Die Welt auf Ölentzug
publiziert: Sonntag, 31. Okt 2010 / 12:49 Uhr
Das schwarze Gold von der Tankstelle: Irgendwann geht das Erdöl aus.
Das schwarze Gold von der Tankstelle: Irgendwann geht das Erdöl aus.

Unsere Wirtschaft läuft mit Erdöl. Doch irgendwann geht uns das Erdöl aus. Wann genau, kann niemand sagen. Für die Umwelt mag das ein Segen sein, für unsere Gesellschaft allerdings eine Katastrophe, falls die Politik nicht frühzeitig Gegenmassnahmen beschliesst.

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Kiwis aus Neuseeland. Wein aus Chile, T-Shirts aus Bangladesh und Fernseher aus Südkorea: Wir kriegen alles, und wir kriegen es billig. Dass die Waren von der anderen Seite der Welt für so wenig Geld zu haben sind, liegt vor allem am günstigen Erdöl. Jedes Containerschiff, jedes Transportflugzeug und jeder LKW verbrennen Unmengen an Diesel oder Kerosin, bis sie ihre Güter in den Coop und die Migros gebracht haben. Daher gilt: Je teurer das Erdöl, desto teurer die Kiwi.

Der Erdölpreis entsteht durch das Spiel von Angebot und Nachfrage. Wird viel Erdöl gefördert, sinkt der Preis auf dem Weltmarkt. Wenn der Bedarf an Öl steigt, dann geht der Preis nach oben. Dass die Nachfrage in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen wird, ist absehbar, da China, Indien und andere Schwellenländer in rasantem Tempo wachsen. Die Menschen in Shanghai und Kalkutta können sich Autos leisten und wollen auch den Treibstoff, um damit zu fahren.

Pumpen auf Pump

Auf der anderen Seite ist unklar, wie lange das Angebot noch erhöht werden kann: Erdöl ist kein erneuerbarer Rohstoff und somit irgendwann aufgebraucht. Die Quellen versiegen nicht auf einen Schlag, sondern geben Jahr für Jahr weniger Öl ab. Es werden zwar laufend neue Erdölfelder entdeckt, doch enthalten diese nicht annähernd so viel Öl, wie wir momentan verbrauchen. Wir verbrennen 30 Milliarden Barrel (1.5 Billionen Liter) pro Jahr und finden momentan bloss rund 10 Milliarden Barrel in neuen Quellen. Das heisst, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt die Ölförderrate sinken wird: Wir erreichen den sogenannten Peak Oil. Manche Autoren glauben, dass wir diesen Scheitelpunkt erst nach 2030 erreichen, andere gehen davon aus, dass wir ihn gerade überschreiten. Am Grundproblem ändert dies jedoch nichts.

Wenn die Nachfrage zu- und gleichzeitig das Angebot abnimmt, steigt der Erdölpreis rasant an. Eine Kiwi kostet dann vielleicht nicht mehr 70 Rappen, sondern 5 Franken. Doch es steht noch viel mehr als der sonntägliche Fruchtsalat auf dem Spiel. Die ganze Weltwirtschaft funktioniert dank dem schwarzen Gold. In der Schweiz werden rund 60 Prozent des Energieverbrauchs durch Erdöl gedeckt, wobei Autos und Heizungen den Löwenanteil ausmachen. Wenn sich die Preise für Benzin und Heizöl massiv erhöhen, trifft uns das sehr direkt. Wir können uns das Auto nicht mehr leisten. Unsere Mobilität nimmt ab, da auch das Eisenbahnnetz nicht von einem Tag auf den anderen alle Autofahrer mitbefördern kann. Neben den hohen Heizkosten bleibt viel weniger Geld übrig für Nahrungsmittel, Kleidung, Uhren oder iPhones. Unser Wohlstand sinkt.

Der Markt reagiert zu spät

Zwar führt ein hoher Ölpreis dazu, dass es sich lohnt, effizientere Autos und Häuser zu entwickeln und auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen. Der Wandel kommt daher auch ohne politische Unterstützung, nur kommt er viel zu spät. Der Hirsch Report kommt zum Schluss, dass man in den USA zwanzig Jahre vor dem Peak Oil mit der Umstellung beginnen muss, um die schlimmsten wirtschaftlichen Schäden zu verhindern. In Europa sieht die Lage nicht ganz so schlimm, aber immer noch düster genug aus.

Hier kommt die Politik ins Spiel, da der Markt eine solche Veränderung erst nach dem Peak Oil einleiten kann, wenn es bereits zu spät ist. Es braucht schärfere Bestimmungen für die Energieeffizienz, eine schrittweise Erhöhung der Benzinsteuer und einen gleichzeitigen Ausbau des öffentlichen Verkehrs, um die Mobilität sicherzustellen. Man kann die Abgaben auf Offroader erhöhen und Hybridfahrzeuge subventionieren. Auf der anderen Seite kann die Schweiz (und Europa) die Energie aus Erdöl nicht so leicht durch erneuerbare Energien ersetzen. Wir können daher kaum auf neue Atomkraftwerke verzichten, da wir die Energieausfälle ansonsten mit Erdgas oder Kohle kompensieren müssen, was wiederum die Umwelt stark belastet.

Jenseits von rechts und grün

Da niemand weiss, wann dieser Peak Oil eintritt, könnte man die Wirtschaft auch zu schnell und zu radikal umstellen. Die Kosten eines zu frühen Umstiegs sind zwar gross, aber nichts im Vergleich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch, der droht, wenn die Politik die Entwicklung verschläft. In der Schweiz spricht zwar jeder von Umweltschutz, doch scheint kaum jemand zu interessieren, was passiert, wenn uns das Öl ausgeht. Dabei sollten insbesondere diejenigen Politiker, welche sich die Autonomie der Schweiz auf die Fahne geschrieben haben, unserer Erdöl-Abhängigkeit skeptisch gegenüberstehen und den öffentlichen Verkehr fördern. Diese Umstellung erfordert also ein Denken, dass sich nicht am bisherigen links-rechts-Schema orientiert: Unsere Zukunft und unser Wohlstand betreffen schliesslich uns alle.

(tink.ch/André Müller/)

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im Westen nichts Neues,
im Süden, Osten und Norden hoffentlich auch nicht.
Mittlerweilen dürfte sich bis in die hintersten Winkel herumgesprochen haben, dass Öl nicht unerschöpflich zur Verfügung steht.

Aus der Frage, wieviel Zuwanderung die Schweiz verkraften kann, stellt sich m. E. aufgrund der gehäuften Forderung nach mehr öffentlichem Verkehr doch auch die, wieviel Bahn die Schweiz verträgt, und woher der dafür benötigte Strom - und das Geld - kommen soll.

Aufgrund von Einsprachen und der Tatsache, dass die Kapazitätsgrenze des bestehenden Schienennetzes erreicht ist, stehen wir hier vor einem noch nicht gelösten Problem.

Wollen wir denn nebst bald zubetoniertem Voralpenraum auch noch zusätzlich vergleiste Landschaften?

Unsere Zertreter in Bern und die Journis müssten sich auch mal mit solchen Fragen auseinandersetzen.

Ich höre und lese inzwischen fast ununterbrochen Forderungen nach mehr ÖV - höre oder lese aber wenig bis nichts darüber, wie dies zu bewerkstelligen sein soll.

Noch mehr Fahrgäste in den bereits jetzt in Stosszeiten hoffnungslos vollgepfropften S-Bahnen verträgt's ja wohl kaum ...

Der Strassenverkehr liesse sich wahrscheinlich nur nach dem Vorbild Asiens eindämmen - dass nur eine Zulassung erhält, wer einen Prkplatz nachweisen kann.
Die verwaisten Autobahnen könnten dann zu Bahntrassees umfunktioniert werden - aber aus den Leitplanken kommt kein Strom.
Touristen werden aber wohl kaum zu Pferd oder in der Kutsche in die Schweiz kommen wollen - und Gütertransporte per Fuhrwerk?

Im Bereich der (Gebäude-)Heizungen gibt es bereits genügend brauchnbare Alternativen - aber eben, solange genug Öl fliesst, und genug Leute mehr als genug daran verdienen ...

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