«Die Mode ist nicht für die Magersucht verantwortlich»
publiziert: Freitag, 17. Nov 2006 / 17:12 Uhr / aktualisiert: Samstag, 18. Nov 2006 / 19:44 Uhr

Paris - Betreten, aber nicht bekehrt hat die Modewelt auf den Tod der 21 Jahre alten Ana Carolina Reston reagiert. Das Fotomodell war am Dienstag in São Paulo an den Folgen seiner Magersucht gestorben.

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«Die Mode ist nicht für die Magersucht verantwortlich», hiess es als Kommentar am Donnerstagabend aus dem Hause Chanel in Paris. Tatsache bleibt aber, dass die Mädchen auf den Laufstegen und in den Gazetten seit vierzig Jahren immer dünner werden.

Doch Schuld am Magerkult der jungen Frauen sei die Mode deshalb noch lange nicht, betont der Chef des französischen Modeverbandes, Didier Grumbach: «Die Mode ist Folge der gesellschaftlichen Veränderungen, nicht ihre Ursache.»

Diese gesellschaftlichen Veränderungen haben mittlerweile für viele junge Frauen fatale Folgen. So leiden in Frankreich ungefähr vier Prozent der Bevölkerung unter Magersucht oder Bulimie - das sind immerhin 40 000 bis 50 000 Menschen.

Neun von zehn Betroffenen sind Frauen oder Mädchen, von denen «zehn Prozent daran sterben werden», sagt der Pariser Experte für Essstörungen, Philippe Jeammet. «Die Anorexie ist ein echtes gesellschaftliches Problem», räumt auch Chanel ein.

Nur noch Äpfel und Tomaten

«Ich hoffe, ihre Geschichte wird anderen eine Lehre sein», sagte die Mutter des toten Models der Tageszeitung «O Globo». Ana Carolina hatte die Arbeit an einem Armani-Katalog kurz vor ihrer Erkrankung aufgeben müssen, weil sie mit 40 Kilogramm Körpergewicht bei einer Grösse von 1,74 Metern zu dünn und zu schwach war.

Die junge Frau hatte sich zuletzt nur noch von Äpfeln und Tomaten ernährt. Eine Blaseninfektion führte dann innerhalb kurzer Zeit zu Nierenversagen und allgemeinem Organversagen. Die Verantwortlichen in den Agenturen sollten sich fragen, ob sie nicht mehr für ihre Tochter hätten tun können, klagt die Mutter.

Hungerleistung verlangt

Doch die Agenturen verweisen auf die Modeschöpfer, die nach immer dünneren Models verlangten. Der im September in Madrid festgelegte Body-Mass-Index von 18, also 56 Kilogramm bei 1,75 Metern Körpergrösse, für Models wird von den Agenturen ebenfalls zurückgewiesen.

Sie würden die Mädchen ohnehin nie wiegen, sondern nur den äusseren Eindruck berücksichtigen. Im Nachsatz kommt aber die Erläuterung, dass der Hüftumfang nicht mehr als 90 Zentimeter betragen dürfe - und das ist bei oft 1,80 Meter grossen Frauen wirklich eine Hungerleistung.

D'Amour: von 54 auf 130 Kilo

Dass nach dem Tod der 21 Jahre alten Ana Carolina ein Ruck durch die Modewelt geht, ist demnach eher unwahrscheinlich. Auch wenn das rundliche Model Velvet d'Amour, das bei Modenschauen des Franzosen Jean-Paul Gaultier auftritt, einen Hoffnungsschimmer sieht.

«Die Entrüstung über ihren Tod könnte die Menschen mobilisieren, in eine neue Zeit einzutreten», sagte sie in einem Zeitungsinterview. Sie selbst habe früher mit 54 Kilo von ihren Agenturen immer noch zu hören bekommen, sie sei zu dick. Als sie bemerkt habe, wie absurd und gefährlich ihre Hungerkuren wurden, habe sie sich andere Vorbilder gesucht. Heute wiegt Velvet d'Amour 130 Kilogramm.

(von Kim Rahir, AFP/sda)

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