Die gefühlte Schweizer Niederlage
publiziert: Samstag, 6. Sep 2008 / 23:55 Uhr

Ein 2:2 in Israel ist unter normalen Umständen kein schlechtes Resultat für den Auftakt einer WM-Qualifikation. Wer aber wie die Schweizer Fussballer in den letzten 19 Minuten eine 2:0-Führung verspielt, der wird den Start als Enttäuschung zu werten haben. Den Ausgleich durch Ben Sahar handelte sich die SFV-Auswahl in der 92. Minute ein.

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Den letzten Ansturm glaubten die Schweizer überstanden zu haben. Einen weiteren gefährlichen Eckball wehrten sie ab, ehe ihnen auf der rechten Abwehrseite die Orientierung abermals entglitt. Ohayon, der frühere Winterthurer, passte zur Mitte, wo Joker Ben Sahar die zweite hochprozentige Offerte nicht mehr ausschlug.

Für die Israeli endete ein Abend, der für sie denkbar ungünstig begonnen hatte, im Glücksdelirium. Für die Schweizer hingegen fühlte sich das Remis unmittelbar nach dem Schlusspfiff wie eine Niederlage an. «Wir haben zwei Punkte verschenkt», beschönigte Nationalcoach Ottmar Hitzfeld in einer ersten Analyse das Remis nicht. Vor der Partie hätte er gegen ein Unentschieden in Tel Aviv zweifelsfrei nichts einzuwenden gehabt, nach dem ersten Spieltag hingegen konnte ihn das Remis aus verständlichen Gründen nicht mehr zufriedenstellen.

Hitzfeld enttäuscht

«Ich bin enttäuscht, dass wir nicht drei Punkte holten. Wir waren sehr nahe dran. Lange kontrollierten wir das Spiel gut. Nach dem 1:2 riskierten die Israeli aber alles, und wir verteidigten nur noch. So kamen wir natürlich gewaltig unter Druck», beschrieb Hitzfeld das späte Abdriften seiner Mannschaft. Vor allem über den letzten kapitalen Fehler der Abwehr vor dem 2:2 ärgerte sich der Deutsche: «Wir liessen uns nach einem abgewehrten Eckball auf der Seite ausspielen. Das müssen wir ansprechen.»

Benayouns Einfluss

Den Einbruch der Schweizer leitete (wie beim 2:2 vor vier Jahren) Yossi Benayoun ein. Als der während der gesamten Spielzeit kaum zu stoppende Liverpooler in der 73. Minute eine weitere Unachtsamkeit Lichtsteiners zum 1:2 nutzte, fanden die zuvor von den Schweizern verblüffend gut kontrollierten Israeli in der Grossraum-Sauna von Tel Aviv eine zweite Luftquelle. Mit vereinten Kräften belagerten sie nun die gegnerische Zone, traten einen Corner nach dem anderen - bis zum für die Equipe Hitzfelds bitteren Ende.

Der unnötige Schlusspunkt soll den weitgehend positiven Auftritt der Schweizer nicht komplett überschatten - vor allem Hakan Yakins Vorstellung nicht. All jene, die Yakin nach dessen Transfer in die Wüste von der sportlich relevanten Bühne verabschiedet hatten, werden ihre (voreiligen) Kommentare grundlegend revidieren müssen. Eine einzige geniale Szene genügte Yakin zur Widerlegung der Skeptiker, die am Formstand des dreifachen EM-Torschützen gezweifelt hatten. Sekunden vor der Pause zirkelte er einen Freistossball aus 20 m Entfernung unhaltbar via Lattenunterkante ins Tor.

Mit dem 1:0 versetzte Yakin den Kontrahenten ein erstes Mal in einen kollektiven Schockzustand. In der 55. rückte die Nummer 10 der Schweiz abermals in den Mittelpunkt. Yakins präzise Freistossflanke schloss Blaise Nkufo perfekt mit dem Kopf ab. Immer wieder stand Yakin am Ursprung guter Szenen. Dass er beim Ausgleich nicht mehr auf dem Platz stand, ist wohl mehr als eine Randnotiz wert. Seine Qualität, den Ball auch mal abzuschirmen, vermissten die Schweizer in der Schlussphase.

Nkufo hatte mit dem 2:0 eine erste heikle Passage der Partie entschärft. In den Minuten vor dem entscheidenden Treffer hatten die Schweizer das Wettkampfglück mehrfach beansprucht. Der eingewechselte Portsmouth-Professional Ben Sahar hob den Ball solo vor Diego Benaglio lediglich einige Zentimeter über den Schweizer Keeper. Eine Aktion später verfehlte Benaglio im Strafraum den Ball und berührte Benayoun. Der grosszügige schwedische Schiedsrichter legte die umstrittene Intervention zu Gunsten der Schweizer aus; manch anderer Referee hätte wohl auf den Penaltypunkt gezeigt. Benayoun bewältigte seinen Frust später auf seine Art und gekonnte Weise: mit dem 1:2, dem Signal zum finalen Ansturm.

Der Sarkasmus des Publikums

Drückend heiss war es im Ramat-Gan-Stadion. Aber die befürchtet aufgeheizte Atmosphäre inszenierten die israelischen Anhänger nicht. Der Anlass dazu fehlte, die Gastgeber erfüllten die hohen Ansprüche der Zuschauer erst im letzten Teil der Vorstellung. Zwei oder vielleicht auch drei gute Szenen von Yossi Benayoun genügten in den ersten 45 Minuten der WM-Qualifikation (noch) nicht zur gehobenen Abendunterhaltung.

Deshalb beschwerte sich das bekannt ungeduldige Fussball-Volk früh ein erstes Mal über das Programm der israelischen Auswahl. Das 0:1 Yakins setzte den verärgerten Fans zu. Und nach dem zweiten Gegentor kippte die Stimmung vollends. Die anfängliche Euphorie war verflogen, der Sarkasmus breitete sich aus. Im Chorus forderten die 31'000 Zuschauer bereits den Kopf von Israels Coach. «Kashtan, geh heim», sangen sie.

Zum erheblichen Nachteil der Schweizer traute das Publikum dem Team weniger zu als die Verantwortlichen selber. Im Soge des unermüdlichen Benayoun liessen sich voreilig harsch kritisierten Spieler Israels von der mangelnden Kreditwürde nicht beeinträchtigen. Sie hielten das eigene Comeback bis zur letzten Sekunde für möglich und unternahmen entsprechend viel, den Schweizern das Fest zu verderben.

(Sven Schoch/Si)

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