Trayvon Martin
Die USA eine «Nation von Feiglingen» oder ein «Rechtsstaat»?
publiziert: Freitag, 19. Jul 2013 / 13:20 Uhr
Trayvon Martin: Sein Todesschütze ist ein freier Mann.
Trayvon Martin: Sein Todesschütze ist ein freier Mann.

Ein Urteil spaltet Amerika: Der US-Präsident und der Justizminister sind Afroamerikaner, doch nach der Urteilsverkündigung im Mordfall des schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin äussern sich beide diese Woche sehr zurückhaltend und ganz unterschiedlich.

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«Wir sind ein Rechtsstaat und die Jury hat ihr Urteil gesprochen», liess Obama in einer schriftlichen Stellungnahme verkünden. «Ich rufe jeden einzelnen Amerikaner dazu auf, den Wunsch der Eltern zu respektieren, die ihren jungen Sohn verloren haben und nun Besonnenheit fordern.»

Beim jungen Sohn des Paares handelte es sich um den 17-jährigen Trayvon Martin, der im Februar letzten Jahres vom freiwilligen Nachbarschaftswachmann George Zimmerman erschossen wurde.

Zimmerman (28), der einen weissen Vater und eine hispanische Mutter hat, gab zu Protokoll, dass er den unbewaffneten Teenager aus Notwehr erschossen habe, da er in einer Auseinandersetzung mit dem Jungen um sein Leben fürchtete. Die Polizei, die den Fall untersuchte, zögerte lange, ob sie Zimmerman überhaupt anklagen solle. Als es schliesslich zum Prozess kam, wurde die Gerichtsverhandlung landesweit im Fernsehen übertragen − einschliesslich des Freispruchs diese Woche durch die Geschworenen des Gerichts in Florida.

Nach wie vor sind nicht alle Einzelheiten des Tathergangs geklärt; die Anwälte stritten vor Gericht über die Abfolge der Ereignisse. Augenzeugen gab es keine.

Mord mit bedingtem Vorsatz

Auch der rechtliche Kontext war verwirrend. Zimmerman wurden zwei Straftaten zur Last gelegt: Mord mit bedingtem Vorsatz − der übliche Vorwurf, wenn die Tat nicht vorsätzlich geschehen ist − sowie Totschlag, der oft mit fahrlässiger Tötung einhergeht.

In Florida gibt es zudem ein umstrittenes Gesetz, das es Bürgern erlaubt, aus Notwehr zu töten, sollten sie das Gefühl haben, in Lebensgefahr zu schweben. Doch der Fall rührt an einem der sensibelsten Themen der amerikanischen Psyche: Rassismus, Gewalt und die Ungleichbehandlung von schwarzen und weissen Bürgern vor Gericht.

In den Tagen seit dem Freispruch kam es in vielen Städten zu Demonstrationen; es gab hitzige Diskussionen im Radio und in unzähligen Haushalten wurden heftige Debatten beim Abendessen geführt. Die Geschworenen haben sich in den Medien gestritten und Sänger Stevie Wonder kündigte an, Florida so lange zu boykottieren, bis der Bundesstaat sein Notwehr-Gesetz abschaffe.

Letztes Jahr sprach Obama über seine eigenen Gefühle auf eine Art und Weise, die viele Afroamerikaner Amerikas berührte: «Hätte ich einen Sohn, er sähe aus wie Trayvon Martin.»

Doch nach dem Freispruch diese Woche nahm der Präsident nur mit einer kurzen, mit Bedacht formulierten Erklärung zu dem Urteil Stellung.

«Ich weiss, dass dieser Fall heftige Emotionen ausgelöst hat. Und ich weiss, dass diese Emotionen angesichts des Urteils noch heftiger werden könnten», schrieb er. «Wir sollten uns fragen, als Individuen und als Gesellschaft, wie wir in Zukunft Tragödien wie diese verhindern können. Als Bürger obliegt uns allen diese Aufgabe. Das ist der richtige Weg, um Trayvon Martin Anerkennung zu erweisen.»

Justizminister Eric Holder, der wie Obama als erster Afroamerikaner diesen Posten innehat, könnte direkt auf das weitere Vorgehen im Fall Zimmerman Einfluss nehmen.

Kein Amerikaner kann zweimal wegen des gleichen Verbrechens angeklagt werden. So prüft das Justizministerium nun, ob andere Anklagepunkte gegen Zimmerman vorgebracht werden können.

Verbrechen aus Hass

Zimmerman könnte zum Beispiel angeklagt werden, wenn man davon ausgehen würde, dass er den Jungen wegen seiner Hautfarbe erschossen habe und es sich um ein «Verbrechen aus Hass» gehandelt habe.

Menschenrechtsorganisationen haben Onlinepetitionen ins Leben gerufen, mit denen sie neue Anklagepunkte durchsetzen wollen. Innerhalb weniger Tage konnten sie mehr als eine Million Unterschriften sammeln.

Holder hat bereits angedeutet, dass ein erneutes Verfahren unwahrscheinlich sei, da die Gesetze auf Bundesebene diese Möglichkeit fast ausschliessen würden. Und so liess er in einer Rede diese Woche auch völlig offen, ob man neue Anklagepunkte gegen Zimmerman vorbringen wird. Doch ansonsten zeigte er sich bei seinen Äusserungen bei Weitem nicht so zurückhaltend wie Obama.

Er sagte, der Fall erinnere ihn an «eine Reihe von Erfahrungen, die ich als junger Mann selbst gemacht habe. Zum Beispiel wurde ich zweimal auf den Strassen New Jerseys von der Polizei angehalten. Mein Auto wurde durchsucht, obwohl ich sicher nicht zu schnell gefahren bin. Ein anderes Mal wurde ich von einem Polizisten aufgehalten, als ich gerade in Georgetown, Washington, auf dem Weg zu einem Film war und mich beeilen musste, da ich zu spät dran war. Zu dieser Zeit war ich bereits Bundesanwalt.»

Holder bezeichnete die USA einmal als eine «Nation von Feiglingen», da das Land seine Rassenprobleme verdränge und nicht darüber spreche. Diese Woche forderte er erneut einen Dialog über das Thema in der Öffentlichkeit.

Obama hingegeben nannte die USA diese Woche einen «Rechtsstaat».

Zwei Männer, zwei unterschiedliche Ansichten über ein Land, zwei unterschiedliche Ansichten in einem beunruhigenden Fall.

Über Jonathan Mann:
Jonathan Mann ist Moderator und Korrespondent bei CNN International. Er berichtet regelmässig aus der Zentrale des Nachrichtensenders in Atlanta und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Print-, Radio- und TV-Journalismus. Seine Kolumne steht in der Schweiz exklusiv für news.ch zur Verfügung.

(Kolumne von Jonathan Mann/CNN-News)

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