Ein Interview mit einem, der nirgends willkommen ist
Ein Asylant im Knast
publiziert: Freitag, 25. Mrz 2016 / 11:53 Uhr / aktualisiert: Freitag, 25. Mrz 2016 / 13:48 Uhr
Männer aus dem Maghreb haben in der Schweiz nicht viele Möglichkeiten Fuss zu fassen. (Symbolbild)
Männer aus dem Maghreb haben in der Schweiz nicht viele Möglichkeiten Fuss zu fassen. (Symbolbild)

Asylbewerber aus Maghreb-Ländern stehen seit einiger Zeit unter Generalverdacht. Oft unberechtigt, manchmal zu recht. Ahmed* hat geklaut und musste dafür sechs Monate ins Gefängnis. Und er ist dankbar dafür. Im Interview spricht der Nordafrikaner darüber, wie ihn ein Schweizer Gefängnis zu einem besseren Mensch machte.

Prekäre Lebenssituationen enden oft in der Kriminalität. Auch bei Ahmed. Getrieben vom Überlebenswillen geriet der 39-jährige Nordafrikaner schon oft mit dem Gesetz in Konflikt. Nicht, weil er Verbrecherambitionen hätte, sondern weil er nirgends willkommen ist. Weder abgeschoben, noch eine Chance auf Asyl, befindet sich Ahmed* seit Jahren in einer Zwischenwelt, die wenig Chancen bietet. Und da das Streben nach Glück zu verführerisch ist, um nicht zuzugreifen. Dabei will Ahmed doch nur eine Arbeit. Und einen Platz, wo er willkommen ist. Zu pathetisch?

Ahmed, weshalb mussten Sie ins Gefängnis?
Da ich gestohlen und keine Aufenthaltsbewilligung habe.

War das Ihre erste Zeit hinter Gittern?
Nein, das war das siebte Mal in meinem Leben, wo ich in den Knast musste . Die vorherigen Male war ich aber nicht in der Schweiz inhaftiert und ich schäme mich hier dafür. In meiner Heimat hatte ich keine andere Wahl, da ich nicht verhungern wollte. Wissen Sie, in Afrika interessiert es niemanden, ob man hungern muss.

Wie lange dauerte Ihre Haft?
Knapp sechs Monate musste ich verbüssen.

Was haben Sie in dieser Zeit am meisten vermisst?
Die Freiheit und guten Sex.

Welche Freiheiten gewährte man Ihnen?
So einige. Wir konnten diverse Sportarten ausüben und auch Brett- und Kartenspiele spielen. Von Fussball über Krafttraining bis hin zu Poker standen sehr viele Aktivitätsmöglichkeiten zu Verfügung. Ich hatte zudem einen Fernseher in meiner Zelle und durfte dort auch rauchen. Kiffen war ebenfalls kein Problem, solange man sich kooperativ mit den Behörden verhielt.

Konnten Sie von Ihrem Aufenthalt profitieren?
Ja, ich habe ihn teilweise sogar genossen. Nicht, weil ich es mochte eingesperrt zu sein oder Schweizer Gefängnisse zu wenig hart wären. Ich genoss es lediglich unter der Woche zu arbeiten. Wissen Sie, ich habe seit meiner Kindheit noch nie eine Arbeitsstelle bekommen, obwohl ich mich schon immer darum bemühte. In meinem Heimatland herrscht seit ich denken kann hohe Arbeitslosigkeit. Hier im Gefängnis fühlte ich mich zum ersten Mal als Teil einer Gemeinschaft. Dies gab mir viel Motivation und Zuversicht Grundlegendes an meiner Lebenseinstellung zu ändern.

Wie einfach war der Zugang zu Drogen und Waffen?
Es war kein Problem an weiche Drogen zu kommen. Man bezahlt dafür ungefähr das Fünffache vom üblichen Marktwert. Beispielsweise für vier Gramm Marihuana zwischen 230 und 250 Franken. Falls man sich im Alltag nicht querstellte, wurde beim Konsum ein Auge zugedrückt. Harte Drogen waren da weit schwieriger zu bekommen. Und beim Konsum war es ratsam, sich nicht erwischen zu lassen. Die Behörden sind da nicht so tolerant wie bei Marihuana.

Hatten Sie Probleme mit dem Personal oder anderen Insassen?
Wenn man sich nicht vor der Arbeit drückte, gingen die Behörden korrekt mit einem um. Bei Verweigerung von Anweisungen drohte Isolationshaft. In einer solchen ist man sich mehr oder weniger selbst überlassen. Die medizinische Versorgung kann dann nur auf das Nötigste beschränkt werden. Mit den Insassen gab es mal kleine verbale Auseinandersetzungen - nichts gravierendes. So wie im normalen Leben.

Wie war die Betreuung?
Ich wurde von den Angestellten immer gut behandelt. Innerhalb der Gefängnismauern zählte besonders der Wille zur Arbeit - die Resozialisierung schien essenziell zu sein. Machte man im Gefängnisalltag mit, gab es keine Probleme. Stellte man sich quer, wie gesagt, wurden Häftlinge indirekt ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Und wie schmeckte das Essen?
Wir hatten zwei Köche: Der eine kochte gut und war zudem ein sympathischer Kerl. Der andere kochte dagegen nicht sehr schmackhaft und war zudem immer schlecht drauf. Die Zwei wechselten sich etwa alle sieben bis zehn Tage ab.

Wie haben Sie sich geistig bei Laune gehalten?
Ich habe mich tagsüber mit der Arbeit abgelenkt. Am Abend trainierte ich jeweils und ging dann direkt schlafen. Dies gab mir einen mentalen Ausgleich und ich hatte weniger Zeit, um nachzudenken und dabei auf negative Gedanken zu kommen.

Wie konnten sie sich über die Aussenwelt informieren?
Meine persönliche Hauptinformationsquelle war der Teletext. Die Nachrichten sind kurz und knapp formuliert. Zeitungen standen uns auch zur Verfügungen und manchmal durfte ich abends im Internet surfen.

Gab es Gruppierungen innerhalb der Gefängnismauern?
Es gab keine Gangs wie man das vielleicht aus anderen Gefängnissen oder Filmen kennt. Wir waren dort ein bunt durchmischter Haufen. Viele waren auch zum ersten Mal hinter Gittern - auch Mörder und andere Schwerverbrecher waren inhaftiert. In meinen Augen waren die Pädophilen und Vergewaltiger die schlimmsten Mitinsassen. Angst hatte ich aber zu keiner Zeit vor irgendjemandem.

Was war das Erste, das Sie in Freiheit gemacht haben?
Da ich mich zuerst mal sammeln musste und Ruhe brauchte, ging ich abseits des Geschehens Kaffee trinken. Zu viele Menschen hätten mich in diesem Moment überfordert. Nun trinke ich meinen Kaffee wieder in der Öffentlichkeit und habe mich an die Freiheit gewöhnt.

Wie ging und geht es Ihnen psychisch?
Gott sei dank geht und ging es mir meistens gut. Ich musste nie zum Psychologen, im Gegensatz zu anderen Insassen. Mental schwierig wurde es zwischen Weihnachten und Silvester. Wenn ich an die schönen alten Zeiten mit meiner Familie dachte, wurde ich ein wenig sentimental.

Wie war es eingesperrt zu sein und zu wissen, dass man nicht herauskann?
Es war in gewissen Momenten schon schwer. Im meinem Vollzug durfte ich jederzeit bis 20.30 Uhr meine Zelle verlassen. Dabei konnte ich mich nur innerhalb der Gefängnismauern aufhalten. So hat man ständig die Freiheit - die Natur vor Augen - durfte dieses Paradies aber nicht betreten. Aber auch mit der direkten Freiheit vor Augen habe ich nie daran gedacht zu flüchten.

Hatten Sie in diesem Zeitraum Sex im Knast?
Nein, ich bin ja nicht schwul. Zudem wusste ich, dass mir kein Urlaub gewährt wird. Sonst gab es dort keine mir bekannte Möglichkeit, zum Geschlechtsverkehr zu kommen.

Würden Sie Ihren Fehler wiederholen?
Nein, ich werde nicht mehr klauen. Ich habe in Gefangenschaft zum ersten Mal erlebt, wie es ist zu arbeiten - sich nützlich zu fühlen. Die Möglichkeit etwas Sinnvolles zu tun, erfüllte mich mit Glück und Zufriedenheit. Als Ausländer hat man es hier nicht leicht - vor allem als Asylant wirst du des öfteren vorverurteilt, obwohl die wahren Fluchtgründe niemanden wirklich interessierten. Nun macht es mich nach knapp einem Jahrzehnt in der Schweiz umso trauriger, dass ich immer noch keine Arbeitsbewilligung bekomme. Ich werde aber alles daran setzen, eine Arbeit zu erhalten. Ich spreche fliessend deutsch, bin körperlich fit, habe viele Schweizer Freunde und fühle mich ansonsten komplett in die Schweizer Gesellschaft integriert.

Hatten Sie Angst, von einer Annahme der Durchsetzungsinitiative?
Nein, das hatte ich nie. Ich bin politisch interessiert. Diese Initative hätte mich nicht betroffen, da sie auf Ausländer mit einer gültigen Aufenthaltsbewilligung ausgelegt war. Im Gegensatz zu diesen habe ich aber keine gültigen Papiere - ich bin ein Sans Papier.

Warum glauben Sie, dass Sie keine Arbeitserlaubnis bekommen?
Es gibt einen Fehler: dieser liegt entweder im System oder bei mir. Wahrscheinlich bei beiden Parteien. Ich wollte immer ein Teil dieses Landes sein, aber die Gründe für meinen Asylantrag haben niemanden wirklich interessiert. Es kommt leider mehr darauf an, woher man stammt, und nicht darum, was die eigentliche Motivation für die Flucht war. Jeder kann etwas behaupten - ob dies dann der Wahrheit entspricht, ist praktisch nicht überprüfbar. So bekam ich keine Chance, den Behörden meinen Integrationswillen durch Arbeit und Fleiss unter Beweis zu stellen.

Woran haben Sie während dieser Zeit hinter Gittern am meisten Gedacht?
An meine Familie. Ich vermisse sie sehr, da ich sie seit 14 Jahren nicht mehr gesehen habe. Trotzdem ist für mich eine Rückkehr unvorstellbar. In der Heimat droht mir ein ganz anderes Schicksal.

*Name der Redaktion bekannt.

(Cornel Amerraye/news.ch)

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