Als Roger Federer im fünften Satz bei 5:3 und 40:15 Matchball hatte, wähnten ihn viele Experten bereits in seinem 24. Grand-Slam-Final. Auch Novak Djokovic dürfte seine eigenen Chancen nicht mehr als sehr gross eingeschätzt haben, denn er spielte dann einen Ball, den man nur riskiert, wenn man mit dem Match eigentlich schon abgeschlossen hat. Djokovic knallte beim nächsten Punkt, ähnlich einem angeschlagenen Boxer, der in der letzten Runde einen wilden Uppercut riskiert, einen Vorhand-Return mit Laser-Geschwindigkeit zurück, der wohl in acht von zehn Fällen weit im Out gelandet wäre. Doch die Tennis-Götter meinten es gut mit dem Serben: Das Geschoss landete innerhalb des Courts. Wenige Sekunden später wurde eine Vorhand Federers unglücklich von der Netzkante abgelenkt und sprang ins Out.
Das Momentum, bis zu den Matchbällen mit 11:1 Punkten klar auf der Seite Federers, wechselte nun plötzlich wieder. Djokovic gelang das Break, und nach dem Ausgleich schaffte er den erneuten Servicedurchbruch zum 6:5 und servierte danach ungefährdet aus. Nach 3:51 Stunden war die Partie beendet. Am ersten Matchball hatte Federer auch anschliessend noch zu beissen: "Er glaubte nicht mehr an den Sieg. Gegen jemanden so zu verlieren, ist ganz bitter, weil er mental ja eigentlich schon out war."
Für den fünffachen US-Open-Champion gab es in der letzten Phase der Partie die bitterste Duplizität der Ereignisse. Bereits im Vorjahr war er dem Serben im Halbfinal nach zwei vergebenen Matchbällen - damals bei 5:4 und Aufschlag Djokovic - unterlegen. Diesmal fiel es ihm ganz besonders schwer, über die Niederlage Auskunft zu geben: "Es ist seltsam, hier eine Niederlage zu erklären, da ich überzeugt bin, dass ich eigentlich der Sieger hätte sein sollen. Aber es ist, wie es ist, und ich kann nur mir selber die Schuld geben."
Federers starker Start
Federer hatte sich den Zwei-Satz-Vorsprung mit starkem Spiel in den wichtigen Momenten verdient. Im ersten Durchgang hatte er versucht, bei den Aufschlagsspielen seines Gegners viel Druck zu machen, war aber vor allem beim Return zu fehlerhaft. Im Tiebreak ging die Taktik aber auf; Federer verwertete schliesslich den fünften Satzball.
Im zweiten Satz zeigte der Baselbieter, dass er sich in den letzten Wochen wieder stark verbessert hat. Er spielte auch von der Grundlinie aus grossartig, und die einhändige Topspin-Rückhand war so stark wie seit langem nicht mehr. Entscheidend war letztlich Federers zweiter Servicedurchbruch im viel zitierten siebenten Game, das er zu null schaffte.
Vorentscheidend für die Wende war wohl der Anfang des dritten Satzes. Bei Djokovic wuchs die Frustration, da er keinen Weg gegen Federer zu finden schien. Der Baselbieter liess umgekehrt nach den beiden ersten Sätzen kurzzeitig etwas nach. Die Weltnummer 1 gewann aber in dieser delikaten Phase die Oberhand. Im zweiten Game schaffte der "Djoker" nach einem Spiel, das fünffmal über Deuce führte, das 2:0. Von da an dominierte er zwei Sätze lang - auch, weil Federers Fehlerquote massiv anstieg. Für Federer war der Matchverlauf keine Überraschung: "Ich musste damit rechnen, dass Novak sich in den Match reinbeissen würde. Schade, dass ich dann gleich das Break kassiert habe, nachdem ich mehrere Gamebälle hatte."
Wieder nach 2:0 out
In seinen ersten 48 Grand-Slam-Turnieren hatte Federer nie nach Zwei-Satz-Führung verloren. Nun ist ihm dies zum zweiten Mal in Serie passiert. In Wimbledon war er im Viertelfinal an Jo-Wilfried Tsonga gescheitert, ohne sich in den letzten dreieinhalb Stunden der Partie auch nur einen Breakball zu erspielen. Auch für Djokovic war die gestrige Partie ein seltenes Ereignis. Er hatte bisher erst einmal nach 0:2 noch gewonnen, nämlich 2005 in Wimbledon gegen Guillermo Garcia-Lopez. "Es ist für mich der wichtigste Sieg des Jahres, gegen Roger holt man normalerweise einen solchen Rückstand nicht mehr auf."
Gemessen an seinen extrem hohen Standards, hat Federer damit ein enttäuschendes Major-Jahr hinter sich. Er erreichte "nur" den Final in Paris sowie die Halbfinals des Australian und US Open und den Viertelfinal von Wimbledon. Objektiv betrachtet kann sich seine Matchbilanz bei den grössten vier Turnieren mit 20:4 dennoch sehen lassen.
Resultate:
Flushing Meadows, New York. US Open. Grand-Slam-Turnier (23,7 Mio. Dollar/Hart). Männer. Letzter Viertelfinal: Rafael Nadal (Sp/2) s. Andy Roddick (USA/21) 6:2,6:1, 6:3. - Halbfinals: Novak Djokovic (Ser/1) s. Roger Federer (Sz/3) 6:7 (7:9), 4:6,6:3, 6:2, 7:5. Rafael Nadal (Sp/2) s. AndyMurray (Gb/4) 6:4, 6:2, 3:6, 6:2. - Final(Montag, 22 Uhr): Djokovic (1) - Nadal (2).
Frauen. Halbfinals: Serena Williams (USA/28) s. Caroline Wozniacki (Dä/1) 6:2, 6:4. Samantha Stosur (Au/9) s. Angélique Kerber (De) 6:3, 2:6, 6:2. - Final (So, ca.22.30 Uhr): Williams (28) - Stosur (9).
Doppel. Männer. Zweiter Halbfinal: Mariusz Fyrstenberg/Marcin Matkowski (Pol/6) s. Rohan Bopanna/Aisam Ul-Qureshi (Ind/Pak/5) 6:2, 7:6 (7:4). - Final: Jürgen Melzer/Philipp Petzschner (Ö/De/9) s. Fyrstenberg/Matkowski 6:2, 6:2.
Frauen. Zweiter Halbfinal: Vania King/Jaroslawa Schwedowa (Kas/USA/3) s. Maria Kirilenko/Nadia Petrowa (Russ/5) 7:6 (9:7), 2:6, 6:3. - Final: Liezel Huber/Lisa Raymond (USA/4) s. Vania King/Jaroslawa Schwedowa (USA/Kas/3) 4:6, 7:6 (7:5), 7:6 (7:3).
Mixed. Final: Melanie Oudin/Jack Sock (USA) s. Gisela Dulko/Eduardo Schwank (Arg/8) 7:6 (7:4), 4:6, 10:8 (Champions Tie-Break).
Junioren. Final: Oliver Golding (Gb/13) s. Jiri Vesely (Tsch/1) 5:7, 6:3, 6:4.
Juniorinnen. Final: Grace Min (USA) s. Caroline Garcia (Fr/1) 7:5, 7:6 (7:3).
(asu/Si)