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«Die Sonne des 21. Jahrhunderts»
publiziert: Dienstag, 27. Dez 2011 / 09:00 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 27. Dez 2011 / 14:09 Uhr
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20 Jahre auf die Machtübername vorbereitet: Kim-Jong il neben Gründervater Kim-Il sung.
20 Jahre auf die Machtübername vorbereitet: Kim-Jong il neben Gründervater Kim-Il sung.

Noch bis im September letzten Jahres kannte ihn niemand. Auch in Nordkorea nicht. Jetzt soll der noch nicht einmal dreissig Jahre alte Kim Jong-un Nachfolger seines Vaters Kim Jong-il werden.

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Nachfolger vom vor einer Woche wegen «Überarbeitung» verstorbenen Diktator, Alleinherrscher über ein verarmtes Land, dem Halbgott und Nachfolger des 1994 verstorbenen Gründervaters der Nation, des «Präsidenten in alle Ewigkeit» und des vom Volk wie ein Gott Verehrten. Wird es Kim Jong-un, dem dritten Spross der Kym-Dynastie, gelingen die Macht zu erobern und zu behalten? Und falls ja, was sind die Folgen für die koreanische Halbinsel, Ostasien und die Welt?

Vor etwas über einem Jahr erhielten Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner zum ersten Mal Gelegenheit, den jungen Kim auf einem Photo kennenzulernen. Wenig später nahm er an der Seite des «Geliebten Führers» eine grosse Militärparade ab. Sofort ist südkoreanischen Experten die Ähnlichkeit des jungen Kim mit seinem Grossvater Kim Il-sung aufgefallen. Sofort hiess es dann in diesen Kreisen, Kim Jong-un sei unter dem Messer von Schönheits-Chirurgen zur Kopie seines in Nordkorea wie ein Gott verehrten Grossvaters geworden.

Diese Gerüchte und On-dits sind typisch bei der Beurteilung des fast hermetisch nach Aussen abgeschlossenen Landes. Wie einst bei der Einschätzung der Sowjetunion und des maoistischen China ist wenig bis nichts gesichert. Selbst der südkoreanische, japanische und amerikanische Geheimdienst wurden vom Tod Kim Jong-ils überrascht. Auch die befreundeten Chinesen sind nicht viel klüger über die Interna Pjöngjangs.

Mit Erstaunen, ja Unverständnis werden im Ausland und insbesondere im Westen die Bilder der trauernden, weinenden und schluchzenden Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner betrachtet. Alles Propaganda, heisst es dann schnell. Nicht ganz. Nordkorea nämlich lässt sich nicht nur wie im Westen üblich als stalinistischer Staat interpretieren sondern vielmehr als eine Nation mit konfuzianischen Wurzeln. Weinen und Schluchzen ist beim Tod, vor allem des Vaters, ein akzeptierter Teil der konfuzianischen Kultur, selbst in Südkorea. Kommt dazu, dass seit gut sechzig Jahren der extreme Personenkult um Vater Kim Il-sung und Sohn Kim Jong-il eine proto-religiöse Aura geschaffen haben.

Nicht von ungefähr hatte ich bei meinen Besuchen in Nordkorea immer wieder das Gefühl, mich in einer riesigen Sekte zu bewegen. Elias Canettis wegweisendes Buch «Masse und Macht» gibt weitere Hinweise.

Ob der junge Kim Jong-un die Macht wirklich erringen wird, ist derzeit eine weit offene Frage. Die Propaganda jedenfalls wird derzeit nicht müde, die Machtergreifung bereits als Fait accompli darzustellen. Kim Jong-un wird am Fernsehen im Kumsusan-Mausoleum gezeigt, wie er an der Seite von hochrangigen Militärs um seinen in einem von Chrysanthemen und Komjongilia (eine nach dem «Geliebten Führer» benannte Blume) umgebenen Glassarg liegenden Vater trauert. Der junge Kim wird bereits als «Sonne des 21. Jahrhunderts», als «Oberkommandierender», als «der vom Himmel Gesandte», als «Geliebter Junger General» und als der «Grosse Nachfolger» apostrophiert. Das Volk wird aufgefordert, sich um «die Führerschaft von Genosse Kim Jong-un zu scharen». In weiteren Lobhudeleien heisst es in einer Verlautbarung der offiziellen Nachrichtenagentur KNCA: «An der Frontlinie unserer Revolution steht Genosse Kim Jong-un, der grosse Nachfolger der Juche-Revolution (Juche: Selbstgenügsamkeit) und der ausserordentliche Führer von Partei, Militär und Volk. Kim Jong-un ist die geistige und ideologische Säule unserer Revolution».

Aus dieser Propaganda-Offensive lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen, nämlich dass die schmale Elite, deren Privilegien von der Kim-Dynastie abhängen, an einer Fortsetzung des Status quo interessiert ist. Wer wirklich die Macht ausübt, ist eine Frage der Interpretation. Kim Jong-un ist erst vor rund fünfzehn Monaten von seinem Vater Kim Jong-il zum Vier-Stern-General, zum Mitglied des Zentralkomitees der Koreanischen Arbeiterpartei sowie zum Vize-Vorsitzenden der alles entscheidenden Zentralen Militärkommission ernannt worden. Seither wurde er in den nordkoreanischen Medien immer an der Seite seiner Vaters gezeigt. Kim Jong-il selbst wurde fast zwanzig Jahre von Kim Il-sung auf seine Aufgabe vorbereitet. Kein Vergleich zu den knapp anderthalb Jahren, die Kim Jong-un verblieben, um in Partei und Armee sich eine Gefolgschaft zu sichern.

Aber auch der «Geliebte Führer» musste nach dem Tod von Kim Il-sung 1994 drei Jahre warten, bis er alle Ämter seines Vaters in Staat, Partei und vor allem Militär formell besetzen konnte. Beim jüngsten Kim wird es vermutlich ähnlich lang gehen. Derzeit ist Kim Jong-un Vorsitzender des 200-köpfigen Komitees für die Trauerfeiern am 28. Dezember, ein Hinweis darauf, dass er schon einige Macht auf sich vereinigt hat. Die meisten Pundits und Experten gehen aber davon aus, dass der 28 oder 29 Jahre alte Thronfolger von einem engen Kreis aus Familie und Militär beraten und gelenkt wird. Allen voran die Schwester des Verstorbenen, Vierstern-General Kim Kyong-hui und ihr höchst einflussreicher, 65 Jahre alter Ehemann Jang Song-thaek. Jang wurde zusammen mit Kim Jong-un im Kumsusan-Palast am Glassarg Kim Jong-ils gezeigt, erstmals in Uniform. Das ist nach Experten ein sicheres Anzeichen dafür, das Jang - wie der junge Kim Vizevorsitzender der Zentralen Militärkommission der Arbeiterpartei - eine wichtige Funktion als Tutor oder als Regent zukommen wird. Zum engsten Kreis soll auch der 65 Jahre alte Vize-Marschall und Genralstabschef Ri Yong-he gehören. Zum weiteren Machtzirkel zählen zudem der 65-jährige Generalleutnant Kim Yong-chol, Chef des militärischen Geheimdienstes und Mentor des neuen Machthabers, sowie der 81-jährige Premierminister Choe Yong-rim und das 83-jährige Politbüromitglied Kim Yong-nam.

Über den Charakter des jüngsten Sprosses der Kim-Dynastie ist wenig bekannt. Nordkorea-Experten meinen jedoch, dass er so intelligent, genusssüchtig, durchsetzungsfähig und skrupellos wie sein Vater Kim Jong-il sei. Nicht von ungefähr mehren sich denn Gerüchte, vor allem aus Quellen von nordkoreanischen Flüchtlingen in Südkorea, dass der neue Machthaber bereits in grossem Stile Verhaftungen und Exekutionen zur Machtsicherung befohlen habe, genau so wie es sein Vater 1994 nach dem Tode Kim Il-sungs getan hat. Verifizierbar aber sind solche Gerüchte nicht.

Bis sich der Nebel über Nordkorea und mithin über die weltpolitisch wichtige Region Ostasien lichtet, werden Wochen, wenn nicht Monate oder Jahre vergehen. Die Grossmächte USA und Japan, aber auch das Nachbarland China sowie Südkorea sind am Status Quo interessiert. Aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt wegen des nordkoreanischen Atomprogramms und der strategischen Lage Nordkoreas als Pufferstaat. Dass es im wirtschaftlich am Boden liegende Nordkorea zu schnellen Reformen in chinesischem Stil kommen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Einige Ökonomen meinen zwar, dass Kim Jong-un - weil zum Teil im Ausland, u.a, in einer Schweizer Schule erzogen - eher reformfreundlich sei. Doch baldige Reformen wären eine Kritik am Kurs seines Vaters, also unwahrscheinlich. Nordkorea wird weiter hungern.

Diplomaten, Pundits und Ökonomen werden in naher Zukunft einige Daten in ihrem Kalender rot anstreichen. Am 28. Dezember finden in Pjöngjang die Trauerfeiern statt, am 8. Januar wird Kim Jong-un entweder 28 oder 29 Jahre alt, am 16. Februar wäre der jetzt verstorbene «Geliebte Führer» siebzig Jahre alt geworden und - dies vor allem - am 15. April feiert Nordkorea den hundertsten Geburtstag von Staatsgründer und Halbgott Kim Il-sung. Bis zu diesem Datum soll - so die Propaganda - Nordkorea eine «prosperierende, aufstrebende Grossmacht» sein. Die internationale Gemeinschaft und das hungernde koreanische Volk kann sich jedenfalls auf einige Überraschungen gefasst machten.

(Peter Achten/news.ch)

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