Die Rückkehr von Realpolitik?
publiziert: Freitag, 2. Nov 2012 / 11:36 Uhr
Politische Gegner, durch die Realität vereint: Barack Obama, Chris Christie
Politische Gegner, durch die Realität vereint: Barack Obama, Chris Christie

Der Hurrikan «Sandy» hat nicht nur unglaubliche Zerstörung und Leid gebracht, als er nach seinem mörderischen Toben in der Karibik auch an der Ostküste der USA angkam. Er hat auch die Hohlheit der Ideologen entlarvt, welche seit geraumer Zeit die politische Bühne dominieren und Politiker in den Vordergrund treten lassen, die ihre Wählerschaft scheinbar nicht als Stimmvieh ansehen.

5 Meldungen im Zusammenhang
Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, ist ein Polterer, ein lauter, mitunter vulgärer Politiker. Aber auch einer, der wirklich für die Bevölkerung seines Bundesstaates da ist. Dies zeigte sich während der sich anbahnenden Krise wegen des Wirbelsturms Sandy, als er bereits eng mit Präsident Obamas Bundesregierung zusammen arbeitete und sich positiv äusserte. Als die Katastrophe eintraf und die von Obama wieder aufgebaute Katastrophenhilfebehörde FEMA schnelle Hilfe brachte, war Christie voll des Lobes für Obama und dessen Regierung. Dies schickte wahre Schockwellen durch das politische Amerika.

Warum, mag sich nun mancher Fragen. Christie ist nicht nur ein körperliches, sondern auch ein politisches Schwergewicht. Hätte er beschlossen, dieses Jahr Präsidenteschaftskandidat zu werden, Romney hätte zu Hause bleiben und seine Rennpferde striegeln können. Christie ist republikanischer Gouverneur in einem notorisch Demokratisch wählenden Staat. Er regiert dort sehr erfolgreich und zwar zwangsweise in Zusammenarbeit mit den Demokraten, die eine Mehrheit in beiden Häusern des dortigen Parlaments haben.

Seine Popularität und sein Redetalent haben ihm denn auch die «Ehre» beschert, die Grundsatzrede am Nominierungsparteitag zu halten und zwar eine, welche die anwesenden von den Sitzen riss. Natürlich war es eine Rede gegen Obama und seine Regierung. Doch es war auch eine Rede, die zu Zusammenarbeit und Vernunft aufrief, eine Rede, wie sie Romney weder Inhaltlich, noch von der Emotionalität her je hätte halten können.

Wer damals wirklich hinhörte, stellte erstaunt fest, dass hier ein nicht-Ideologe, ein nicht-Demagoge an einem extrem demagogischen Parteitag eine Rede hielt. Dem Mann ging es um die Sache, um die Wähler, nicht um Popularitätspunkte bei irgendwelchen Extremisten der Talk-Radio-Shows.

Als sein Bundesstaat nun getroffen wurde, hatte er keine Probleme mehr, auch die letzten Hemmungen fallen zu lassen, jenem, der erst vor einem Jahr noch der Idee zugestimmt hatte, die Katastrophenhilfe zu Sache der einzelnen Bundesstaaten zu machen und so die FEMA und eine überstaatliche Koordination zu demontieren die kalte Schulter zu zeigen - namentlich 'seinem' Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney - und stattdessen ohne Hemmungen den Präsidenten zu Umarmen, als dieser New Jersey besuchte, um die Schäden persönlich in Augenschein zu nehmen. Und als ein Reporter fragte, was denn mit dem Wahlkampf sei, meinte Christie, der könne ihm gestohlen bleiben.

Als nun auch noch der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, der eigentlich als den Republikanern nahestehend gilt, Obama zur Wiederwahl empfahl, war dies ein weiteres politisches Erdbeben. Und ein Zeichen dafür, wie schwach Romney eigentlich ist.

Romney war ja mal für zentrale Katastrophenhilfe. Dann aber musste er, um den ideologischen Einpeitschern der Republikaner zu gefallen, wie schon bei der Krankenversicherung, eine Kehrtwende machen und das Gegenteil propagieren. Er demonstrierte dabei eine Geschmeidigkeit, die nur durch völliges Fehlen eines Rückgrats erreicht werden kann.

Christie kann so etwas nicht. Er ist das, was man hier als eine Saftwurzel bezeichnen würde. Verankert, Prinzipientreu, Volksnah und durchaus Empathisch. Ein Realpolitiker in dem Sinne als dass er Politik in der täglichen Realität der Bürger verankert sieht. Wenn jemand Hilfe schickt, wenn New Jersey in Not ist, dann ist dies für ihn nichts anderes als ein Grund, diesem Helfer dankbar zu sein, egal aus welcher politischen Ecke er kommt. Andere Republikaner hingegen versuchten bereits, die Hilfe der Katastrophenhilfebehörde als Wahlkampfstunt und politischen Opportunismus zu diskreditieren - doch sie entlarvten dabei nicht den Präsidenten, sondern sich selbst als Polizyniker, die scheinbar lieber Menschen sterben sähen als dass von politisch nicht opportuner Seite Hilfe geleistet würde.

Man mag mit Obama unzufrieden sein, doch es ist ihm hoch anzurechnen, dass er gegen die Widerstände der Konservativen die Katastrophenhilfe in den USA wieder auf den Stand eines entwickelten Landes gebracht hat. Dass die Klugheit dieser Entscheidung auch nach der Katastrophe namens Sandy so manchem ideologischen Hardliner nicht einleuchet, ist hingegen entlarvend und hoffentlich schädlich für diese Schreihälse - und zwar so schädlich, dass diese in den letzten Jahren dominierende politische Idiotie endlich wieder in die Schranken gewiesen und auch auf dem demagogischen Schlachtfeld USA wieder Realpolitik betrieben werden kann, die den Menschen und nicht nur manchen Interessengruppen dient.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
1
Forum
Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von einer Leserin oder einem Leser kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Washington - US-Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney haben noch einmal alles gegeben, um bei der ... mehr lesen
Es bleibt beim Kopf-an-Kopf-Rennen.
Barack Obama mit Chris Christie: Eine neue Partnerschaft?
CNN-News Während Millionen Amerikaner mit der vorzeitigen Stimmabgabe begannen, zwang der verheerende Sturm, der diese Woche ... mehr lesen
Washington - Der parteilose New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg hat zur Wiederwahl von Präsident Barack ... mehr lesen
Auch an Obama äusserte Bloomberg deutliche Kritik. (Archivbild)
Mitt Romney widmet sich wieder dem Wahlkampf.
Washington - Nach dem verheerenden Durchzug von Hurrikan «Sandy» konzentriert ... mehr lesen
Realpolitik
genau, Herr Etschmeyer schreiben sie, wie es ist! Wir können nur hoffen, dass der menschennahe Obama, seine Frau mit gemeint, Präsident bleiben wird. Romney nein, der darf,mit seinen üblen Bemerkungen gegen arme Menschen , der auch sonst oft daneben trifft, darf doch nicht ein Land führen wollen, und dabei nur an sich und seine Partei denkt, sich für Reiche einsetzt.
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der ...
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle laut einem Geheimplan daher ein volksnaher Alternativvorschlag vor den Wahlen als Killer-Argument gegen die Initiative publik gemacht werden. Dass dieser noch nicht öffentlich ist, liegt mal wieder am Geld. mehr lesen 
Ja zur Asylgesetzrevision und Nein zur Milchkuh-Initiative La Chaux-de-Fonds NE - Die SP Schweiz sagt Ja zum revidierten ...
Bei Service-Public-Betrieben soll Gewinn nicht im Zentrum stehen Bern - SBB, Post und Swisscom sollen nicht wie private ...
Breiter Widerstand gegen «Pro Service public» Bern - Ein Ja zur Initiative «Pro Service public» würde aus Sicht der Gegner ...
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und ... mehr lesen  
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Ende der Ära Rousseff? Bern - Für Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff könnte der letzte Tag als Staatschefin angebrochen sein. Der Senat des Parlaments kam am Mittwoch ...
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat zugenommen.
Shopping 62 Franken pro Kopf für fair gehandelte Produkte Zürich - Schweizerinnen und Schweizer haben 2015 für 520 Millionen Franken fair gehandelte Produkte mit dem Label Max Havelaar eingekauft. Den ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Mao-Büsten aus der Zeit der Kulturrevolution: «Sonne des Ostens» und Halbgott.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Wettbewerb
   
Die Alp Grosser Mittelberg im Justistal.
Viel Glück  Die Alpsaison steht vor der Tür. Damit Wanderfreunde den Weg zu den schönsten Alpbeizli finden, haben wir ein Gewinnspiel parat.
Mitmachen und gewinnen.  Rechtzeitig zur Premiere von «The First Avenger: Civil War» verlosen wir zwei Fan-Pakete mit jeweils zwei Kinoeintritten.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute So Mo
Zürich 14°C 25°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig viele Gewitter bewölkt, etwas Regen
Basel 14°C 25°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Gewitter möglich stark bewölkt, Regen
St. Gallen 15°C 23°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft bewölkt, etwas Regen
Bern 14°C 24°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig stark bewölkt, Regen stark bewölkt, Regen
Luzern 14°C 24°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft bewölkt, etwas Regen
Genf 13°C 25°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Gewitter möglich stark bewölkt, Regen
Lugano 16°C 23°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Gewitter möglich Gewitter möglich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten