Andere Schweizer hatten zwar keine realistische Chancen auf eine Medaille, trugen aber zu einem starken Team-Resultat bei. Lukas Flückiger (5.), Florian Vogel (6.) und Christoph Sauser (8.) schafften den Sprung in die Top Ten. Bronze holte der Franzose Julien Absalon, seines Zeichens zweifacher Olympiasieger und vierfacher Weltmeister. Der spanische Titelverteidiger José Antonio Hermida hatte Pech zu beklagen. Durch einen Hinterrad-Defekt fiel er aus der Entscheidung. Er wurde Vierter. Anderen Favoriten erging es noch schlimmer. Der hoch gehandelte Südafrikaner Burry Stander gab nach mehreren Malheurs auf.
Kulhavy wie eine Maschine
Kulhavy vor Schurter - dieses Verdikt hatte es bereits bei den letzten vier Weltcup-Rennen gegeben (und übrigens auch bei den letzten Weltmeisterschaften auf Schweizer Boden 2003 in Lugano auf Junioren-Ebene). Im Vorfeld der WM in Champéry hatte Schurter gemeint, er habe vielleicht ein Rezept gefunden, um im Unterwallis den Spiess umdrehen zu können. Man dürfe Kulhavy am Anfang des Wettkampfs keine Gelegenheit geben, um wegzuziehen, damit der tschechische Überflieger nicht in seinem Rhythmus die Ideallinie fahren könne. Zudem liege die Strecke Kulhavy möglicherweise nicht. Der grossgewachsene und eher schwerere Europameister habe es nicht so gerne, wenn es steil bergauf gehe und wenn soviele technische Schwierigkeiten zu bewältigen seien.
Schurter hat sich offensichtlich getäuscht. Der Bündner konnte zwar mit seiner angriffigen Fahrweise Kulhavy in die Defensive drängen und dem härtesten Konkurrenten immer wieder zusetzen. Der Tscheche liess sich aber weder abschütteln noch aus dem Konzept bringen - auch nicht, als in Champéry strömender Regen einsetzte. Kulhavy war nicht zu zermürben. Er offenbarte auch im mentalen Bereich keine Schwächen. Und als Schurter auf der zweitletzten Runde die Kräfte langsam aber sicher verliessen und ihm bei einer Wurzel-Passage ein Fahrfehler unterlief, war Kulhavy parat, um aus dieser Situation Profit zu schlagen. Kulhavy zog unwiderstehlich davon und baute seinen Vorsprung bis ins Ziel kontinuierlich aus. Am Ende betrug die Differenz 47 Sekunden. Schurter hatte sich auf der letzten Runde darauf konzentriert, die Silbermedaille abzusichern. Dies gelang ihm mit Bravour. Sein ernsthaftester Verfolger Absalon schaffte den Anschluss nicht mehr.
"Ich kann mir keine Vorwürfe machen", sagte Schurter, "ich bin zufrieden mit meinem Einsatz. Jaroslav hat momentan den grösseren 'Motor'. Und mit seiner Postur kann er in den Flachstücken enorm Zug entwickeln." Wenn die Niederlage gegen Kulhavy etwas Positives habe, dann dies, dass er sich wohl mit mehr Ruhe auf die kommende Olympia-Saison vorbereiten könne. Im gleichen Atemzug bedauert Schurter, dass er sich wegen des Verpassens des WM-Titels nicht direkt für 'London 2012' qualifizieren konnte. Er muss sich wie die anderen Schweizer einer harten nationalen Ausscheidung stellen.
Taktischer Spielraum begrenzt
Florian Vogel hatte am Samstag eine Enttäuschung zu verdauen. Der gebürtige Aargauer, der auch dem engsten Favoritenkreis zugerechnet worden war, zollte seiner hohen Kadenz aus der Anfangsphase später Tribut. Relativ früh musste der gebürtige Aargauer in diesem sogenannten Ausscheidungs-Rennen abreissen lassen. "Ich hatte alles probiert und Risiken eingehen wollen. Eigentlich erwischte ich nicht einmal eine schlechten Tag, aber für mich war das ganze einen Zacken zu schnell. Ich kam an den Anschlag. Jaroslav und Nino waren einfach stärker."
Vogels Baisse war auch für Nino Schurters Perspektiven nicht förderlich. Im Schweizer Lager hatte man spekuliert, dass die Marken-Kollegen und ehemaligen WG-Partner würden zusammenspannen können. Weil Vogel den Kontakt bei Halbzeit schon verloren hatte, lösten sich Pläne bezüglich einer Team-Taktik in Luft auf.
Sausers verhängnisvoller Start
Am Start kann man nichts gewinnen, aber viel verlieren. Dass diese Weisheit für das Cross Country der Gegenwart sehr prägend ist, musste Christoph Sauser auf schmerzhafte Art und Weise erfahren. Der Berner Routinier, 2008 im Val di Sole Weltmeister, wurde bereits auf den ersten Metern entscheidend distanziert. Sauser war im Pulk des Feldes gegen die Absperrung gedrückt und isoliert worden. Während er sich bei diesen Turbulenzen mit Exoten herumschlagen musste, ging an der Spitze die Post ab. Dieses Handicap wog zu schwer. Dank Kampfgeist konnte er, der beim gleichen Sponsor wie Kulhavy unter Vertrag steht, immerhin eine eindrucksvolle Aufholjagd zeigen.
Zweitbester Schweizer war etwas überraschend Lukas Flückiger. "Ich habe das Maximum herausgeholt", meinte der Berner mit Blick auf seine gute Platzierung. Sein Bruder Mathias wurde Dreizehnter.
Titel für Catharine Pendrel
Im Cross-Country-Rennen der Frauen gab es einen kanadischen Sieg. Während sich Catharine Pendrel den Titel sicherte, konnte keine Schweizerin über sich hinauswachsen. Beste Swiss-Cycling-Athletin war wie erwartet Nathalie Schneitter. Sie wurde gute Fünfte, 3:27 Minuten hinter der 30-jährigen Pendrel.
In der Vergangenheit war ihr bei internationalen Grossanlässen der Sprung aufs Podest stets verwehrt geblieben, am Samstag nutzte Catharine Pendrel die Gunst der Stunde. Die französische Gesamtweltcup-Siegerin Julie Bresset fehlte, weil diese in der U23-Kategorie starten "musste". Und die polnische Titelverteidigerin und Olympia-Zweite Maja Wloszczowska, die in der Anfangsphase als einzige hatte Pendrel folgen können, beklagte in einer wichtigen Phase einen platten Hinterreifen. Die Nordamerikanerin zog danach an der Spitze einsam ihre Kreise.
Resultate:
Champéry VS. WM. Cross Country. Männer (36,6 km): 1. Jaroslav Kulhavy (Tsch) 1:44:30. 2. Nino Schurter (Sz) 0:47 zurück. 3. Julien Absalon (Fr) 1:26. 4. José Antonio Hermida Ramos (Sp) 2:09. 5. Lukas Flückiger (Sz) 4:29. 6. Florian Vogel (Sz) 4:56. Ferner: 8. Christoph Sauser (Sz) 5:16.
Frauen (31,8 km): 1. Catharine Pendrel (Ka) 1:46:14. 2. Maja Wloszczowska (Pol) 0:28. 3. Eva Lechner (It) 1:36. 4. Irina Kalentjewa (Russ) 2:05. 5. Nathalie Schneitter (Sz) 3:27. 6. Gunn-Rita Dahle Flesja (No) 3:50.
(fest/Si)