Du Schlampe!
publiziert: Mittwoch, 2. Sep 2015 / 17:05 Uhr
Keine Schlampe, auch sie ein Eis isst.
Keine Schlampe, auch sie ein Eis isst.

Das sass. Irgendwie. Ich stieg aus dem Bus und leckte an einem Eis. Eine ältere Frau, die offensichtlich von Sinnen war, sah mich an und schrie: «Du Schlampe!»

Schlampe???? ICH???? Im ersten Moment war ich perplex. Im zweiten wollte ich zurück schreien. Im Dritten wollte ich ihr eine Pfanne um die Ohren schlagen. Im vierten kam ich wieder runter.

Trotzdem. Sie liess mich nicht los, diese Beschimpfung. Ich dachte weniger darüber nach, warum mich die arme Irre so betitelt hatte, als dass ich darüber nachdachte, warum dieses Wort mich so zu irritieren vermochte.

Was ist eine Schlampe und wann wird eine Frau so betitelt? Ich suchte auf Wikipedia. Die Erklärung dort: «Als Schlampe bezeichnet umgangssprachlich abwertend eine unordentliche, in ihrem Äusseren nachlässige und ungepflegte weibliche Person sowie eine Frau, deren Lebensführung als unmoralisch angesehen wird.»

Unmoralisch? Hmm. Ich suchte weiter. Auf Elite Partner Forum wurde es dann konkreter. Verschiedene Männer haben da, unter Pseudonym versteht sich, Erläuterungen dazu abgegeben, was sie unter einer Schlampe verstehen.

Hier ein Auszug:
«Eine Frau die wahllos mit jedem Mann schläft. Die aus Rache mit dem ganzen Fussballverein des Ex schläft. Die vier Kinder von vier verschiedenen Männern hat. Was macht sie falsch? Das Meiste. Was macht sie richtig? Hat hoffentlich andere Qualitäten.»

Ein selbsternanntes «Mathe-Genie» beschreibt es so:
«Wenn man es mathematisch ausdrücken will x=alter beim ersten sex y=alter jetzt z=anzahl Sexpartner.
Schlampe ist wenn (y-x)/z > 1 allgemein betrachtet oder wenn die Anzahl der Sexpartner pro Jahr die zahl 1 regelmässig oder deutlich überschreitet.»

Aha. Also eine Schlampe schläft mit diversen Männern und hat Kinder von verschiedenen Männern. Eine Schlampe zieht sich frivol an und hat womöglich Freude an Sex. Eine Schlampe ist - das liegt natürlich in der Natur des Wortes - eine Frau. Oder in meinem Fall, eine Frau, die ein Eis leckt.

Selbst in Schulhäusern gilt es unter den Mädchen als DAS Schimpfwort überhaupt. Auch Frauen untereinander verwenden es, um eine Schwester zu diskreditieren. Unklar ist, ab welcher Anzahl von Männern genau eine Schlampe eine Schlampe ist. Dazu gibt es keine einschlägigen Nachschlagewerke. Der Ausdruck Schlampe existiert tatsächlich auch in männlicher Form. Also Schlamper. Offensichtlich wird er nur für Frauen eingesetzt, die es zu erniedrigen gilt. Und zwar völlig wahllos und nach Lust und Laune. Schlampe ist die altmodischste Form, eine Frau zu beschimpfen und sie - teils öffentlich - zu desavouieren.

Schlampe löst den automatischen Reflex aus, sich zu rechtfertigen. Sich zu erklären. Oder der Welt zu zeigen, dass man imfall keine sei. Mit Neugierde verfolge ich die Kritik, die auf Sylvie Meis prasselt, weil sie verschiedene Partner in kürzeren Abständen hat. Untermauert wird ihr Schlampen-Image damit, dass sie schliesslich Mutter ist. Eine Mutter hat sich um ihre Kinder zu kümmern und nicht darum, eine neue Liebe zu finden. Das darf nur der Vater. Wie viele Frauen er auf diesem oft holprigen Weg, auf dem man durchaus mal kräftig «i'd Schissi lange» kann, hinterlässt, ist bei ihm total irrelevant.

So sagte einer von Sylvies Exfreunde, Guillaume Zarka, sie sei leicht zu haben gewesen! Sie seien sofort im Bett gelandet. Und er demfall? Nöd?

Ich habe entschieden, dass ich ab sofort auch eine Schlampe bin. Ich habe entschieden, dass dieses Wort mich niemals kränken oder verunsichern wird. Alleine der Umstand, dass diesem Wort die Macht verliehen wird, Frauen in die Ecke zu stellen, ist es wert, sich aus Ironie Schlampe zu nennen. Und alleine die Tatsache, dass man zu wissen vermag, dass dieses Wort Frauen verletzt, ist es Wert, sich aus Protest Schlampe zu nennen.

Nur so verliert es an Bedeutung und geht dorthin, wo es hingehört: Ins Antiquariat.

*Sabrina Pesenti ist freelance Style Journalistin bei Gala Schweiz sowie Stylistin und Eventmanagerin. Zusammen mit Tamara Cantieni betreibt sie Blonderblog und ist neu wöchentlich in der Sendung «Bös & Boser» auf TV24 zu sehen.

(Sabrina Pesenti*/news.ch)

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