Die Ostschweiz: ein Pilgerziel für Kunstliebhaber
publiziert: Dienstag, 24. Aug 2010 / 10:19 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 24. Aug 2010 / 19:46 Uhr

Ob Barock, Rokoko, Klassizismus oder Jugendstil, ob Wannenmacher, Giacometti, Richard Serra oder Joan Miró – ein Gang durch die Ostschweizer Metropole St.Gallen gleicht dem Besuch eines grossen Museums. Eine reiche kulturhistorische Vergangenheit und eine blühende Gegenwart haben das Stadtbild St.Gallens geprägt, namhafte Künstler und Architekten verschiedenster Epochen hinterliessen ihre Spuren.

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Nicht umsonst war die Stadt Hauptpartner der Werbekampagne „Kunst und Architektur“ von Schweiz Tourismus. Ein paar St.Galler Glanzlichter seien hier vorgestellt:

UNESCO-Weltkulturerbe im Herzen der Stadt

Das Wahrzeichen der Stadt, der St.Galler Stiftsbezirk mit seiner barocken Kathedrale, wurde 1983 samt Bibliothek und Stiftsarchiv in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Er ist heute eine der zehn Welterbestätten der Schweiz. Die bewegte Geschichte des St.Galler Klosters, das sich von einer Mönchseinsiedelei (612 n. Chr.) zum geistigen Zentrum Europas entwickelte, war bis zu seiner Auflösung im Jahr 1805 von einer enormen Bautätigkeit begleitet. Von der ursprünglich frühmittelalterlichen Anlage ist heute auf dem ehemaligen Klostergelände nichts mehr zu entdecken. Überreste aus dieser Zeit und Elemente aus der Gotik können heute im Lapidarium, das sich in einem Gewölbekeller unter dem Westflügel der Klosteranlagen befindet, bewundert werden.

Der jüngste, noch bestehende Kirchenbau im Stiftsbezirk ist die barocke Stiftskirche, die zwischen 1755 und 1767 entstand. Ein Baumeistertrio – bestehend aus dem Vorarlberger Johann Michael Beer von Bildstein, dem Architekten Peter Thumb, Erbauer der berühmten, barocken Wallfahrtskirche „Birnau“ am Bodensee, und dem renommierten Johann Caspar Bagnato - , schuf mit Malern, Bildhauern und Stuckateuren eine Wandpfeilerkirche, die sich im Inneren aus kunstvoll hintereinander gruppierten Zentralräumen zu einem rhythmisch schwingenden Langraum zusammensetzt. Der Kirchenraum ist üppig ausgemalt, mit Stuckaturen verziert, die Innenausstattung reich mit Schnitzereien versehen. Namhafte, vor allem aus Süddeutschland stammende Künstler wie Christian Wenzinger, Bildhauer, Maler und Baumeister aus Freiburg, der Bildhauer Josef Anton Feuchtmayer und der Maler Josef Wannenmacher haben an der inneren und äusseren Ausstattung der Stiftskirche mitgewirkt. Die Doppeltürme der Kirchenfassade überragen weithin sichtbar den Klosterkomplex. Barock bewegt und ausgewogen gegliedert, hebt sich die sandsteinfarbige Kirchenfront von den schlichten Fassaden der Flügelbauten ab.

Barocke „Seelenapotheke“: Die Stiftsbibliothek

“Seelenapotheke“ steht in griechischen Lettern über dem Eingangsportal. Das war es, was die Erbauer in dieser reich bestückten Stiftsbibliothek sahen, deren kostbare Folianten sich in den Bücherregalen wie Arzneien in einem Apothekerschrank aneinanderreihen. Architektonisch betrachtet ist sie eine wahre Kunstschatulle. Der prachtvolle, geschwungene Saal mit seinen ornamentierten Intarsienböden, den holzvertäfelten, säulengeschmückten Bücherschränken und reich stuckierten Deckengemälden ist ein barockes Gesamtkunstwerk: harmonisch verbinden sich hier Architektur, Skulptur, Malerei und Ausstattung. Die 1758 errichtete Rokokobibliothek zählt zu den schönsten historischen Büchersälen der Welt. Publikumsmagnet ist der über zwei Meter hohe Erd- und Himmelsglobus, der als aufwändig hergestellte Replik des Züricher Originals (Landesmuseum) seit Oktober 2009 in der Bibliothek zu bewundern ist. Beim St.Galler Globu, der ins letzte Viertel des 16. Jahrhunderts datiert wird, handelt es sich um einen der grössten noch erhaltenen Globen aus dieser Zeit.

Von der Textilblüte zum Jugendstil

Die Hochphase St.Galler Textilproduktion hat ab der Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen der Stadt ein ganzes neues Geschäftsviertel entstehen lassen. Auf den ehemaligen Bleichen, dort, wo früher die Stoffbahnen zum Trocknen ausgelegt wurden, errichteten sich die Textil- und Stickereifabrikanten der Stadt nach einer ersten Bauordnung ab 1863 prächtige Handelshäuser. An den kunstvoll geschmückten Jugendstilfassaden lassen sich noch heute die verschiedenen Funktionen der Gebäudeteile ablesen: im hohen, mit grossen Fenstern ausgestatteten Erdgeschoss wurden die Stoffe von den ausserhalb gelegenen Fabriken angeliefert, gelagert und für den Versand verpackt. Die darüber liegende, von aussen reich dekorierte „Belle Etage“ mit grossen Empfangsräumen war offiziellen Geschäftsbesuchen und der Firmentätigkeit vorbehalten. Die beiden obersten Geschosse dienten oft als Wohnräume. Die repräsentativen Wohn- und Geschäftshäuser erhielten klingende Namen wie „Oceanic“, „Atlantic“ oder „Pacific“ nach dem wichtigsten Exportkunden Amerika. Das prächtige Treppenhaus des Haus „Washington“, das heute Sitz der Helvetia Versicherung ist, kann im Rahmen einer Stadtführung besichtigt werden. Auch das neobarocke Bahnhofsgebäude, das zwischen 1911 und 1913 erbaut wurde, und das Hauptpostamt, das einem Renaissancepalast nachempfunden ist, sind einen Besuch wert.

Moderne Architektur von Calatrava und Tesar

Die kunstvolle Bautradition in St.Gallen hat auch in jüngster Zeit ihre Fortsetzung gefunden. Namhafte zeitgenössische Architekten wie der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava oder der Wiener Heinz Tesar haben hochmoderne Akzente im Stadtbild gesetzt. Das filigran wirkende, runde Bürogebäude von Tesar im Westen der Stadt, dessen Aussenfront von hohen, schmalen Fenstern gegliedert wird, verbindet sich harmonisch mit den Jugendstilhäusern der Nachbarschaft. Der populäre Architekt Santiago Calatrava hat sich in den Neunziger Jahren gleich dreifach in St.Gallen verewigt. Die Wartehalle auf dem Bohl (1996), die kantonale Notrufzentrale (1998) und der Pfalzkeller (1999) tragen unverkennbar seine Handschrift. Aufsehen erregend sind diese Bauten, die spektakuläre Ingenieurstechnik mit innovativen, architektonischen Gestaltungsideen zu skelettartigen, teilweise beweglichen Strukturen verbinden. Durch ihre Leichtigkeit und Transparenz fügen sie sich trotz des Kontrastes in die historischen Strukturen ein. Umstritten ist das von Bernhard Tagwerker gestaltete Bürogebäude im Stadtviertel Sankt Leonhard. Nach dem Zufallsprinzip hat der St.Galler Künstler dem aus Quadern bestehenden Bau gelbe Flecken verpasst – weshalb es im Volksmund Sankt Leopard genannt wird.

Wo man geht und steht: Kunst

Neben den architektonischen Kleinodien aus den verschiedensten Epochen entdeckt man in den St.Galler Strassen an nahezu jeder Ecke Kunst. Angefangen bei den berühmten St.Galler Erkern in der Altstadt, mit denen Kaufleute und reiche Bürger im Mittelalter und der Renaissance die Fassaden ihrer Wohnhäuser nachträglich pompös schmückten. Die reich verzierten Ausbauten sollten Wohlstand und ihre auf Reisen erworbene Weltkenntnis dokumentieren und tragen klangvolle Namen wie Kamel-Erker (Spisergasse), Sternen-Erker (Spisergasse), Bären-Erker (Spisergasse), Gerechtigkeits- und Engel-Erker (Spisergasse), Pelikan-Erker (Schmidgasse) oder Erker Zum Greif (Gallusstrasse). Auch heute noch haben die St.Galler Bürger Sinn für Kunst im Strassenbild. Zahlreiche Brunnen und Skulpturen von lokalen Künstlern und international bekannten Grössen schmücken die Gassen und insbesondere den Stadtpark im Museumsviertel. Hier findet man beispielsweise neben dem Gauklerbrunnen des St.Galler Max Oertli den skulpturalen „Trunk“ von Richard Serra.

Ein rotes Wohnzimmer für alle

Seit Herbst 2005 präsentieren sich Abschnitte des St. Galler Bleicheli-Quartiers als „öffentliches Wohnzimmer“ für Bürger und Gäste der Stadt. Mit einem roten Teppich überzieht das Kunst-Projekt „stadtlounge“ der renommierten Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist und des Architekten Carlos Martinez öffentliche Plätze und Strassen des Altstadt-Quartiers. Die Wohnzimmerarchitektur gliedert sich dabei in einzelne Bereiche mit unterschiedlichen Raumthemen wie „Cafe“, „Relax-Lounge“ oder „Business-Lounge“. Sie lädt zum Verweilen ein und bietet Raum für Begegnungen.

Kunstwerke von Weltrang an der Universität

Kunst kann man an der St.Galler Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften nicht studieren – dafür aber kann man sie bewundern. Denn das Universitätsareal klingen Architektur, Natur und Kunst auf einzigartige Weise zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Das aussergewöhnliche Konzept des Architekten Walter Förderer, der den „Alten Bau“ Anfang der 60er Jahre verwirklichte, bezog vom ersten Entwurf an Kunst in die Gestaltung der Anlage mit ein. So trifft der Besucher in den Parkanlagen auf Skulpturen von Alicia Penalba und in den Innenräumen auf verschiedenste Kunstwerke namhafter Künstler wie Joan Miró, Jean Arp, Antoni Tàpies oder Pierre Soulages. In der „Tête“, dem fensterlosen Obergeschoss, das Arbeitsräume birgt, entdeckt man in einem Lichtschacht eine der typisch filigranen Skulpturen Alberto Giacomettis.

Klassizistisches Haus für impressionistische Werke

Das von Johann Christoph Kunkler erbaute, 1877 eröffnete Kunstmuseum ist eines der ältesten Museen und gleichzeitig eines der bedeutendsten klassizistischen Gebäude der Schweiz. Die Sammlung dokumentiert Meisterwerke und Werkgruppen aus mehr als 500 Jahren abendländischer Kultur- und Kunstgeschichte. Hier untergebracht sind die Kunstsammlungen mit zahlreichen Werken der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts sowie der deutschen und französischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Zu den wichtigsten Beständen gehören Gemälde der Impressionisten Claude Monet, Alfred Sisley oder Auguste Renoir. Die Schweizer Kunst der Jahrhundertwende ist u. a. mit Gemälden von Ferdinand Hodler erstrangig vertreten. Seine monumentalen Bergdarstellungen ergänzen Werke Ernst Ludwig Kirchners aus seiner Davoser Zeit. Sie bilden gleichzeitig die Grundlage der Sammlung moderner Kunst, die Gemälde von Pablo Picasso, Paul Klee, Sophie Taeuber-Arp oder Andy Warhol sowie zeitgenössische Installationen von Richard Serra, Bruce Nauman, oder Pipilotti Rist umfasst. Aufgrund des begrenzten Raumangebots werden im Rahmen von Themenausstellungen jeweils Teile der Sammlung gezeigt.

Kunst Halle und Museum im Lagerhaus

In den Räumlichkeiten eines alten Lagerhauses versteht sich die Kunst Halle St.Gallen nicht nur als Ausstellungsort für zeitgenössische nationale und internationale Kunst sondern gleichzeitig auch als Dokumentationsstelle für Ostschweizer Kunstschaffen. Darüber hinaus erforscht und präsentiert sie als „Kunstlabor“ der Gegenwart innovative konzeptionelle Kunstwerke und Ideen junger Künstler. Jedes Jahr werden fünf Ausstellungen realisiert, bei denen jeweils Begleitprogramme wie Diskussionsveranstaltungen oder Filmvorführungen die persönliche Auseinandersetzung mit den gezeigten Kunstwerken anregen. Die Stiftung für schweizerische naive Kunst und „art brut“ zeigt im gleichen Gebäude eine umfangreiche Sammlung mit Werken von über einhundert Künstlerinnen und Künstlern, darunter befinden sich Aloyse, Ulrich Bleiker, Benjamin Bonjour, Nikolaus Wenk und Louis Soutter. Jährlich gibt es vier Wechselausstellungen.

(zel/news.ch mit Agenturen)

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