Die Milliarden-Show
publiziert: Freitag, 8. Apr 2005 / 10:28 Uhr / aktualisiert: Freitag, 8. Apr 2005 / 11:08 Uhr

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Es wird mit einer Milliarde Fernsehzuschauer gerechnet. Über 4 Millionen Pilger würden gerne selbst dabei sein. Und eine Weltstadt droht, unter dieser Last zusammen zu brechen. Der Papst ist gestorben und jeder will sich noch von ihm verabschieden.

Nun gibt es daran prinzipiell nichts auszusetzen. Ein jeder hat das Recht, sich von einer geliebten Person würdig zu verabschieden. Es gehört zum Menschsein, dass damit die Trauer gelindert und verarbeitet werden kann.

Doch das Mass, das hier erreicht wurde, ist im Bereich des Erschreckenden. Es entsteht immer mehr der Eindruck, dass es sich nicht mehr nur um Trauer handelt. Für manche ist es ein Mittel der Machtdemonstration ihres Glaubens, wenn sie voller Stolz sagen, sie wollten mit Ihrer Anwesenheit ein Zeichen setzen.

Für andere scheint das Papst-Begräbnis ein Pflicht-Event zu sein, bei dem man dabei gewesen sein muss - oder zumindest beim Versuch dazu ehrenhaft scheiterte. Wir scheinen Zeuge eines Mega-Woodstocks zu werden, mit allem was dazu gehört: Spontane anreisen, Zeltlager, Gedränge und einem unglaublichen Gefühl der Verbundenheit unter den Anwesenden.

Die Schlimmsten unter diesen Event-Touristen sind womöglich die Staats-Chefs und Politiker, die sich in rauen Mengen einfinden. Es befinden sich darunter Diktatoren, für die Johannes Paul II zu Lebzeiten nur Verachtung gefühlt hätte, und Politiker, die ihn jetzt preisen, deren Politik er aber ein Bausch und Bogen verdammt hatte. So darf man sich ernsthaft Fragen, was Robert Mugabe in Rom zu suchen hat. Dass George W. Bush und seine 3 Vorgänger auch anwesend sind, ist zwar logisch. Doch die Ironie, dass der US-Präsident dem womöglich weltweit prominentesten Irak-Krieg-Gegner seinen Respekt zollt, ist nicht zu übersehen.

Dass dies die grösste Papst-Beerdigung aller Zeiten wird, ist aber nicht nur auf die Persönlichkeit des Verstorbenen zurück zu führen. Es ist auch darin begründet, dass er der erste Papst des Medien-Zeitalters war. Jeder glaubt, den Papst gekannt zu haben. Selbst Leute, die sich herzlich wenig um Glauben und Religion kümmern, kamen ob der päpstlichen Medienpräsenz in den letzten 27 Jahren nicht umhin, sich ein Bild von ihm zu machen. Er ist bislang der meistgefilmte und best dokumentierte Papst überhaupt. Dass die Bezeichnung 'Pop-Papst' mehr als nur eine Phrase war, zeigt sich jetzt in unglaublicher Intensität.

Fragt sich nur, ob er diesen Rummel wirklich gewünscht hätte. Selbst wenn jeder der Pilger nur hundert Euro in die Reise investiert, ergäbe dies mehr als eine halbe Milliarde Franken, die für diesen Abschied ausgegeben werden.

Dies in einer Zeit, in der Hilfsorganisationen darunter leiden, dass nach der Spendenflut für die Tsunami-Opfer das Geld für andere Hilfsvorhaben an allen Ecken und Enden fehlt. In einer Zeit, wo Kinder sterben, weil es an den einfachsten medizinischen Mitteln fehlt. Der Welt wäre mehr geholfen gewesen, wenn viele der Pilger das Geld für ihre Bus- und Bahntickets stattdessen gespendet hätten.

Doch in einer Zeit, wo das Dabeisein alles ist, bleibt für intime Trauer, stille Hilfe und Nächstenliebe kaum mehr Platz. Die Milliarden-Show läuft, und jeder will dabei sein, muss dabei sein. Auch dies ist ein Zeichen der Zeit.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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