posten kosten – und vielleicht endlich wieder dazu führen, dass die Schweizer Aussenpolitik nicht mehr in einem Wolkenkuckucksheim ausgebrütet wird.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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