Grünes Image
Ein grünes Mäntelchen umhängen?
publiziert: Freitag, 19. Apr 2013 / 10:54 Uhr
Raphael Fuhrer absolvierte seinen Master in Raumentwicklung und Infrastruktursystemen. Er schreibt zurzeit seine Doktorarbeit am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich.
Raphael Fuhrer absolvierte seinen Master in Raumentwicklung und Infrastruktursystemen. Er schreibt zurzeit seine Doktorarbeit am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich.

Unternehmen können entweder Gewinn erzielen oder wirklichen Nutzen schaffen, beides gleichzeitig geht nicht. Oder doch?

Weiterführende Links zur Meldung:

Schwall und Sunk
In Fliessgewässern können die Abflüsse unterhalb von Kraftwerkzentralen täglich schwanken.
admin.ch

«Conscious Collection» von H&M
Ohnmächtige Näherinnen machen Werbung für Existenzlöhne.
evb.ch

Als ich als Jugendlicher begann, mich für die Welt und ihre Abläufe zu interessieren und mir ein politisches Bewusstsein zuzulegen, kam ich relativ rasch und ohne grosse Umwege zu folgendem Schluss: Da sind auf der einen Seite die Unternehmen, die rücksichtslos ihren Gewinn steigern, und auf der anderen Seite die Verbände, bestimmte Medien und Parteien sowie eine gewisse Öffentlichkeit, die uns und die Natur vor diesen Grobianen schützen. Mein Konzept bekam Risse, als Freunde von mir ihr Sackgeld im Reformhaus aufbessern gingen. Ein gewinnorientiertes Unternehmen mit hehren Absichten, gibt es das doch? Diese Frage lässt mich seither nicht mehr los. Um mehr zu erfahren, ging ich kürzlich in eine Sommerschule zum Thema nachhaltige Unternehmen. Mit geschärftem Blick schaute ich mich in der Unternehmenswelt um.

Pseudo-Nachhaltigkeit

Da ist die Elektro-Auto-Industrie, die ihre Modelle als perfekte Stadtflitzer anpreist. Das macht voll Sinn, dachte ich im ersten Moment, denn in der Stadt lässt sich die nötige Infrastruktur bauen und es werden viele Menschen von Abgasen entlastet. Nur: Wo, wenn nicht in der Stadt, lässt es sich zu Fuss, per Velo oder mit dem ÖV gut leben? Sollen wir den ohnehin knappen (sauberen) Strom fürs Autofahren in der Stadt vergeuden? Nein, den brauchen wir doch sinnvollerweise für den effizienteren städtischen ÖV.

A propos Strom, die Elektrizitätsunternehmen preisen ihre Pumpspeicherkraftwerke als saubere Batterie für Strom aus unstetiger Produktion wie Wind und Sonne an. Das tönt gut. Tatsächlich aber wandelten sie vor allem günstigen Atomstrom aus der Nacht in teuren Spitzenstrom - mit viel Gewinn und den bekannten Problemen mit Schwall und Sunk für die Gewässer. (Siehe weiterführende Links zur Meldung: Schwall und Sunk)

Oder gewisse sogenannte nachhaltige Konti einiger Banken, die unser Geld statt bei Exxon in BP-Wertpapiere anlegen, weil BP innerhalb der Ölindustrie angeblich von allen Unternehmen noch am besten dasteht. Dieser sogenannte «Best-in-class»-Ansatz streut das Geld des Bankkunden auf alle möglichen Wirtschaftszweige und wählt innerhalb jeder Branche das Unternehmen aus, das für die Umwelt am wenigsten Schaden anrichtet. Entscheidend ist einzig, dass das Unternehmen umweltfreundlicher ist als die anderen seiner Branche - wie umweltverträglich es an und für sich ist, spielt keine Rolle.

Und während meines Einkaufs gestern bei einem Schweizer Grossverteiler lachten mich überall auffällig präsentierte Bio-Produkte an. Liegt die Umwelt dem Grossverteiler tatsächlich am Herzen? Aber dann müsste er konsequenterweise geschätzte drei Viertel seiner Produkte aus dem Sortiment nehmen. Gewichtiger für die Bio-Verliebtheit scheint mir, dass massiv höhere Margen auf Bio-Produkten möglich sind, wie «Kassensturz» immer wieder berichtet.

Vielleicht geht es auch nur um ein grünes Image, wie bei H&M und seiner «Conscious Collection». Dazu wird der Chef von H&M zitiert, wir Kunden würden nun hoffentlich darauf vertrauen, dass alles, was wir von H&M kaufen, mit Rücksicht auf Mensch und Umwelt hergestellt werde. Ein paar Kleidungsstücke mit Bio-Baumwollfasern herstellen und schon soll die Kundschaft ihr schlechtes Gewissen ablegen? (Siehe weiterführende Links zur Meldung: «Conscious Collection» von H&M)

Vernebelungstaktik funktioniert oft

Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Sie zeigt: Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Und nicht alles, was sich mit grün, nachhaltig, eco, bio und so weiter schmückt, ist dies auch. Aber sehr oft funktioniert die Verneblungstaktik. Vielleicht auch, weil wir uns eigentlich wünschen, den Gegensatz zwischen Gewinnstreben und nachhaltigem Nutzen aufheben zu können. Aus Bequemlichkeit, Eigennutz, Idealismus oder Harmoniebedürfnis. Wie auch immer, die Rechnung, gleichzeitig Gewinn wie echten Nutzen zu machen, geht meistens nicht auf. War mein jugendliches, unausgegorenes Weltbild gar nicht so verkehrt? Weitere Gedanken dazu folgen in meinem nächsten Blogbeitrag.

(hä/sda)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Mit Biogas betriebene Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen (WKK) können fluktuierenden Solarstrom kompensieren und Gebäude beheizen.
Mit Biogas betriebene ...
Eine zentrale Herausforderung der Energiewende ist es, die schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen auszugleichen. Eine Machbarkeitsstudie zeigt nun für drei Schweizer Kantone auf, wie ein Verbund von Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen kurzfristige Engpässe überbrücken und Gebäude mit Strom und Wärme versorgen kann. mehr lesen 
Vor rund hundert Jahren begann die Industrialisierung der Landwirtschaft - heute erleben wir den Beginn ihrer Digitalisierung. Damit die Big-Data-Welle den Bauer nicht vom Acker schwemmt, sondern ihn optimal unterstützt, gilt es, das Feld früh zu bestellen und Marken zu setzen, damit die digitale Landwirtschaft die richtigen Fragen adressiert. mehr lesen  
Die Schweizer Wasserkraft darbt. Die Ursache dafür sind letztlich Verzerrungen im europäischen Strommarkt. Nun diskutiert die Politik Subventionen für die ... mehr lesen  
Wie werden Wasserkraftwerke wieder rentabel?
Climate change has been communicated as a global concern affecting all of mankind; but this message doesn't seem to be getting through.
Climate change has been communicated as a global concern affecting all of mankind; but this message doesn't seem to be getting through. If indeed the human brain responds better to experience ... mehr lesen  

Fakten und Meinungen zu Nachhaltigkeit

Der Zukunftsblog der ETH Zürich nimmt aktuelle Themen der Nachhaltigkeit auf. Er bietet eine Informations- und Meinungsplattform, auf der sich Expertinnen und Experten der ETH zu den Themenschwerpunkten Klimawandel, Energie, Zukunftsstädte, Welternährung und Natürliche Ressourcen äussern. Prominente Gäste aus Forschung, Politik und Gesellschaft tragen mit eigenen Beiträgen zur Diskussion bei.

Lesen Sie weitere Beiträge und diskutieren Sie mit auf: www.ethz.ch/zukunftsblog

.
Green Investment news.ch geht in Klausur Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in ... 21
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich -1°C 16°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Basel 1°C 17°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
St. Gallen 1°C 14°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Bern -1°C 15°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Luzern 0°C 16°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Genf 2°C 16°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
Lugano 4°C 18°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten