WEF 2015
Ein grosses Motto für ein erwachsen gewordenes Davos?
publiziert: Donnerstag, 15. Jan 2015 / 17:08 Uhr
Richard Quest, Wirtschaftskorrespondent von CNN International und life in Davos dabei.
Richard Quest, Wirtschaftskorrespondent von CNN International und life in Davos dabei.

Halleluja! Das diesjährige Motto von Davos ergibt wirklich Sinn.

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Halleluja! Das diesjährige Motto von Davos ergibt wirklich Sinn. Seit Jahren wettere ich gegen dieses ewige Rätselraten: «Was soll das diesjährige Motto von Davos wohl bedeuten?» Gelitten habe ich bei Titeln wie «Grosser Wandel: Entwürfe für neue Modelle», «Neu denken, neu gestalten, neu schaffen» sowie meinem persönlichen Highlight in den vielen Jahren des sprachlichen Unsinns von Davos: «Widerstandsfähige Dynamik». Die Botschaft scheint endlich angekommen zu sein. Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist das Motto in verständlicher Sprache abgefasst worden und könnte in der Tat etwas bedeuten. In Davos wird man 2015 über den «neuen globalen Zusammenhang» sprechen.

Klaus Schwab und sein Weltwirtschaftsforum (WEF) haben es verstanden.

Die Erklärung des WEF dazu lautet, dass die neue Weltordnung sehr «komplex, brüchig und unsicher» sei (In Davos hatte man schon immer Talent, das Offensichtliche auszusprechen). Viele der Teilnehmer des WEFs haben die Aufgabe, im Namen und Interesse der Bürger die Probleme und Themen unserer Zeit anzugehen.

Die Umstände, die das Weltwirtschaftsforum in Davos dieses Jahr begleiten, sind natürlich ganz anders als in den Vorjahren. An allen Ecken und Enden der Welt ist die Situation verfahren. Selbst wenn es genau betrachtet keinen Paradigmenwechsel gab, so sind die alten Probleme offen gesagt verdammt schwer zu lösen.

Es versteht sich von selbst, dass die Ereignisse von Paris alle beschäftigen. Um es einmal ganz einfach auszudrücken: Wie können Journalisten unter diesen Umständen ihrem üblichen Tagesgeschäft nachgehen? Wie können sich Juden in Ruhe auf den Sabbat vorbereiten? Ein Protestzug in Dresden illustriert wachsende Islamphobie. Und dann gibt es ja auch noch Ungarns Ministerpräsidenten, der gegen Zuwanderung wettert. Man kann nur hoffen, dass irgendjemand in Davos Herrn Orbán einmal nahebringt, welche Gefahren rücksichtslose Rhetorik bergen kann.

Wirtschaftlich sehen wir uns einer scheinbar endlos währenden Krise in der Eurozone ausgesetzt.

Während EZB-Chef Draghi kurz davor steht, die Druckmaschinen anzuwerfen, um das Wachstum zu stimulieren und die Inflation ein wenig zu fördern, denkt man in den USA und Grossbritannien darüber nach, geldpolitisch die Zügel anzuziehen, um - so die Hoffnung - eine mögliche Inflation in den Griff zu bekommen.

China hat mit einer Abkühlung der Konjunktur zu kämpfen, deren Auswirkungen keiner wirklich versteht (weil keiner die Wirtschaft Chinas wirklich versteht), während viele Schwellenländer darauf warten, ob die politischen Massnahmen der einen oder doch der anderen Supermacht ihr Land noch tiefer in die Bredouille bringen werden.

Auch Öl ist ein Thema: Seit Juni ist der Preis für Rohöl um mehr als 60 Prozent gefallen. Für Verbraucher und ölimportierende Staaten mag das ein Segen sein, doch in einem etablierten System wirkt ein so drastischer Preisverfall in dieser kurzen Zeit extrem destabilisierend. Ein neuer Ölkrieg zwischen den OPEC-Staaten und den neuerdings mit reichlich Schieferöl handelnden Produzenten in den USA steht bevor. Wer wird als Erster blinzeln und die Förderung drosseln?

Dazu kommen Staaten wie Nigeria oder Venezuela, die durch verlorene Einnahmen in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. In der Branche führte es geradezu zu einem Erdbeben, als Saudi-Arabien ankündigte, dass man nicht länger dazu bereit sei, die Schwankungen auszugleichen und den Preis künstlich zu stützen, indem man die Produktion drossle, sobald die Lage schwierig werde.

Das Öl wird also billig bleiben und das schafft eine Vielzahl neuer Probleme.

Stellen Sie sich ausserdem auf hitzige Debatten über die beiden Handelsabkommen ein, welche die USA momentan mit Asien und der EU aushandeln. Das Abkommen mit Asien könnte noch geschlossen werden, bevor ich in Rente gehe, doch bei dem mit der EU bin ich weitaus weniger optimistisch. Fest steht, dass es nicht vor den US-Präsidentschaftswahlen 2016 unter Dach und Fach sein wird.

Selbst wenn das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) unterzeichnet werden sollte, verfügt es dennoch über einen eingebauten Selbstzerstörungsschalter, und zwar in Form des Beharrens der protektionistisch eingestellten Franzosen auf ihre «Exception Culturelle». Dieses Konzept ist und bleibt für die Vertreter auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans ein Fluch.

Das geopolitische Bild war seit Jahrzehnten nicht so düster wie heute. Russland - wirtschaftlich geschwächt, militärisch ermutigt und politisch aggressiv - legt ein Verhalten an den Tag, das kaum mehr vorhersehbar ist. Ein selbstbewusstes China kämpft mit den Problemen eines aufsässigen Hongkongs. Und die unsichere, ja gefährliche Situation in Syrien und dem Irak bringt weiterhin die Nachbarstaaten in Gefahr.

Von der Wirtschaft über Politik bis hin zur Sicherheitslage: Heute scheint die Welt wie ein Spinnennetz zu sein, dessen ausgefranste Enden im Wind des Wandels wehen, sodass manche Fäden unschön zusammenkleben und andere sich aus dem widerspenstigen Wirrwarr frei kämpfen wollen. Wenn das keinen «neuen globalen Zusammenhang» begründet, dann weiss ich auch nicht.

Dieses Chaos aufzuräumen, übersteigt die Fähigkeiten des WEF, das ja nur knapp eine Woche dauert. Die Frage lautet also wie immer: Welchen Beitrag kann Davos überhaupt leisten, um uns auf die richtige Fährte zu lotsen? Wenn Besucher kommen, die sich darauf vorbereitet haben, der unschönen Realität ins Auge zu blicken, haben wir eine gute Chance, zumindest einen Anfang zu schaffen. Wenn sie aber nur dorthin reisen, um sich wegen des Zustands der Welt gegenseitig tröstend auf die Schulter zu klopfen, und anschliessend alle anderen dafür verantwortlich machen, vergeuden sie unsere Zeit.

In einer Videobotschaft vor Beginn des WEF sagte Klaus Schwab, dass es um Führungsverantwortung gehe.

«Vertrauen bedeutet Führungsverantwortung. Man muss sich auf die Bedürfnisse derjenigen einstellen, die einen mit der Führungsverantwortung beauftragt haben. Wir in Davos müssen an diesem Punkt beginnen.» Er fügte hinzu. «Nach Davos reisen die Topmanager und Spitzenpolitiker von heute. Deshalb sollten wir unsere Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellen, indem wir uns um jene kümmern und sorgen, die sich ausserhalb der Mauern dieser Veranstaltung befinden.»

Es stimmt, Professor Schwab, die Spitzenpolitiker und Topmanager sind in Davos. Doch viele von ihnen sind diejenigen, die uns den ganzen Schlamassel überhaupt erst eingebrockt haben. Nun müssen sie uns zeigen, wieso wir ihnen Vertrauen schenken und sie uns durch irgendeinen «neuen globalen Zusammenhang» führen lassen sollten.

Dass Davos die Schaumschlägerei im Motto weggelassen hat und uns stattdessen einen Arbeitstitel liefert, den wir verstehen und verwenden können, ist ein Zeichen dafür, dass ernste Zeiten angebrochen sind. Den neuen globalen Zusammenhang gibt es tatsächlich - und vielleicht ist Davos endlich erwachsen geworden.

Weitere Informationen zur WEF-Berichterstattung von CNN International finden Sie unter: www.cnn.com/davos

 

(Richard Quest, CNN International/news.ch)

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