Dreiste Manipulationen im (Schweizer) Skisport
publiziert: Montag, 4. Apr 2005 / 11:09 Uhr / aktualisiert: Montag, 4. Apr 2005 / 12:12 Uhr

Swiss-Ski bleibt nichts erspart. Erst die schlechteste WM-Bilanz seit 1966, dann die erste Saison seit 38 Jahren ohne einen einzigen Weltcup-Sieg -- und nun noch eine üble Betrügerei. Bei zwei FIS-Rennen wurden die Ranglisten gefälscht!

Marlies Oester wurde in der Rangliste geführt, obwohl sie gar nicht gestartet war.
Marlies Oester wurde in der Rangliste geführt, obwohl sie gar nicht gestartet war.
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Der Fall erreicht zwar nicht gerade die Dimension des Schiedsrichter-Skandals in Deutschland, "aber", so die FIS-Direktorin Sarah Lewis, "eine unangenehme Geschichte ist es schon. Absichtlich sind die Resultate von zwei Rennen manipuliert worden. Das ist eine krasse Verletzung des Fairplay." Oder im Klartext: Betrug.

Was ist passiert? Bei zwei Frauen-FIS-Rennen in Davos sind zwei Fahrerinnen in die Rangliste geschmuggelt worden, die gar nicht anwesend waren. Das Ziel war, mit diesen Fahrerinnen den so genannten "Penalty" (Zuschlag) des Rennens zu senken, um den Teilnehmerinnen zu günstigen bzw. tiefen FIS-Punkten zu verhelfen.

Phantom-Fahrerinnen Oester und Grünenfelder

Diese Punkte sind im alpinen Skirennsport das A & O; sie entscheiden über die (tiefen) Startnummern. Deshalb findet vor allem im Monat März weltweit eine hektische Punktejagd statt. Stars sind willkommene Gäste, je langsamer sie fahren, desto lieber -- selbst wenn sie ausscheiden (so wollen es die komplizierten Regeln des FIS-Punkte-Geschäfts).

Nun wollten es in Davos einige besonders schlau anstellen. Weil Marlies Oester und die zurückgetretene Corina Grünenfelder für die beiden FIS-Slaloms vom 8./9. Dezember angeblich zugesagt hatten, dann aber nicht erschienen, beliess man sie in der Startliste, was durchaus üblich ist.

Doch der Clou der Geschichte: Sie tauchten als Phantom-Fahrerinnen auch in der Rangliste unter "DNF" (DID NOT FINISH), d.h. als Ausgeschiedene auf -- und somit als FIS-Punktelieferantinnen. "So etwas habe ich in meiner ganzen Karriere noch nie erlebt", sagt Nachwuchschef Didier Bonvin, der um eine Stellungnahme ersucht wurde, als nach Wochen plötzlich die FIS (Internationaler Skiverband) Wind davon bekam -- offenbar durch einen anonymen Brief.

Frau des FIS-Direktors übertölpelt

"Der Startrichter hat, als Oester und Grünenfelder hätten starten sollen, einfach das Starttor aufgestossen und damit die Zeit ausgelöst", erklärt der mit der Untersuchung beauftragte Bonvin. Damit wurde ihre Phantom-Präsenz offizialisiert. Und der bzw. die Technische Delegierte, die im unteren Teil der Strecke stand, wurde übertölpelt.

Nichtsahnend unterschrieb diese das falsche Klassement. Die Pointe: Es handelte sich um die Frau des FIS-Marketing- und Kommunikations-Direktors Christian Knauth, die ehemalige deutsche Top-Fahrerin Pamela Behr. "Ich bin voll gelegt werden", sagt Behr. "Von meinem Standort aus hatte ich keine Chance, die Manipulation zu bemerken. Solches Verhalten finde ich vor allem den jungen Fahrerinnen gegenüber eine Frechheit."

Immer dreister

Weil alles so gut klappte, wurden die Manipulateure noch dreister. Ordnungsgemäss hatte sich Pamela Knauth-Behr vor dem zweiten Rennen erkundigt: "Sind alle gemeldeten Fahrerinnen da". Sie waren. Auf dem Papier. Diesmal erschienen Oester und Grünenfelder nicht mehr am Ende des Blocks der Ausgeschiedenen, sondern mitten drin zwischen echt Ausgeschiedenen, damits weniger auffiel. In Wirklichheit war Grünenfelder zu Hause und Oester in St. Vigil in Italien beim Skitesten.

Weil ja alle von diesem faulen Deal profitierten und ausser Schweizerinnen nur noch vereinzelte Liechtensteinerinnen, Japanerinnen und Chinesinnen starteten, wurde darüber der Mantel kollektiven Schweigens gehüllt. Dieses wurde erst gebrochen, als sich die Appellationskommission der FIS einschaltete. Darauf outete sich Lars Erik Gulaker als Urheber, der Chef der einstigen Junioren-Nationalmannschaft, die nach der Reorganisation im letzten Winter nur noch C-Kader-Status besitzt.

"Junioren-Nati"-Chef nimmt Schuld auf sich

"Ja, ich wars", gesteht der Norweger Gulaker, der seit über zehn Jahren in der Schweiz arbeitet (früher beim Stützpunkt St. Moritz). "Ich war zwar nicht allein, weil man so etwas nicht allein tun kann. Doch nehme ich die Schuld auf mich." Aber das Fälschen einer Rangliste ist doch Betrug? "Ja, ich weiss", sagt Gulaker, "aber es ist geschehen. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Es tut mir Leid." Und es sei in erster Linie eine Provokation gewesen: "Immer wieder sagen gemeldete Spitzenfahrer bei FIS-Rennen ab. So kommen wir im Schweizer Skirennsport nie weiter."

Für das Weiterkommen der Skirennfahrer wird Gulaker nicht mehr zuständig sein. Er ist von Swiss-Ski suspendiert worden. Den Verantwortlichen des Skiverbandes ist die Sache peinlich ist. Wohl deshalb unterschlug man die Affäre wie die Sperre der Oeffentlichkeit. Die Abteilung Kommunikation, die sonst jedes Bobo eines C-Fahrers meldet, schwieg -- wie (fast) alle Beteiligten.

(von Richard Hegglin/Si)

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