Die türkische Euphorie ist verflogen
publiziert: Donnerstag, 29. Sep 2005 / 07:44 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 29. Sep 2005 / 08:12 Uhr

Istanbul - Die Türkei geht frustriert und desillusioniert in die EU-Beitrittsgespräche. Ein vorzeitiger Abbruch scheint Beobachtern wahrscheinlich. Die Zypernfrage bleibt wohl der heikle Punkt

Recep Tayyip Erdogan konnte die Begeisterung über den geplanten EU-Beitritt nicht halten.
Recep Tayyip Erdogan konnte die Begeisterung über den geplanten EU-Beitritt nicht halten.
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Mit Feuerwerk und Luftballons wurde Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rückkehr vom EU-Gipfel im vergangenen Dezember in den Strassen von Ankara gefeiert. Endlich hatte der türkische Ministerpräsident den Europäern einen Termin für Verhandlungen über einen EU-Beitritt seines Landes abgetrotzt.

Für die Türkei schien die Erfüllung eines lang gehegten Traumes in greifbare Nähe gerückt - trotz langer Übergangszeiten und Sonderklauseln.

Zehn Monate nach der Euphorie

«Ich weiss, dass wir einen sehr langen und sehr schwierigen Weg vor uns haben. Aber wir werden es schaffen», beteuerte Erdogan, obwohl ihm schon damals Enttäuschung über die von der EU gestellte Bedingung einer De-facto-Anerkennung Zyperns anzumerken war.

Zehn Monate später ist von Euphorie nicht mehr viel zu spüren. Der Beginn der Beitrittverhandlungen weckt schon lange keine Begeisterungsstürme mehr.

«Die Frustration über die EU ist enorm gross», konstatierte ein europäischer Diplomat in Ankara nach dem Ringen um die Zypern-Erklärung, mit der die 25 EU-Staaten die Daumenschrauben für die Türkei noch ein wenig fester angezogen haben.

Krise eher früher als später

«Man spürt, dass die Zahl derer gewachsen ist, die den Verhandlungen keine Chance mehr einräumen.» Die unvermeidbare Krise zwischen der Türkei und der EU werde eher früher als später kommen, meinen politische Beobachter in Ankara.

Spätestens wenn erneut die Forderung nach Öffnung der türkischen See- und Flughäfen für Schiffe und Flugzeuge aus Zypern auf den Verhandlungstisch kommt und der griechisch-zyprische Präsident Tassos Papadopoulos im Fall der Nichteinhaltung darauf pocht, eine Frist zu setzen, «dann fährt das Ding einfach an die Wand».

«Zypernhörigkeit»

Die von der Türkei als «zypernhörig» empfundene Haltung der EU habe erheblich dazu beigetragen, die Türken zu desillusionieren. «Die Verhandlungen werden beginnen, aber ab einem gewissen Punkt wegen Zypern stocken», resümierte eine Kommentatorin im Massenblatt «Sabah» die Erwartungen Ankaras.

Auch das sei nach vorherrschender Meinung noch ein Gewinn. Wenigstens sei die psychologische Hürde genommen und selbst wenn es danach nicht weitergehen sollte, sei dies immer noch besser, als wenn die Verhandlungen nie begonnen hätten, erklärte sie. Mit jeder Wegstrecke, die die Türkei zurücklege, gewinne das Land hinzu.

Gemäss der Meinungsumfrage des Eurobarometers 2005 sehen gut zwei Drittel der Türken eine EU-Mitgliedschaft als «vorteilhaft» für ihr Land an. Der Anteil derer, die darin eine «gute Sache» sehen, ist allerdings im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

(Ingo Bierschwale/dpa)

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