Die Quartals-Realität
publiziert: Dienstag, 2. Feb 2016 / 08:58 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 3. Feb 2016 / 08:51 Uhr
Cruz und Sanders: Wären in der wirklichen Wirklichkeit chancenlos.
Cruz und Sanders: Wären in der wirklichen Wirklichkeit chancenlos.

Finden wir uns damit ab: Wir leben in einer alternativen Realität. Irgendwo wich das Universum, in dem wir leben, vom vernünftigen Pfad ab, und hat Acid eingeworfen. Das zumindest ist der Eindruck nach den ersten Vorwahlen in Iowa.

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Damit es klar ist. In der wirklichen Wirklichkeit haben Hillary Clinton und Jeb Bush die Vorwahlen in Iowa mit einem grossen Vorsprung gewonnen und machen sich jetzt daran, die verbleibenden Vorwahlen als eine Art Vorwahlkampf gegen ihre designierten Kontrahenten zu führen, da sie sich um innerparteiliche Konkurrenz nicht mehr kümmern müssen.

Stattdessen hat bei uns Hillary Clinton ihre erste Vorwahl nur um Haaresbreite vor dem mürrischen, selbst-deklarierten Sozialisten Bernie Sanders gewonnen und wird noch monatelang um jede Stimme kämpfen müssen. Noch absurder sieht es bei den Republikanern aus, die zu einer Hass- und Schrei-Partei geworden sind.

Nun mag jemand einwenden, dass immerhin nicht Donald Trump gewonnen hat. Stattdessen schwang Ted Cruz oben aus, der von praktisch allen Menschen, die je persönlich mit ihm zu tun hatten, als absolutes Ekelpaket bezeichnet wird, und dessen politische Einstellungen in verblüffender Kongruenz zu diesen Charakterisierungen stehen.

Dass Ted Cruz in Iowa gewonnen hat, liegt vermutlich nicht zuletzt an seiner hemmungslosen Heranschmeisserei an die Evangelikalen, bei denen Trump mit seinen nicht vorhandenen Bibelkenntnissen voll durchgefallen ist. Da konnte Trump noch so viel mal sagen, dass der Klimawandel eine Erfindung sei und er eine Mauer gegen Mexikaner, Muslime und alle mit einer etwas dunkleren Hautfarbe bauen wolle, es half nicht mehr. Auch dass er die Bewohner von Iowa kurz vor den Vorwahlen als Idioten bezeichnet hatte, war vermutlich nicht hilfreich.

Dass der dritte Platz an Marc Rubio geht, der eigentlich nichts als ein aufgehübschtes Abziehbild von Cruz ist, macht die surreale Scharade komplett.

Nun mag der Einwand kommen, dass dies nur Amerika sei. Doch echt. Finden Sie wirklich, der Rest der Welt ticke noch richtig? Fangen wir doch grad mal in der Schweiz an, wo die grösste Partei damit beschäftigt ist, das Land in ein Apartheitssystem umzubauen und die Gewaltentrennung, welche ein Grundsatz jeder funktionierenden Demokratie ist, auszuhebeln und wo nicht absolutes, breitestes Entsetzen darüber herrscht.

Oder nehmen wir Polen, in der ein paranoider Parteichef den Rechtsstaat von seinen Parteigenossen demontieren lässt (obwohl es dort immerhin Demonstrationen dagegen gibt). Oder Deutschland, wo Rechtsextremismus im Angesicht einer Krise wieder populär wird.

Oder natürlich Syrien, wo ein ganzes Volk als Geisel und Faustpfand eines egomanischen Diktators und diverser Mittel- und Grossmächte herhalten muss und in diesem Machtkampf um regionale Dominanz geradezu zerrieben wird.

Der Beispiele gibt es noch viele und sie werden zum grossen Teil vereint durch den Fakt, dass die wichtigsten Akteure alles nur Taktiker, sondern keine Strategen sind. Ja selbst jene, die glauben, eine Strategie zu fahren (wie jene, welche Flüchtlinge als Waffe gegen die Demokratien Europas benutzen), haben eigentlich nichts Besseres, als eine längerfristige Taktik zu bieten.

Dieses Denken in kurzfristigen Gewinnen ist eine Reflektion dessen, was heutzutage die Welt beherrscht: Quartalsbilanzen. Das Unterteilen der Weltgeschichte in 100-Tage-Happen. Nur so kann die Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel, der schon jetzt Flüchtlingsströme losbrechen und anschwellen lässt, halbwegs logisch erklärt werden. Nur so erschliesst sich einem der Widerwille der Pharmaindustrie, neue Antibiotika zu entwickeln, weil diese keine Riesengewinne versprechen und der Unwille der Politik, diese Industrie dafür zu entschädigen, wenn diese neue Waffen zur Rettung der Menschheit entwickeln würde und diese nicht unmittelbar vermarktet werden könnten.

Zurück nach Iowa. Denn vielleicht sind die dortigen surrealen Resultate ja ein Hinweis darauf, dass unser System seine Bruchlinie erreicht hat, dass das Vorgeben einer Realität, die sich schon lange verabschiedet hat, nicht mehr länger durchgehalten werden kann.

Oder es ist alles nur der endgültige Beweis dafür, dass sich unsere Realität immer weiter in den Irrsinn verabschiedet, während irgendwo, in einem Paralleluniversum, wo es vernünftig zu und her geht, sich die Bewohner nach einer etwas schrägeren Realität sehnen und vor allem danach, dass nicht schon jetzt feststünde, dass wieder Clinton und Bush gegeneinander antreten werden.

Wenn die nur wüssten.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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