'Die alten Zeitungen nutzen das Netz nicht'
publiziert: Montag, 6. Jun 2005 / 10:43 Uhr / aktualisiert: Montag, 6. Jun 2005 / 10:59 Uhr

Zürich - Der 28-Jährige Sandro Feuillet wettert auf der Website ignoranz.ch gegen die SVP, gegen Umweltsünder und Rassisten und ist einer der ersten politischen Weblogger der Schweiz.

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ignoranz.ch

www.ignoranz.ch/

"Natürlich ist alles auf ignoranz.ch etwas überspitzt. Aber ich wollte mal zeigen, dass man nicht nur von rechts mit grossen Buchstaben politisieren kann - wie die SVP. Das geht auch von links."

Sandro Feuillet sitzt am runden Holztisch in der Zürcher Altstadtwohnung seiner Freundin. Er hat Arbeitshemd und -hose ausgezogen. Nun trägt er khaki Shorts, ein khaki Hemd mit dünnen weissen Streifen und seine Füsse stecken in offenen khaki Hausschuhen. Er redet viel mit seinen Händen und weiss manchmal nicht genau, wohin mit ihnen. Kürzlich hat er mit dem Rauchen aufgehört.

"Eigentlich bin ich ein ruhiger Mensch", sagt er und faltet seine Hände. "Wenn ich diskutiere, werde ich nicht so laut, wie man das aus den ignoranz.ch-Texten schliessen könnte."

"Ökoterror" und "Rassismus"

Sandro Feuillet will mit seinem Polit-Blog aufklären, informieren und aufrütteln. Aber vor allem die Möglichkeiten nutzen, die ihm das Netz gibt. Er schreibt über "Ökoterror", "Rassimus bei der SVP" und "politische Geschmacklosigkeiten". Anregungen für seine täglichen Kommentare findet er auf dem Weg zur Arbeit bei der Morgenlektüre des Tagesanzeigers oder am PC-Arbeitsplatz in einem seiner abonnierten RSS-Feeds.

Als Software-Entwickler und Techniker beim Telekommunikationsanbieter sunrise fühlt sich Sandro Feuillet wohl im Internet und ist dauernd auf der Suche nach neuen Technologien und Kommunikationswegen. Von der RSS-Techonologie ist er begeistert. Mit deren Hilfe können sich Nutzer von Websites die Nachrichten-Kategorien ihrer Wahl zusammenstellen.

"Meine ganz persönliche Zeitung"

"Hätte ich die Möglichkeit, würde ich mir meine ganz persönliche Zeitung zusammenstellen. Den Stadt- und Kultur-Bund vom Tagesanzeiger, den Wirtschaftsteil von der NZZ, und den Inlandsteil von weiss ich woher", fantasiert er. Er findet ganz allgemein, dass die "alten" Zeitungen, und meint damit die Printmedien der Schweiz, das Internet nicht richtig nutzen. "Die wenigsten arbeiten beispielsweise mit Hyperlinks."

Den Anstoss für ignoranz.ch fand Sandro Feuillet nach der Abstimmung zur vereinfachten Ausländer-Einbürgerung im Herbst 2004. "Die SVP hat damals so viel Mist erzählt, da haben ich und ein Kollege gedacht: 'Jetzt müssen wir selber etwas machen!'" Sandro Feuillet ist Mitglied der Grünen Partei, aber parteipolitisch ist er nicht aktiv. ignoranz.ch kann so als ein kleiner politischer Beitrag seinerseits gesehen werden.

Seit Herbst 2004 sind nun über 200 Einträge zusammen gekommen. Eine beachtliche Anzahl. Er wendet dafür 3 bis 6 Stunden wöchentlich auf. "Wenn meine Arbeitskollegen eine Rauchpause machen, dann pflege ich meinen Blog", sagt Sandro Feuillet. Er opfert hie und da auch eine Mittagspause, wenn ihn eine Sache tief beschäftigt.

Keine Politik im Schweizer Internet

Die Möglichkeit von Lesern, direkt auf Meinungen eines Bloggers zu reagieren und diese zu kommentieren, ist zentral für Weblogs. Auf ignoranz.ch gibt es erst wenige Leser-Einträge. "Es sind immer etwa die gleichen 10 bis 15 Leute, die meine Einträge kommentieren." Keine sehr grosse Zahl. Insgesamt hat er täglich circa 200 bis 300 Leser. Sandro Feuillet weiss: "Politik ist im Schweizer Internet noch kein sehr grosses Thema."

Tatsächlich haben die wenigsten Schweizer Politiker Weblogs als politisches Medium entdeckt. Ganz im Gegensatz zu den Kollegen im Ausland. In England und vor allem in den USA nutzen vom Regionalpolitiker bis zum Spitzenpolitiker – wie Howard Dean oder Tony Blair – das Internet, um mit ihren Wählern zu kommunizieren. In der Schweiz gibt es ganz wenige Beispiele von Bloggern. So etwa die FDP-Politikerin Isabelle Moret im Waadtland, die vor den Nationalratswahlen im letzten Jahr fleissig bloggte.

Skepsis gegenüber Politik im Internet beobachtet Sandro Feuillet beispielsweise an seinem Vater Dominique Feuillet, dem SP-Gemeinderat der Stadt. "Er hat seine Homepage nur, damit er sie hat." Er nutze sie nicht als politisches Kommunikationsmittel.

Jüngere Politiker würden sich aber immer mehr dem Internet zuwenden, so Sandro Feuillet. "Der Sekretär der Zürcher SVP, Claudio Zanetti, meldete sich kürzlich per E-Mail bei mir, um mich in meinem Weblog zu berichtigen", sagt Sandro Feuillet. Er lehnt sich dabei vom runden Tisch zurück und verschränkt seine Arme vor der Brust.

Vielleicht hat Sandro Feuillet Recht. Zanettis Aufmerksamkeit für die sehr SVP-kritische Website ignoranz.ch könnte wirklich darauf hindeuten, dass das Internet dereinst auch in der Schweiz als politisches Medium erkannt wird.

(Barnaby Skinner/news.ch)

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