Eidg. Wahlen 2003: Schwächelnde Institutionen - grösserer Informationsaufwand
publiziert: Dienstag, 9. Sep 2003 / 10:40 Uhr

Bern - Zahnbürsten, Wasserbälle und gerupfte Hühner prägen den Wahlkampf und füllen Zeitungsspalten. Die Parteien drängen in die Medien - nicht nur mit Inhalten, sondern immer mehr auch mit schlagzeilenträchtigen "Events".

Wie Medien über die bevorstehenden eidgenössichen Wahlen und die Wahlkämpfe berichten, aber auch wie Parteien ihre Auftritte gestalten, dürfe man nicht für sich allein betrachten, sagt der Zürcher Publizistikwissenschaftler Otfried Jarren: "Man muss das im Kontext eines Organisationswandels sehen."

Gesellschaftliche Gruppen, die Werte vermitteln und Identitäten stiften wollen, können dies zusehends schlechter leisten. Parteien, Kirchen, Verbände oder Gewerkschaften durchdringen die Gesellschaft weniger stark. "Wie bei allen schwächelnden Institutionen wird auch für sie der Informationsaufwand viel grösser", sagt Jarren.

Medienarbeit spiele eine immer grössere Rolle, bestätigt der Sprecher der SP, Jean-Philippe Jeannerat. Entsprechend wichtig sei es für die Parteien, nicht nur im Wahlkampf, sondern schon während der Legislatur aktive Medienarbeit zu betreiben. Kommt hinzu, dass die Ausweichmöglichkeiten in den "gekauften Raum" begrenzt sind.

Gegenseitig abhängig

Inserate und Plakate sind nämlich teuer. Könnten Ideen nicht auch im redaktionellen Raum verbreitet werden, würde dies die Parteien pekuniär überfordern, sagt FDP-Sprecher Christian Weber. Das Schlimmste für eine Partei sei, wenn sie tot geschwiegen werde, hält Béatrice Wertli, Sprecherin der CVP, fest.

Parteien und Medien seien voneinander abhängig, vermerkt Yves Bichsel von der SVP - eine Ansicht, die die Medienverantwortlichen der anderen Bundesratsparteien ebenso vertreten. Ähnlich sind auch die Mittel, mit denen sie die Aufmerksamkeit der Journalistinnen und Journalisten für ein Parteianliegen wecken wollen.

Den Kontakt mit Medienschaffenden pflegen alle Parteisprecher. Sie versenden Communiqués, laden ein zu Anlässen wie Parteitagen oder Medienkonferenzen und gestalten Internet-Auftritte. Sie bemühen sich darum, kompetente Auskunftspersonen aus der Partei bei Anfragen von Medienschaffenden zu vermitteln.

Spass-Wahlkampf

Auch der Wahlkampf ist zum Medienthema geworden. "Dem tragen wir Rechnung", sagt Wertli. "Die Kampagne selbst wird zum Event", sagt auch Jeannerat und betont, dass es ohne Inhalte gleichwohl nicht gehe. Einzelne Inszenierungsformen von Politik begeistern FDP-Mann Weber indes wenig: "Dem Spass-Wahlkampf wird viel Platz geschenkt."

Die Schweizer Parteien haben hier das Rad freilich nicht neu erfunden. Mit einem provokativen Plakat an die Öffentlichkeit zu treten, sei in Deutschland "ein bekanntes Spiel", sagt der Berner Medienwissenschaftler Roger Blum.

Selbst wenn es zurückgezogen wird, bleibe es in aller Munde. Ähnliches sei nun der SP gelungen. Für einen grossen Teil der Bevölkerung finde der Wahlkampf nicht mehr mit Augenkontakt, sondern in den Medien statt, hält Blum fest.

"Wir erleben fast alles nur noch über Medien." Fachleute sprechen hier von einer Medialisierung der Gesellschaft. Parteien achten daher in ihren Strategien verstärkt darauf, wie sie medial wirken.

Leitmedium Fernsehen

"Das Fernsehen als Leitmedium hatte zur Folge, dass sich die Vermittlungsformen änderten", sagt Otfried Jarren. Die zunehmende Bedeutung des Fernsehens bewirkt laut Blum, dass Politikerinnen und Politiker über Kantonsgrenzen hinaus Einfluss gewinnen: "Solche Leute prägen das Bild einer Politik mit."

Jarren sieht Risiken: Eliten würden die Fernsehgesellschaft immer stärker dominieren, auch durch Personalisierungen. "So machen wir uns von Personen abhängig", sagt er mit Blick auf Politiker wie den britischen Premier Tony Blair oder Bundeskanzler Gerhard Schröder. New Labour etwa komme als "one-man-show" daher.

Solche Entwicklungen macht Roger Blum in der Schweiz nicht aus. Parlamentarische Demokratien wie Deutschland bräuchten Parteichefs, die Wählende über Parteigrenzen hinaus ansprächen. Hiesige Parteien dagegen würden durch mehrere Exponenten verkörpert. Diese stünden nicht selten gleichzeitig für verschiedene Parteiflügel.

(Martin R. Schütz/sda)

 
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