«Die Parteidisziplin geht immer vor»
publiziert: Montag, 21. Jul 2008 / 22:38 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 22. Jul 2008 / 16:01 Uhr

Die Olympischen Spiele vom 8. bis 24. August in Peking werden zu einer gewissen Öffnung Chinas gegenüber der Welt beitragen, aber nur im Rahmen der Parteidisziplin. Dies erklärte der St. Galler Wirtschaftsprofessor Rolf Dubs in einem Interview.

Die Parteidisziplin steht an oberster Stelle.
Die Parteidisziplin steht an oberster Stelle.
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Rolf Dubs (73), in den Neunzigerjahren Rektor der Universität St. Gallen, ist ein hochdekorierter Wissenschaftler. Er hielt Vorlesungen an vier amerikanischen Universitäten und wurde mit Ehrendoktortiteln von Universitäten in Wien, Budapest und Leipzig ausgezeichnet.

Sein ganzes Leben lang hat Dubs «Auslandhilfe» betrieben. Er betreute für die schweizerischen Organisationen DEZA und SECO langjährige Entwicklungshilfe-Projekte in Ruanda, Tansania, Indien, Thailand, Vietnam und China. In China bildet er in regelmässigen Besuchen seit 15 Jahren höhere Parteikader und Staatsbeamte aus. Sein Wissen über die Zusammenhänge in China ist enorm.

Als Mitglied des Beirats der Swiss Olympic Academy erteilte er auch der Schweizer Delegation, die demnächst nach Peking reist, hilfreiche Ratschläge. Rolf Dubs legt Wert auf die Feststellung, dass er in diesem Interview stets seine persönliche Beurteilung wiedergibt. Peter A. Frei stellte die Fragen.

Was erwartet die Regierung respektive die Partei Chinas von diesen Olympischen Spielen?

Rolf Dubs: Die Partei erwartet, dass die Welt sieht, wie sich China im Rahmen der Vorgaben der Partei Schritt um Schritt öffnen will. Zweitens will sie demonstrieren, dass China inzwischen weltoffen ist. Und drittens möchte man der Bevölkerung zeigen, dass das System in der Lage ist, eine weltweit beachtete Veranstaltung zielstrebig und erfolgreich durchzuführen.

Was erwartet die Bevölkerung Chinas von diesen Spielen?

Rolf Dubs: Das ist hoch interessant. Die Durchschnittsbevölkerung ist sehr stolz, dass China die Olympischen Spiele bekommen hat. Sehr viele Leute arbeiten, im Kleinen und im Grossen, zu Gunsten dieser Spiele. Man könnte also sagen, dass vor allem bei kleinen Leuten ein weltoffeneres Bedürfnis entstanden ist zu zeigen, was man geleistet hat.

Warum ist den Chinesen heute, im Vergleich zur früheren Abschottung, das Image Chinas in der Welt wichtig geworden? Wie gross ist der Einfluss von Globalisierung und Wirtschaft?

Rolf Dubs: In erster Linie geht es um die Globalisierung. Die Chinesen haben jetzt auch in freier Form Kontakte mit Leuten mit anderen Ländern, auch aus westlichen Nationen. Sie erkennen, dass diese Länder auch etwas leisten und dass dies nicht, wie in früheren Zeiten gesagt wurde, nur das Üble ist. Deshalb ist die Lernbegierigkeit ausgesprochen hoch.

Das merkt man auch in der Art, wie man immer und immer wieder von jungen Leuten angesprochen wird. Das Erste ist, dass sie nur einmal schauen wollen, ob sie sich auf Englisch gut ausdrücken können. Dann möchten sie erfahren und erfahren und erfahren... Es ist meistens so, dass sie einem nicht zeigen, was China geleistet hat, sondern sie hören, stellen Fragen, wollen lernen.

War es klug vom IOC, die Spiele nach China zu vergeben?

Rolf Dubs: Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Diejenigen Leute, welche die Entwicklung Chinas nicht verstehen und welche die Problematik um Tibet in den Vordergrund schieben, hätten aus diesen Gründen nein sagen müssen, als man die Spiele nach China vergab. Aber jetzt, da man sich für China entschieden hat, wäre es das Dümmste, nicht zu gehen, denn damit würde man alle diejenigen Leute in China bestrafen, die stolz darauf sind, dass die Spiele kommen. Sie würden den Westen nicht verstehen.

Hätte ich 2001 bei der Vergabe entscheiden müssen, hätte ich China die Spiele zugesprochen. Denn ich habe zu aller Zeit immer wieder die Offenheit der Gespräche vertreten. Der permanente Kontakt wird auch zu gewissen Änderungen führen, nicht sprunghaft, aber zu kleinem, besserem Verständnis.

Stichworte Zwangsumsiedlung, Wanderarbeiter, Parteidisziplin. Wird sich die Menschenrechtssituation in China wegen der Spiele verändern?

Rolf Dubs: Die Parteidisziplin wird bestehen bleiben. Der Staat wird weiterhin autoritär führen. Aber, ich sage immer, in dieser autoritären Führung gibt es Lernprozesse, die zu Veränderungen und Verbesserungen führen, aber nur ganz langsam, nur im Rahmen der Ideologie. Wenn man über 15 Jahre beobachtet, hat sich das Leben für die Menschen ganz wesentlich verändert und verbessert.

Ich würde mit gutem Gewissen sagen, Leute, die nicht gerade offen gegen die Regierung auftreten, die lässt man heute leben. Dass man noch an Veranstaltungen gehen und das Fähnchen schwingen muss, das ist vorbei. Aber: Die Führungsrolle der Partei ist und wird für meine Begriffe noch lange Zeit völlig unbestritten bleiben.

Dazu muss man beifügen, dass dieser Zentralismus auch ein Stück chinesische Tradition ist und sehr viele Leute nach wie vor der Überzeugung sind, dass sich China auf einem guten Weg befindet. Es gibt Opposition, die unterdrückt wird. Aber diese Opposition hat weder ein Programm noch eine Organisation, und die grosse Angst der Führung besteht darin, dass dies letztlich zum Chaos führen könnte. Deshalb wird auch relativ straff geführt. Ich muss ehrlich sagen, in der Situation, in der sich China befindet, mit dem raschen Wachstum, aber auch mit den steigenden sozialen Spannungen, gibt es wahrscheinlich gar keinen anderen Weg. Dass man bei den Menschenrechten noch Wesentliches verbessern kann, vor allem bezüglich Gerichtsverfahren, das ist von jedermann unbestritten.

Wird sich eine Veränderung in den Beziehungen der chinesischen Zentralregierung mit Tibet ergeben?

Rolf Dubs: Nein. Wahrscheinlich hatte die Opposition im Zusammenhang mit den Aufständen in Tibet zur Folge, dass eine Gesprächsbereitschaft entstanden ist. Man spricht jetzt miteinander, aber am Prinzip ändert sich nichts, und zwar wahrscheinlich eben aus dem Grund: China ist historisch in allen erfolgreichen Phasen zentral geführt worden. Eine Dezentralisierung könnte die Entwicklung des ganzen Landes gefährden.

Dann hätten Sie auch nichts von Boykotten gehalten?

Rolf Dubs: Ich bin absolut gegen den Boykott gewesen, weil er nichts gebracht hätte. Ein Boykott hätte hingegen in dem stolzen Volk dazu geführt, dass man überhaupt nicht mehr verstanden hätte, wie westliche Leute denken und sich verhalten.

2. Teil folgt morgen!

(Peter A. Frei/Si)

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