Die Locarno-Essenz
publiziert: Montag, 14. Aug 2006 / 01:08 Uhr

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Die Gretchenfrage jedes Filmfestivals: Wo hört Kommerz auf und beginnt, Kunst zu sein, und warum schliessen sich die beiden so oft aus? Kann sich der Zuschauer blind darauf verlassen, dass was gezeigt (und ja von Fachpersonen ausgewählt) wird, auch das Prädikat des «künstlerisch Wertvollen» trage? Eben nicht. Das Problem ist vielmehr, dass stets das falsche Publikum im richtigen Film zu sitzen scheint. «In drei Tagen bist du tot» zum Beispiel, das erste österreichische Slasher-Movie (ja, so unfreiwillig komisch, wie sich das schon anhört) schlug Zahlreiche in die Flucht, als bald nach dem Vorspann klar wurde, dass der Streifen seinen Selbstzweck darin fand, Morde fantasiereich zu begehen. Und jene, die daraus noch nicht klug geworden waren, und auch noch das zweite (!) auf der Piazza programmierte Slasher-Movie auf Kunst untersuchen wollten, «Severance» nämlich, verliessen den Platz so schnell, als wären Erz-Katholische unversehens in eine «Da Vinci Code»-Vorführung geraten.

Dabei erkennen auch die Kunstbeflissenen (und dafür halten sich ja viele, die ihre Akkreditierung am Leoparden-Bändel jederzeit gut sichtbar um den Hals tragen, um Kunstsachverständnis auszuweisen) Kunst zuweilen noch dann nicht, wenn sie direkt davorsitzen. Zum Beispiel beim Sirk-Klassiker «In den Wind geschrieben»: Eine schmachtende Blonde, ausgerechnet von Rock Hudson sitzengelassen, befingert in der letzten Einstellung einen phallischen Miniatur-Ölbohrturm. Mancher hartgesottener Filmkritiker quittierte diesen gar subtilen Moment mit einem dreckigen Lachen. Dabei: genau das war hohe Kunst! Wenigstens vor 50 Jahren, als der Film in die Kinos kam.

Und wenn einem dann die Kunst des zeitgenössischen Kinos förmlich entgegengeschrieen wird, wie im Piazza-Film «Russian Ark» (eine entfesselte Kamera fährt anderthalb Stunden lang ohne Schnitt durch lange Räume, als sei die Kamera selbst auf der Suche nach einer Handlung) dann liefen die Leute so schnell wie ein Tessiner Gelati bei Sonne in einen Hemdsärmel (das war jetzt gelogen, weil in Locarno niemand lange Ärmel trägt).

Den Balanceakt zwischen Kunst und Kino nahm der neue Direktor des Festivals vor. Am Freitagabend ist er dann selbst umgekippt, vor seinem Publikum, und man möchte mutmassen, eben diese aufreibende Diskussion habe das übrige zum Schwächeanfall von Frédéric Maire beigetragen.

Noch nicht einmal auf die Zeit, die ansonsten entscheidet, was in der Filmgeschichte überdauert, ist Verlass. Denn auch bejahrte Filme müssen sich bei nochmaliger Aufführung die Kunst-Frage von neuem gefallen lassen. Der vom Festival geehrte Aki Kaurismäki durfte nach eigenem Guschto Lieblings-Klassiker auswählen (er war allerdings nicht verpflichtet, sie sich dann selbst anzuschauen). Doch was etwa an seinem Wunschfilm, dem schnarchigen «Bitter Victory», erinnerungswürdig war, weiss Kaurismäki allein. Wer also entscheidet letztlich, was ein guter und was kein guter Film sei? Dieselbe Frage konnte ich einst den Archivaren des Schweizer Filmarchivs stellen. Die Antwort, überraschend nüchtern: Was schützenswert sei und was nicht, geht den Archivar nichts an, der grundsätzlich keinen Unterschied zwischen einem Porno und einem Fassbinder macht. Diesen Eindruck konnte man heuer zuweilen in Locarno gewinnen (nicht zuletzt, da neben dem Festival der helvetische Erotik-Pionier Erwin C. Dietrich gewürdigt wurde).

Roger Schawinski hat mir einst in Locarno ins Gesicht gesagt, meine Krawatte sei «zum Davonlaufen» (womit er meine Grossmutter unendlich gekränkt hat). Eine kleine persönliche Anekdote, um das Schlusswort einzuleiten: Über Kunst lässt sich eben streiten.

PS: Schawi trug an diesem Anlass nicht einmal Krawatte, sondern liess sein Brusthaar raushängen.

(von Roland Schäfli/news.ch)

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