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Drei Personen mussten in Spiez entscheiden
publiziert: Samstag, 20. Mai 2006 / 17:12 Uhr

Thun - Drei Personen haben im Stellwerk Spiez innert Minuten entschieden, den in der Nacht auf Mittwoch verunfallten Bauzug nach einem Bremsversagen in Thun auf einen stehenden Bauzug auffahren zu lassen.

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Einen heissen Draht zu einer höheren Stelle gab es nicht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssten im Rahmen ihrer Verantwortung Entscheidungen treffen, sagte Hans Martin Schär, Sprecher der BLS Lötschbergbahn AG, auf Anfrage. Die drei Personen im Stellwerk hätten jene Variante gewählt, die ausserhalb der BLS niemanden gefährdet habe.

Den Zug über Thun hinaus fahren zu lassen respektive ins Simmen- oder Gürbetal umzuleiten, wäre zu gefährlich gewesen, sagte Walter Flühmann, Leiter Infrastruktur/Betrieb der BLS, am Donnerstag vor den Medien in Bern. Im Bahnhof Thun seien die vier Durchgangsgleise belegt gewesen, unter anderem von einem «Rola»-Zug mit Chauffeuren.

Ein eigentliches Regelwerk für den Umgang mit Geisterzügen gibt es laut BLS-Sicherheitschef Eduard Wymann nicht. Die Stellwerk-Mitarbeiter würden aber auf Störfallszenarien vorbereitet. Die Dreiermannschaft, die in der Nacht auf Mittwoch im Dienst gewesen sei, habe den Entscheid gemeinsam getroffen.

Rationale Entscheidung

Stefan Vetter, Ärztlicher Leiter des Fachzentrums für Katastrophen- und Wehrpsychiatrie der Universität Zürich, geht davon aus, dass im Stellwerk eine Risikoanalyse stattfand. «Auf Grund der möglichen Szenarien wurde rational entschieden», sagt er.

Um in solchen Situationen überhaupt Entscheide fällen zu können, werde oft das Denken dominant. Gefühle würden in den Hintergrund treten. Erst nach dem eigentlichen Entscheid kämen allenfalls Emotionen hoch. Ein Einzelfall sei der Entscheid in der Unfallnacht im Stellwerk aber nicht.

Auch ein Fluglotse, der zwei sich nähernden Flugzeugen Anweisung zum Steigen oder Sinken geben müsse, habe bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu entscheiden, ohne nochmalige Überprüfung aller verfügbaren Informationen. Ein anderes Beispiel sei der Ausbruch einer Seuche und nur begrenzt verfügbare Medikamente: «Auch hier ist der Entscheid schwierig, wie das Gegenmittel verteilt wird.»

Tod kaum in Kauf genommen

Beim Bauzug-Zusammenstoss von Thun habe sich das Erleben der Opfer vermutlich nicht wesentlich von den psychischen Reaktionen unterschieden, die bei anderen Verkehrsunfällen auftreten würden. «Man sitzt am Steuer, sieht etwas Schlimmes kommen und tut, was möglich ist, um sich zu retten.»

Im Nachhinein immer richtig oder falsch «Im Nachhinein ist ein Entscheid immer richtig oder falsch», sagt Herbert Studach, Verkehrspsychologe und externer Berater beim Bundesamt für Verkehr. Was in den Köpfen der Stellwerk-Belegschaft effektiv vor sich gegangen sei, könne er nicht sagen.

Die Verantwortlichen hätten sicher gewusst, dass der Entscheid zu einem Schaden führe. Dass sie den Tod der drei Männer bewusst in Kauf genommen worden hätten, sei aber nicht vorstellbar. Wichtig sei nun, die genaue Unfallursache zu finden, um allenfalls neue Erkenntnisse in die Mitarbeiter-Schulung einfliessen zu lassen. Die Bahnen spielten in der Ausbildung alle erdenklichen Unfallszenarien durch. «Wenn aber doch etwas Unerwartetes passiert, gilt es, aus Fehlern zu lernen.»

(ht/Si)

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